Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 32 (19.2.1919)
- Date
- 1919-02-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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* $tt 32 Men, MtttwoS« allen Waffenstillstandsfragen in Händen haben, und daß letzten Endes die Nationalversammlung über alle wichtigen Entscheidungen befragt werden und ihr Votum abgeben soll. Die amerikanische« Lebensmittel komme« anfangs März. Genf» 18. Februar. (Tel.-Komp.) Die amerikanische LebenSmittelkomnussion ist gestern von hier nach Deutschland werteraereist, wo sie sich bis zum 1. April aushaltrn soll. Das Eintreffen der ersten amerikanischen Lebensmittelschiffe in Deutschland ist für die erste Märzwoche zu erwarten. Die Spartakuskämpfe in Dorten. Sieg der Regierungstruppen. , Essen, 18. Februar. (Tel.-Komp.) Die „Rheinisch- Westfälische Zeitung" berichtet aus Dorten: Entgegen den Meldungen des Spartakusbundes sind die Regierungstruppen hier völlig Herren der Lage. Gestem kam es noch zu kleineren Zusammenflößen, bei denen aber der Widerstand der Sparta- Kustruppen bald gebrochen war. Die Regierungstruppen hatten insgesamt 4 Tote, auf d« Gegenseite betrug die Zahl der Toten über 20, worunter sich auch der Führer befindet. Mehrere hundert Spartakisten wurden gefangen genommen. Es zeigte sich hierbei, daß die Mehrzahl der Ausrührer aus der Hambomer Gegend stammen. Gewerkschaften gegen Spartakisten. , Nürnberg, 18. Februar. (Tel.-Komp.) Heute um S Uhr Wh veranstalteten die Gewerkschaften in Nürnberg eine Rresendemonstration, an der sich gegen 50.000 tersonen beteiligten. Sämtliche Betriebe feierten aus diesem nlaß. Die Redner und die Versammelte« protestierten gegen die spartakistrschm Umtriebedie in den letzten Tagen in Nürnberg stattgefunden haben. Sie forderten sofortige Beseitigung der Gewaltherrschaft und des Maschmmgewehr-Terrors einiger weniger Soldalm. Die Redner ~ Katen auch Verwahrung gegm die über die Kopfe der Gewerkschaften und der Arbeiter- und Soldatmräte hin getroffenen Maßnahmen ein, die von den Ministem Roßhaupter und Auer getroffen wordm warm. In den Aufforderungen zur Demonstration wird gegen den Bmderkrieg und gegen die Verhetzung der Massen Stellung genommen, aber auch das willkürliche Vorgehen einiger Mitglieder der Regierung verworfen. Vor allem wurde auch Aufklärung über die Gerüchte von Nabrungsmittelschiebunge« und über die Erähnmaslage gefordert. Die Demonstcatton verlief ruhig. Die Massen zerstreuten sich ohne weiteren Umzug gegm 1 uhr. Die Nachricht, daß der Abgeordnete Schneppenhorst bei dem Sturm auf das Generalkommando schwer verwundet wordm sei, bestätigt sich nicht. Ungar«. Zwei fleischlose Lage in Budapest. Budapest. 18. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Mst Rücksicht auf den großen Fleischmqnael wurde die Einsührung von zwei fleischlosen Tagen getroffen. DaS EmährungSamt teilt mit, daß es gezwungm ist, die Fleischquote von 15 Ms 10 Dekagramm herabzusetzeu. Reaierungswmmiffär Erdöly teilt mit, daß die Apvrovlsionieruna Budapests mff große Schwierigkeiten stoßt, da die Tschechen die Einfuhr aus -m besetzten Gebieten drosseln. so, daß Budapest heute nur von Transdanubja und Alföld versorgt wird. In normalen Zeiten haben Siebenbürgen und Oberungarn Budapest mit Schlachtvieh versehm. In Westungarn wird in unerhörtem Ausmaße ein Schmuggel mit Fleisch nach Deutschösterreich getrieben, war die Regierung zu energischen und umfassenden Maßregeln dagegen veranlaßt. Ukraine. Anstritt Winnitschenkos aus dem Direktorium« Winnitza, 18. Febmar. (ULr. Pressedienst) W i n n i t s ch e n k o fft aus dem Direktorium ausgetreten. P e t l u r a hat das Präsidium übernommen, Konow alee ist zum Mitglied des Direktoriums emannt worden. Das Direktorium hat folgendes Ministerium ernannt : Vorsitz: O st a p e n L o, Auswärtiges: M aciewycz, Finanzen: Feduk (aus Lemberg), Ernährung: S ch ewtfch enk o-Tfchopinskyj, Sozialföderalist, Kriegsminister: Schapowal, Inneres: Kyfiewskyj, Ackerbau: A r ch i p e n k o, Nationalrepublikaner. Das Kabinett ist ein Arbettsministerium. Kiew von ukrainischer Artillerie beschoffen. Kameniee Dodolskyj, 18. Februar. (Radio.) Der Oberkommandierende der ukrainischen Truppen, General H r e K i w (Grekow), meldet: Unsere Truppen beschießen Kiew mit schweren Geschützen. Die Zeit der Krisis ist vorbei. Die Organisation der nattonalen Armee geht erfolgreich vor sich. Nutzland. Niederlage der Bolschewiken. London» 17. Februar. (Tel.-Komp.) Die Blätter melden: 'ffat Norden des Kaukasus wurden die Bolschewiken geschlagen. General Denikin leitete eine kräftige Offensive ein und eroberte eine Reihe von Städten, wob« der Feind 31.000 Gefangene verlor. Die Anttbolschewikm rücken entlang der Eisenbahn Stauropol nach Moskau in westlicher Richtung vor. Alles weist darauf hin, daß sie in Kürze das Kaspische Meer erreichen werden, so daß ihr Gebiet dann vom Kasp.schen bis zum Schwarzen Meer sich ausdehnen wird. Sozialifiernng der Fabriken» Vernichtung des Handels. Stockholm, 18. Februar. (Tel.-Komp.) Die hiesigen Blätter melden aus Helsingfors: Nach Moskauer Nachrichten sind dort 1125 Fabriken und gewerbliche Unternehmungen von den Bolschewiken sozialisiert worden. Die von den Bolschewiken im ökonomischen und kulturellen Leben hervorgerufenen Verheerungen sind entsetzlich. Der gesamte Privathandel ist unterbunden. Die Wiener Morgenzeitnng einzigen Organisationen, die bisher von den Bolschewiken verschont wurden, sind die Konsumvereine, die letzten noch einigermaßen sicheren Ernährer der Bevölkerung. Besonders während des letzten Jahres gewannen die Konsumvereine in ganz Rußland große Bedeutung. Alle übrigen Vereine sind als gemeingefährlich von den Bolschewiken geschlossen worden. Spanten. Belagerungszustand über Granada. Stndentennnruhen in Madrid. Madrid, 18. Februar. (Havas.) In G r a n a d ä hat sich die Lage verschärft. Manifestanten plünderten die Räumlichkeiten hes Blattes „sbefenfot". Ueber Granada wurde der Belagerungszustand verhängt. Die Madrider Studenten blieben zum Protest gegen die Vorgänge in Granada den Vorlesungen fern und veranstalteten vor dem Hotel, wo der Deputierte Cachica, ein Bruder des Bürgermeisters von Granada, wohnt, eine Kundgebung, wobei sie Steine gegen das Haus warfen. Sie verlangten die Ausweisung Cachicas. Sodann setzten sie die Kundgebung in den Straßen fort. In Beantwortung einer von Cachica in der Kammer gestellten Interpellation erklärte Ministerpräsident Romanones, er bedauere die Vorfälle. Die Absetzung des Bürgermeisters und des Gouverneurs hätten nicht genügt, die Ruhe wieder herzustellen. Türkei. Die Türke« verlasse« Konstanttnopel. Rom, 17. Febmar. (Tel. der „Wr. Morgenzig.") Laut direkten Nachrichten aus Konstanttnopel hat eine große Anzahl türkischer Familien die Stadt ver-. lasten, um nach Asien auszuwandern. Der Sultan uns die Prinzen wollen demnächst ebenfalls abr.isen. Die Verwaltungsorgane des Sultans sollen vor Unterzeichnung des Waffenstillstandes 80 Millionen Franks in Geld und Schmuckgegenständen nach Asien geschafft haben. England. Wiederaufnahme des Handels «tt de« Orient. London, 17. Februar. (Tel.-Komp.) Da das Handelsamt seine .Zustimmung zur Wiederaufnahme des Handels mit der TürleDDVulgarien und den russischen Schwarzm Meerhäsen sowie mtt Rußland erteilt hat, sind Maßregeln getroffen worden, um den Händel mit dm Schwarzm Meergrbietm wieder archimHmm. _____ Tagesbericht. Einige Bemerkungen. , Der Durchfall Ofners. Di« „Arbeiter-Zeitung": „Daß die Juden dieser« weifen und gerechten Mann einen Gegmkandidate» entgegengestellt und unter Entfaltung des jüdischen Chauvinismus zu Fall gebracht haben, stellt der geistigen und politischen Reife dieses Bürgertums kein gutes Zeugnis aus." DaS jüdische Bürgertum hat also diesmal eine schlechte Zensur erhalten, es kann die Maturitätsprüfung nicht bestehen, da ihm'' die geistige und politische Reise fehlt, eS hat bei der Prüfung nicht entsprochen — nämlich den Anforderungen, welche der jüdisch-sozialdemokratische Schulprofessor gestellt hat. Statt der Fahne des sozialistischen Teütonentums hat es den Chauvinismus entfaltet und.sich einem . Gegenkandidaten, wie man zu sagen pflegt, entgegengestellt. Der Fall, zu dem es ihn gebracht hat, ist umso betrüblicher, als Dr. Ofner ein weiser und gerechter Mann war, der darum auch nicht der Sozialdemokratie angehörte, und der eS sicher weiser und gerechter als Herr Austerlitz beurteile» wirb, wie weise die Juden taten, ihn nicht zu wählen, und wie gerecht es ist, baß sie ihn zu Fall brachten.! Die Verirrung. ' „Neues Wiener Tagblatt": Julius Ofner ist durch eine seltsame Verirrung der jüdischen Wählerschaft um sein Mandat gekommen." Seltsam ist die Harmlosigkeit des Inden, der de» Dettenhorizont nur vom Redaktionssefsel einer isolierten Stabt aus ermißt. Der Blick ist auf das Schreibpult gebannt und leider ist ihm kein Flug ins Weite gegönnt, auf dem er sich jemals verirren könnte. Drinnen, fo denkt er, herrscht träger Friede, man weiß, woran man ist; draußen, Gott behüte, gibt eS Dinge, die man garnicht voraussehen kann. Neue Welten entstehen, aber kein seltsames Zeichen davon verirrt sich bis in das Tintenfaß des Chronisten, der es darum nicht merkt und nicht merken will, baß er schon, längst um das Mandat gekommen ist, in jüdischen Ding«: auch noch mitzureden, Vielleicht. Die „Arbeiter-Zeitung": vielleicht hat daS Uebermaß einer Agitation, die so stark nach Reklame aussah, der jungen (bürgerlich-demokratischen) Partei, die so rasch alt geworden ist, eher geschadet." Es kommt eben nicht nur darauf an, wonach einer aussieht, sondern was einer ist. Die „Arbeiter-Zeitung" kann daS beurteilen. Hätte sich die demokrattfche Partei nicht nur darauf beschränkt, fo auszusehen, alS ob sie Rellame triebe, hätte sie sich vielmehr ernsthaft jene geschickten Prinzipien wohlberechneter Rellame zu eigen gemacht, die mtt Uebermaß i» de« Straßenaufzügen der Invalide« «nd Rollwagen zu finden war, hätte sie sich ähnliche Referenzen verschafft, wie. die. Sozialdempkrawkr die sich »och nutz de» Gräber» 19. Februar 1919 Seite 9 Erklärung. Gegenüber den in den letzten Tagen in verschiedenen Blättern enthaltenen, unsere Firma betreffende«. Mitteilungen geben wir nachstehende Erklärung aß: Wir haben vom liquidierenden Kriegsministerium niemals auch nur einen Heller erhalten, den wir zu fordern nicht berechtigt waren. Die Militärkasse hat uns vielmehr auf Grund' eines Gesuches lediglich Akontozahlungen auf jene Beträge geleistet, welche von uns längst quittiert, vow der Heeresverwaltung für liquid erklärt und von dieser, zur Zahlung durch die Milttärkasse an uns überwiesen worden sind. Die in den Blättern genannten Militärbeamten kennen wir nicht einmal dem Namen nach. Unsere noch heute wider die Heeresverwaltung zu Recht bestehende und von dieser anerkannte Forderung übersteigt die eben erwähnten a» uns geleisteten .Ab-, schlagszahlungen sehr namhaft. Milbelm Keck S, Söbne Wien. heraus von den Toten rufen ließen, hätte auch sie so. prompt wirkende Heilmittel für gebrochene Mutterherzen entdeckt — zweifellos wären dann auch dieser jungen und so rasch alt gewordenen Partei im Uebermaß die gleichen Erfolge, beschert worden wie der so alten Partei der Sozialdemokraten, die sich leider noch immer nicht verjüngt hat. Die Gelegenheit. .. ' „Ein gelegentlicher Mitarbeiter (nämlich des „Pestev Llohd"^ hatte Gelegenheit, mit einem durch Bukarest reisenden polnischen Staatsmann" zu sprechen und endlich auf diese Weise die Neugierde der Leser seines Blattehinsichtlich der Verhältnisse in Polen zu befriedigen. Er wurde »ermächtigt, daS Interview mitzuteilen" und dadurch zu erkennen zu geben, daß auch der hervorragende Staatsmann gern die Gelegenheit ergriff, gelegentlichen Mitarbeitern und Neugierigen das zu verschweigen, was in Polen geschieht. EL ist angenehm und nicht ohne Wert, wenn man gelegentlich einer Reise nach Bukarest gefragt wird, ob eS in Polen keine Bolschewiken gibt, und wenn man daraufhin in Budapest verkünden kann, daß man diese Partei in Polen nicht ernst zu nehmen brauche, da die polnische Nation keinen Bolschewismus vertrage. Die Polen vertragen sich selbst nicht, wie sollten sie den Bolschewismus vertragen. Sie zerreißen sich gegenseittg, jeder wünscht etwas anderes: bas Voll verträgt das Klavierspiel des Herrn Paderewski nicht, und! der Staatsmann verträgt das Konzert nicht, das die Bolschewiken machen. Daß der Pole auch hier die Gelegenheit nicht vorübergehen läßt, demagogisch zu verleumden, sei nur gelegentlich festgestellt. Die Behauptung, kommunistische Bewegungen seien nur i» den „ärmsten Judengemeinden" aufgetreten, ist eine Offenbarung, welche speziell die Leser beS „Pester Lloyd" interessieren dürste. Vielleicht geben sie ihrem Blatt gelegentlich den Rat, sich gelegentlich einmal ernst-. Hafter mit der polnisch-jüdischen Frage zu beschäfttgen. Es scheint, baß diese Leser mehr vertragen als die Polen. Sin Berliner Ofner. . Auch in Berlin schwindet dem liberale« Judentum der Boden unter den Füßen. Dr. Paul Nathan, der bekannte Präsident des »HilfSvereinS der deutschen Juden", unleugbar einer der verdientesten Kommunalpolitiker Berlins, hat an die deutsche dembkrattsche Partei ein Verzichtschreiben gerichtet. Die Partei hat ihn nämlich „unter Nr. 66" auf ihre Kandidatenliste für die bevorstehenden Berliners Stadtverordnetenwahlen gesetzt. Da eS jedoch als ausgH.M schloffen erscheint, baß auch nur annähernd so viel SttmmchfiC auf die genannte Partei entfallen, wird man wohl in ihrechpü Beschluß ein Hinauskomplimentteren des Dr. Nathan eschr blicken dürfen. ES wäre müßig, Paul NathanS Verdienste?ä und Fähigkeiten als Kommunalpolitiker zu leugne». So&id uns an seinem Schicksal als. Politiker interessiert, ist Typische. des Falles. Hier Ofner, dort Nathan. Beide habe» tt unleugbare Fähigkeiten als Gesetzgeber und beide übe« ihre Wirksamkeit aus, ohne Rücksicht darauf, ob ihr Tun dem Judentum frommt. Dr. Paul Nathan war so deutsch, baß er öttity der. Hilfsverein der deutschen Juden, dessen Haupbtätigkeit die Erhaltung von Schulen in Palästina bildet, schließlich als Instrument deutscher Orientpropaganda ansah und einen ebenso heftige» wie skrupellosen Kampf gegen baL Hebräische entfesselte. Wohlgemerkt, gegen das? Hebräische in Palästina. Nun seht ihm bi« dentsch-demokratische Partei den Sessel vor^die Tür. Sozialdemokratische Siegesfeiern. Die Bollswehr vor dem Parlament. Gestern vormittags ist zur Feier beS sozralbemokratischen Wahlsieges die gesamte Volkswehr Wiens vor dem Parlament aufmarschiert. Unter dem Kommando des Hauptmanns Frey nahm zuerst das 40. Bataillon mit einer Musikkapelle und roten Fahnen Aufstellung. Hieran schlossen sich die anderen Bataillone rn tiefer Staffelung. Eine Abteilung Matrosen mit roten Fähnchen und eine Ka^alleriaeSkadron nahmen an dem Aufmarsch teil. Vom zahlreichen Publikum lebhaft akllamiert erschiene» hierauf Präsident S e i tz, Natronalrat Dr. Adler, die Unterstaatssekretäre Deutsch und Blöcke l, Nationalrat Seliger. Die Musik spielte das Arbeiterlied, worauf Doktor Adler daS Wort ergriff und auf die Bedeutung des sozialdemokratischen Sieger hinwieS. Unterstaatssekretär Dr. Deutsch erllärte, es müsse nun zur Sozialisierung der Industrie und Landwirtschaft geschritten werden. Haupt-- mann Frey sagte, der Gemeinderat und Landtag werde v« ebensaM vir» der Stec&igi bereit werden. Präsident