Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 33 (20.2.1919)
- Date
- 1919-02-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Ministerpräsident wurde Leicht verletzt, er blieb aber trotzdem sehr ruhig und sagte zu de« Personen, welche ihn umringten: „Das ganze ist nichts". Der Attentäter, der zu flüchten versuchte, würde von Polizisten mit Hilfe von Passanten festgenourwen. Er nannte sich Gattin. Clemeneeau konnte sich.zu Fuß nach Hause begeben. Sein Zustand gibt zu keiuerle! Besorgnissen Anlaß. Paris, 19. Februar. Nach einer Meldung der Agenee tzavas wurde Clemeneeau durch < einen der gegen ihn abgegebenen Schüsse an der Schulter leicht verletzt. Die übrigen Schüsse durchlöcherten die Decke des Automobils. VMaLßlAMMg über DenWöhilm. Elve Forderung Amerikas auf der Friedenskouferenz. Haag, 19. Februar. Die Telegraphen-Union meldet: Zn diplomatischen Kreisen derlautet, daß die tschechischen Vertreter auf der Pariser Friedenskonferenz in zwei Fragen ihren Standpunkt nicht durch gefetzt haben, und zwar in der -Fr atz e d e r Zu ge h Sri g f « i* Deuts chbShmen S u n d in v Frage d ^S Korridors, den sie von Preßbnrg aus über ausschlreßlich deutsches und rein nngarisches Gebiet nach dem südslawischen Staate gezogen haben wollten. Bezüglich Deutschböhmens bestehe Amerika a u f d e r Abstimmung d e r B e v S l k e r u n g. Die amerikanische Delegation setzte sich dafür ein, daß die Abstimmung in Deutschböhmen durch keine Propaganda gestört und daß es während dieser Zeit durch englische und amerikanische Truppen besetzt werde. An Stelle des von den Tschechen gewünschten Korridors nach dem südslawischen Staate soll nur die Znter Nationalisierung der Eisenbahnlinie Preßburg—Fiume und die Internationalisierung der Douau zugestanden werden. Eine amrikailische Koutrollloumisfioil für Deutsihöstemich. Schutz der nationalen Minoritäten. Haag, 19. Februar. (Tel. der »Wr. Morgenztg.*) Wie. der „Temps" berichtet, wurde zur? Regelung der wirtschaftlichen, finanziellen und Wrederaufbaufrazen in A eutschö ft erreich ein^ amerikanische Kontrollkommission ernannt, die ihren Sitz ist Wien haben wird. Die Kompetenz dieser Kommission soll sich auch auf die Angelegenheiten i der nationalen Minoritäten und ihr Verhältnis zur Republik erstrecken. Vor der Konstituante. Parteisitzungen. — Die Valutenfrage. — Die SoziMemohraten gegen Notwahlen. — Die r Ghristlichsozialen. Bon unserem ParlamenLskerichLersLatter. " li W i t n, 19. Februar. Im Parlamentsgebäude herrschte gestern nach länger Zeit wieder reger Betrieb. Die meisten der in Wien gewählten Abgeordneten hatten sich eingefunden und auch zahlreiche Personen aus dem > Publikum sprachen in der Kanzlei vor, um sich für Galeriesitze zur Eröffnung der Konstiiuante vorzumerken. Nach den bisherigen Dispositionen soll die Eröffttungssitzmig am 4. März stattfinden. Die Wahl des Reichspräsidenten soll am 6. März erfolgen. Zwischen den-Koalitionsparteien finden unausgesetzt Verhandlungen statt» um alle Zwischenfälle in den ersten Sitzungen unmöglich zu" machen und einen würdigen Verlaus der Beratungeil zu sichern. Gleichzeitig verhandelt man über die Besetzung der obersten Reichsstellen, und zwar geht der Kampf vor allem um den Posten des Reichspräsidenten, des Staatskanzlers und des Präsidenten der Konstituante. Man wird wahrscheinlich denselben Weg wie in Deutschland einschlagen und den Posten des Reichspräsidenten und. des Staatskanzlers den SozialdemotzMeüüberlassen. ] Das Präsidium der Nationalversammlung soll bet ■ zweitstärksten Partei, den Christlichsozialen überlassen : werden, die nach den bisher, noch ausständigen Meldungen aus den letzten Wahlkreisen 69 Sitze errungen haben» also um nur ein Mandat hinter den "DvzialdenwkraM*WWckh!eiheiW^d^^ Die Sozialdemokraten hatten für. gestern vormittags bereits ihre neugewählten Abgeordneten zu einer Sitzung nach Wien emberufen. Die Sitzung war außerordentlich stark besucht, galt aber weniger der Behandlung politischer Fragen, als vielmehr dem Zweck, die Neugewählten, besonders die Frauen, mit den Verhältnissen in dem Parlamenlsgebäuke vertrant zu machen. Die politischen Beratungen werden erst heute beginnen. In der außerordentlich regen politischen Diskussion. die gestern in der Säulenhalle geführt wurde, beschäftigte man sich hauptsächlich mit den finanziellen Angelegenheiten. Es wurde, von allen Seiten angeregt, daß das Staatsaint für Finanzen, das durch den bevorstehenden Rücktritt des Herrn Dr. Stemmender' in Kürze neu besetzt werden wird, den wichtigen Finanzzentren des feindlichen und neutralen Auslandes Aufklärungen darüber geben solle, welche Maßregeln zum Schutze des Notenkreditesgetroffen wurden. Das finanzielle Chaos, das durch die nicht gleichzeitige Abstempelung der Noten in den einzelnen Nationalstaatenentstanden ist, hat unter anderem dazu geführt, daß im Ausland die tschechische Kronennote um etwa 20 Prozent höher bewertet wird als die übrigen ^ronennoten. Gemildert wird die Situation einigermaßen dadurch, daß Deutschösterreich, wie man allgemein hört, einen viel geringeren Umlauf an Papiergeld hat als die übrigen Nationalstaaten. Besonders soll dies für die Alpenländer gelten, die infolge ihrer wirtschaftlichen Entwicklung einsuhrbedürstig sind und deshalb eher Ausfuhrländer' vdn Noten , find, da sie nur geringe Ueberschüsse an landwirtschastlichen Produkten zu verkaufen hatten. Auch in Wien, wo der bargeldlose Verkehr sich sehr stark entwickelt hat, wird der Notenumlauf kaum so groß sein, -als man zum Beispiel m Prag glaubt. Die vorsichtigsten Schätzungen gehen dahin, daß DeuLschösterreich einen Notenumlauf von etwa 6 Milliarden Kronen hat. Wenn man davon IV» Milliarden für die unentbehrliche Versorgung des Landes mit gesetzlichen Zahlungsmitteln abzieht, so bleiben noch .3 bis 4 Milliarden, deren Beseitigung bei einer vernünftigen Finanzpolitik nicht allzu schwer wäre. Es ist aber jedenfalls dringendst zu fordern, daß die Finanzvermaltung sich mit ihren Maßregeln beeile, um emec weiteren Ueberschätzung der tschechischen Noten im Aussand, die' man übrigens auch auf politische Umtriebe zurücksührt, vörzubeugen. -Die Verhandlungen über die NotwaWn in den besetzten Gebieten nehmen gleWalls einen breiten Raum in den Besprechungen der Politiker ein. .Die Sozialdemokraten leisten aus prinzipiellen Gründen den schärfsten Widerstand gegen, die- Ernennung von Abgeordneten und erklären, daß sie nach dem Ausfall der Wahlen, der jeder vorherigen Schätzung spottet, l.noch viel weniger eme Ernennung zulasten könnten. Sie stehen auf dem Standpunkt, daß man zunächst versuchen muß, in. den besetzten Gebieten Wahlen durchzusühren. Ein ernsthafter Versuch sei bisher nur durch die Feigheit der deutschbürgerlichen Elemente verhindert worden, denen die Gewaltmaßnahmen, der tschechischen Negierung durchaus nicht unerwünscht kamen. Die Sozialdemokraten verlangen, daß das Staatsamt für Aeußeres sich an die Friedenskonferenz mit einer Note wende, in der die. Durchführung der Volksabstimmung unter der Kontrolle neutraler Kommissionen verlangt wird. Nach einer mittags eingetroffenen, Pariser Depesche hat die amerikanische Negierung bereits die Volksabstimmung in Deutschböhmen verlangt. Man verweist nun darauf, daß die italienischen Behörden in einigen Bezirken Südtirols die Wahlen zur Konstituante zugelassen haben, wodurch unter anderem den Christlichsozialen ein unerwarteter Zufall von drei Mandaten kam. Erst wenn die Friedenskonferenz sich gegen die Durchführung der Wahlen aussprechen sollte — was man nicht erwartet — könnte man der Frage der Ernennung der Abgeordneten nähertreten. Doch müßten vorher in den besetzten Gebieten mit Zustimmung der Okkupationsbehördcn die Neuwahlen in die Gemeinde erfolgen, damit man eine genaue Uebersicht über die Parteienvertellung erlangen könne. Wenn diese Voraussetzungen ein anderes Bild der Parteienstärke erbringen sollten, was ja sicher ist» dann wird keiner der deutschradikalen Führer, die ihr eigenes Land so schmählich im Stich gelassen hatten, und in Wien an den zentralen Krippen saßen, in das Abgeordnetenhaus zurückkehren.! Es hat in der letzten Zeit vielfache Krisen in der Christlichsozialen Partei gegeben, die durch den Ausgang der Wahlen sich noch verschärfen. Der linke Flügel, den Dr. Weiskirchner führte, ist bei den Wahlen unterlegen, während sich der rechte Flügel, geführt von. Präsident Hauser, behaupten konnte. Die Partei Weis-^ Kirchners will nun die Konsequenzen insofern ziehen,, als sie zur Opposition übergehen will, um die Sozialdemokraten ganz in die Regierung zu drängen und ihnen die Verantwortung aufzuhalsen. Davon wollen aber Dr. Hauser und Herr Fink — beide gehören zu den politisch klügsten Männern des Hauses — nichts wissen. Herr Hauser, der in der vorigen Woche nach einem heftigen Streit mit seinen Parteigenossen seine Demission als Präsident gegeben hatte, hat sich eines Besseren besonnen und verbleibt vorläufig im Staats*; direktorium. '