Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 31 (18.2.1919)
- Date
- 1919-02-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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V: Vr Sette 4 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitnng 18. F:bruär 1919 Nr. S1 Di, Kliener Morgrirreitung ist das einrige jWsch-poiitische cagbiatt in deutscher Sprache. Die „Wiener Morgenzeltring" Lostet: Für Wien mit Zustellung ins Haus r Monatlich ............. K. 7.— Vierteljährig „ 20.— Halbjährig.. 40.— Ganzjährig .. 80.— Für die Provinz mit Postoersand: Monatlich.A. 7.50 Vierteljährig ......... . „ 22.— Halbjährig ... . „ 44.— Ganzjährig.. . . . „ 88.— Für das Ausland: Vierteljährig. K. 24.— Administration der „Wiener Morgenzeitung": Wien, 2. Bezirk, Taborstraße Nr. 1—3. Telephon 44.033. Die Tätigkeit der Spartakisten. Besetzung von Bergwerken und Fabriken. — Generalstreik im Industriegebiete. — Blutige Exzesse. Juden und Jüdinnen! Zum Schutze der schwer bedrohten Interessen des Judentums hat sich am 4. November 1918 der Jüdische Nationalrat sür Deutschösterreich konstituiert. Bis zur Einberufung der jüdischen Nationalversammlung, welche auf Grund des allgemeinen und direkten Wahlrechtes von allen volljährigen Juden und Jüdinnen beschickt werden und die oberste jüdische Behörde bilden wird, hat der Jüdische Nationalrat provisorisch die Vertretung der politischen und wirtschaftlichen Interessen der Juden zu besorgen, ihre Rechte vor dem deutschösterreichischen Staatsrat und vor dem Völkerbund zu vertreten. Er hat darüber zu wachen, daß indieser verhängnisvollenZeitdergroßenUmwälzungendemGesamtjudentumunddemeinzelnenIuden Lein Unrecht widerfahre und dafür zu sorgen, daß die Forderung der Juden nach Gleichberechtigung und freier Selbstbestimmung gehört und berücksichtigt werde. In dieser Richtung hat der Nationalrat wiederholt erfolgreich interveniert. Die Erhaltung der von ihm geschaffenen Hilfs-, Rechtsschutz- und Fürsorgeinstitutionen bedarf großer materieller Mittel. Gleich zu Beginn der Revolution wurde die jüdische Gruppe der Wiener Stadtschutz' wache ins Leben gerufen, die von allen maßgebenden Stellen Lob und Anerkennung geerntet hat. Er hat den Exekutivausschuß der jüdischen Soldaten und eine großzügige Fürsorgeaktion für demobilisierte durchreisende und in Deutschösterreich zurückbleibende Soldaten geschaffen. Das Amt für s o z i a l e Fürsorge wurde bereits organisiert, das zunächst statistische Erhebungen über das Elend der jüdischen Bevölkerung unter Leitung von Fachleuten pflegt. Schließlich wurden in Wien mehrere Auskunsts- und Beratungsstellen in Angelegenheit der Erlangung der deutschösterreichischen Staatsbürgerschaft eingerichtet. Zum Zweck der Aufbringung der großen Mittel, welche die Einrichtung und der Betrieb» ferner Aemter und Hilfsstellen erfordern, hat der Jüdische Nationalrat eine freiwillige, einmalige jüdische Dolksstener ausgeschrieben. Juden und Jüdinnen! Der Nationalrat bittet nicht um Almosen, er wendet sich nicht an einzelne bevorzugte Personen und Gesellschaftskreise. Er fordert euch alle auf, ihm die Erfüllung seiner helligen jüdischen Pflicht zu ermöglichen. Jeder von euch soll selbst bestimmen, was er für die Ehre und den Schutz des Judentums, für die Sicherung seiner bedrohten Volksgenossen und der eigenen Existenz und Zukunft leisten kann und muß. Wer die jüdische Volkssteuer entrichtet, arbeitet mit an der Erhaltung und Neubelebung unseres altehrwürdigen Volkstums und genügt einer Pflicht, der sich keiner entziehen darf, wenn er den Namen Jude noch ferner in Ehren tragen will. Die jüdische Volkssteuer ist an den Finanzausschuß des Jüdischen Nationalrates, Wien, U Taborftraße 20a, zu senden o.der dortselbst bar zu erlegen. Das Präsidium des Jüdischen Nationalrates: Adolf Böhm, Bernhard Jahr, Dr. Isidor Margulies, Dr. Bruno Pollack v. Parnau, Dr. Saul So Kal, Ingenieur Robert Stricker. Ein verhinderter Putsch. Berlin, 17. Februar. Die Blätter verbreiten sich heute über die Gefahr von Unruhen, die gestern der Stadt neuerlich drohten und nur durch das rasche Zugreifen der Kriminalpolizei und der Regierungstruppen am Samstag abends sowie durch die Vornahme von Massenverhaftungen verhindert worden sind. Unter Führung der Truppen des Roten Soldatenbundes, denen bewaffnete Arüeiterlompagnien angegliedert werden sollten, wollte man systematisch die ganze innere S.'adt besetzen. Unter Leitung der inzwischen verhafteten Führer sollte gegen Abend zunächst das ganze Zeitungsviertel besetzt werden, um die Nachrichtenquellen zu unterbinden. Ebenso plante man, das Haupttelegraphenamt und andere wichtige Gebäude durch starke Truppen zu nehmen. Man hätte sich diesmal nicht begnügt, einzelne Gebäude zu besetzen, sondern hatte einen Plan ausgearbeitet, ganze Straßenblocks zu besetzen, um den Kampf von den Dächern gegen heranrückende Negierungstruppen mit Erfolg betreiben zu können. Besetzung der Bergwerke und Fabriken durch die Spartakisten im Hsmborner und Bochumer Revier. Berlin, 17. Februar. Die Abendblätter melden aus E s s e n: Im H o m b o r n e r und im Doch u me r Revier sind heute ernste spartakistische Streikunruhen ausgebrochen. Die Homborner Spartakisten haben sämtliche Zechen der Gewerkschaften „Deutscher Kaiser", „Rhein". „Lohberg" und „Neumühl" stillgelegt, ebenso die Fabriksbetriebe der Firma Thyssen in Mühlheim und Bruckhausen. Das Verwaltungsgebäude des Wasserwerkes ist ebenfalls von den Spartakisten besetzt und mit zahlreichen Maschinengewehren in Verteidigung s z u st and gebracht worden. Die Spartakisten proklamierten den G e n e r a l st r e i k als Protest gegen die Regierung. und fordern sofortige Sozialisierung und Zurückziehung der Truppen aus dem Industriegebiet. Im Bochumer Gebiet sind heute früh fast alle Zechen von den Spartakisten besetzt worden. Gelsenklrchen ln der Gewalt der Spartakisten» Berlin. I7. 5Mirirn* Das , ^rfirter Tageblatt" meldet ans Gelsenkirchen: Die Spartakusleute haben hier völlig die Gewalt an sich gerissen, den Bahnhof und andere öffentliche Gebäude besetzt und die Sicherheitsmänner der Mehrheitssozialisten entwaffnet. Gleichzeitig begannen nächtliche Plünderungen durch bewaffnete Spartakisten. . Generalstreik in Mühlheim a. d. Ruhr. Mühlheim a. d. Ruhr» 17. Februar. Die kommmustische Partei und die unabhängigen Sozialdemokraten haben als Protest gegen den Einmarsch von Regierimgstcuvpen in das Industriegebiet den Generalstreik proklamiert. In Mühlheim besetzten um 6 Uhr früh bewaffnete Spartakisten und Leute der Sicherheitsmehr dre Portale der großen Werke nndvec mehrten den Arbettern und Angestellten dm Eintritt. Die Spartakisten besetzten außerdem das Telephon- und Telegraphenamt, so daß jeder telephonische und telegraphische Verkehr unterbunden ist. Die Ansforderlmg jut Einstellung der Arbeit wird an alle Betriebe gerichtet. Auch die Straßenbahner werden gezwungen sem, den Dienst einzustellen. Blutiger Zusammenstoß mit Kommunisten. Berl'n, 17. Februar. Das „Berliner Tageblatt" meldet aus Recklinghausen: Bei dem Einzug der Negierungstruppen in Dorten kam es zu einem blutigen Zusammenstoß mit den Kommunisten. Die Negierungstruppen verloren einen Offizier und einen Mann an Tolen und zehn Verwundete, behielten aber schließlich die Oberhand. Die Spartakisten hatten mehrere Tote und Verwundete, außerdem wurde eint Frau getötet, eine andere schwer verwundet. Regierungstruppen ins Industriegebiet abmarschiert. Berlin, 17. Februar. Wie die „B. Z. am Mittag" erfährt, sind gestern einige Abteilungen Negicrungstruppen in das Industriegebiet abgegangen. Die Lage dortselbst gleiche vollkommen jener, die vor einigen Wochen in Bremen geherrscht hat. Die große Mehrheit der Arbeiter werde von einer kleinen Minderheit durchaus kommunistischer Gesinnter terrorisiert. Diesem Terror beabsichtige die Regierung mit derselben Energie entgegenzntreten wie in Bremen, und es sei zu erwarten, daß sich die überwiegende Mehrheit der Arbeiter im Ruhrgebiet ihr anschließe» werde. Die Wahlen. Nach der Wahl. Die Wähl des jüdischnationalen Kandidaten in die Konstituante ist umso höher einzuschätzen, als sie durchaus aus eigener Kraft des zionistischen und nationaljüdischen Gedankens erstanden ist. Uns standen weder Aeroplane, noch massenhafte Plakate, noch bezahlte Agitatoren zur Verfügung. Die jüdische Wählerschaft des Judenbezirkes hat einfach erkannt, daß sie das primäre Recht auf die eigene Nation erkämpfen müsse. Sie haben begriffen, daß die deutschösterreichische Judenheit in der Konstituante vertreten sein müsse, daß es notwendig ist, das Verhältnis zu den nichtjüdischen Staatsbürgern endlich gründlich zu ändern, daß man sich werde verstehen lernen, wenn man von Volk zu Volk verhandle und daß man Pflichten gegenüber dem Gesamtjudentume zu erfüllen habe. So rvprde Ing. Robert Stricker, der Präsident des Mischen Na ionalrates sür Deulschöster eich, ins die Konstituante gewählt. Es wird sich erweisen, daß diese Wahl dem gesamten Judentums zur Ehre und diesem Staat« zum Wähle gereichen wird. , ,, . * H"" *" Stricker hat mehr Stimmen erzielt, als die Kandidaten Ofner und Blasel zusammengenommen. Es möge dies den jüdischen Wählern zur Lehre dienen, daß das so oft gebrauchte Wort: „ich wähle den, oder jenen nicht, weil er keine Aussicht hat, durchzukommen," unsinnig ist. Ein Programm, eine Idee, sind stärkere Waffen als Beziehungen und „Chancen". , , Wer steht eigentlich hinter ter sogenannten „freiheitlichen" Pre se? Die,er ganze B ätterwa d, der säst nur von Juden gelesen wird, hat zahlreiche Kandidaten „gemacht", von denen kein einziger durch gei.runeir ist. Einer wurde totgeschwiegen. Der aber wird in der Konstituante sitzen... * ' Der „Abend" schreibt: „Am schmerzlichsten wird überall, wo man fortschrittiich denkt, die Niederlage Dr. Ofners berühren. Es ist eigentlich gar keine Nie erläge Dr. Ofners, sondern eine der bürgerlichen Gesellschaft, die sich nicht nur des krassen Undankes, sondern eii e. ge?adezu selbstmörderischen poii.i,chen B indheit schuldig gemacht hat. Dr. Osner — es ist an dieser Stelle oft und eindringlich ge agt worden — ist eine Notuen, igkeit sür jede wahrhafte Volksvertre.unz. Er ist ihr Rechtsgewifsen und er ist der einzige Bürgerliche, der H.'rz, Verstand, und dazu die K>.'nntni se sür jo^ia.es Recht und Gesetzgebung be,itzt. Er war deshalb, wenn man sich so ausdrücken kann, der mit* dernde Umstand der sozial rückständigen bürgerlichen Parteien. Dieses mildernden Umstandes haben sie sich beraubt. Es mögen bittere Gefühle sein, die den hochverdienten Mann heute beschieichen. Möge ihn das Bewußtsein trösten, daß ungezählte Tauiende, auch wenn sie nicht seiner politischen Ueler^eugung sind, sein Ausscheiden aus der Volksver.re ung aufrichtig bedauern und sein Fehlen bei den bevorstehenden großen Arbeiten schmerzlich empfinden werden. Was aus dieser Niederlage sonst noch zu sagen und welche Lehren daraus sür den denkenden Teil des Bürgertums zu ziehen wären, das auszujühren. soll ruhigeren Tagen Vorbehalten bleiben." g «> * Wir haben den ganzen Schmerzensruf des „Abend^ wiedergegeben. In „ruhigeren Zeiten" möge er beantworten, warum er immer von der bürgerlichen Gesellschaft spricht, während Herr Dr. Ofner sich doch! an die jüdische Wählerschaft gewendet hat. Warum wurde der Versuch einer neuerlichen Wahl Ofners nicht in einem arischen Bezirke unternommen? * Die Wiener Stimmen" schreiben: „Von den 100.000 Stimmen, über welche die Juden ln Wien verfügen, fielen nicht gayz 8000 aufdieJüdischnativnalen." Diese Berechnung trifft natürlich nicht zu. Durch eine ungerechte Wahlgeometrie war es nur im Wahlbezirke Nordvst möglich, jüdi.chnalionale Kandidaten aufzustellen. Die Anhängerschaft des zionistischen und na-, tionalen Gedankens in Wien ist weit größer. AmMche Wahlziffern vom Wahlkreis Nordost. (Leopoldstadt, Brigittenau, Floridsdorf.) Abgegebene gültige Stimmen 188.006, Wahlberechtigte 180.582. Es erhielten die Christlichsozialen 26.785, die Sozialdemokraten 96.451, die Demokratische Mittelstandspartei 2421, die Demokraten 5076, die Deutschösterreichische Volkspartei 262, die Nationalsozialistische Arbeiterpartei 6541, die Jüdischnationale Partei 7770^ und die Tschechen 12.747 Stimmen. Gewählt erscheinen: 6 Sozialdemokraten, und zwar Präsident Karl Seih, Dr. Wilhelm Ellenbogen, Matthias Eldersch. Gemeinderätin Emmy Freundlich, Gehilfenobmann Karl Pick und Metallarbeiter Josef Geßl: 1 Christlichsozialer, und zwar Staatssekretär Dr. Heinrich Mataja und einIüdischnationaler, IngenieurRobertStricker. Dr. Stemmender gewühlt? Klagenfurt» 17. Februar. Wie verlautet, will der zwei^ gewählte Vertreter des Kämmer Bauernbundes. Bernhard Egger, auf sein Mandat verzichten, sür welchen Fall Staatsjctrelär Dr. Stewwendu gewühlt erschiene. 'v' * -*-_ A. A A. A