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Wiener Morgenzeitung · 1919-02-15 · Heft 28 (15.2.1919) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 28 (15.2.1919)
Date
1919-02-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 _Wien, Samstag_ Wiener Morgenzeltung_ Der Kampf gegen de» Bolschewismus. Nsher Friede. — Deutschland bekommt die Kolonien nicht zurück und mutz Kriegsentschädigung zahlen. — Die Alliierten marschieren gemeinsam mit den Deutschen gegendie Bolschewiken London, 13. Februar. Oberst Guinos klagt über die Verzögerung der Friedenskonferenz, die fast alles, nur nicht den Frieden mit Deutschland besprochen habe. Amerika, das spät in den Krieg eingetre en sei, könne sich vielleicht diese Verzögerung leisten, nicht,aber jene, die die Lasten und Hitzen des Tages getragen haben. Das Land brenne darauf, zu wissen, ob Lloyd George nicht nur Schadenersatz bis zum äußersten verlange, sondern auch Deutschland bis zur Grenze der Leistungsfähigkeit zahlen lassen werde. In seiner Antwort versicherte Lloyd Georgs dem Hau'e, die Konferenz tue ihr äußerstes, um baldmöglichst zum Frieden zu kommen. Viele Fragen seien mit Deutschland zu regeln. Man nehme zum Beispiel die Frage der territorialen Wiederherstellung bezüglich der Westgrenzen Deutschlands. Augenblicklich fänden nichtoffizielle Erörterungen statt nnd es bestehe die volle Zuversicht, daß eine völlige Uebereinstimmung bezüglich der «'ezen Deutschland vorznl ringenden Fr'^erungen, die die Westgren e bet essen, erreicht werde. Die Grenzregulierung zwischen Polen und. Deutschland sei aber eine andere Frage. Elsaß- Lothringen sei eine hinreichende Warnung vor den Gesahren eines begangenen Fehlers. Bevor die nach Polen gesandte Untersuchungskommission, nicht zurückgekehrt sei, sei es unmöglich, die Forderungen der Alliierten bezüglich der territorialen Wiederherstellung im Osten Deutschlands festzustellen. Was die Kolonien anlangt, so habe Deutschland durch die Art, wie es die Eingebornen behandelt habe, und auch iin Interesse der Sicherheit der Welt dieses Anrecht v e^r w i r k t. Das sei der wesentlichste Teil des Friedens ni: Deutsch and. Bezüglich der Entschädigung halte die Regierung unbedingt an ihrem Worte fest. Sei.ens der britischen Regierung sei keine Schwäche in dieser Frage gezeigt worden,- und es bestehe darin keine Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und irgendeiner anderen Nehrung. Lloyd George bedauerte, daß von einigen Mitgliedern dein Völkerbund gegenüber ein geringschätziger Ton angeschlagen werde. Die kleinen Nationen sehnen sich sehr nach dem. Völkerbund, da sie auf ihn vertrauen. Die Alliierten ha', e r neue Staaten, wie zum Tetf.iel den tschccho-slowakischen und den jugof'awischen Staat geschaffen, einige dieser Staaten haben mächtige Nachbarn. Das Leben dieser Staaten, hängt vom Völkerbunde ab. Es sei behauptet Worten, Wilson würde in der Frage beZ Völle bundes nur die Partei Amerikas vertce er. Tatsache fei aber, daß Taa'et, der auch ein Bahnbrecher des Völkerbundes fei, in der Mandats,'raze nicht weiter gehe als Wi'son. Die amerikanische ösfeutliche Meinung sei in der Frage des Völkerbundes nicht gespalten, we m auch Meinungsverschiedenheiten iUer Einzelheiten bestehen könn en. Er, Lloyd George, pflichte dem Satze bei, daß keine Türkei. Selbstmord des gewesenen Mali von Diarbekir. Konstanttnopel» 14. Februar. (Ntutee.) Der frühere Dali von Diarbekir, N e s ch i d Bei, der der Teilnahme an den anämischen Massakers angeNagt war und sich bisher verborgen gehalten hatte, beging bei seiner Verhaftung Selbstmord. England. Die Streiks in England. London, 14. Februar. (Reuter.) Bonar Law sagte im Unterhaus in einer Rede über das Arbeiterproblem: Die Streiks sind verhängnisvoll für die Lösung der Schwierigkeiten in der Arbeiterwelt. Diese könnten niemals beseitigt werden, wenn man die Gewerkschaften ausmerze. Sie sollten ihre Macht nicht nur zum Vorteil der einzelnen Verbände, sondern zum Besten der Gesamtheit auweuden. Es stehe ei.2 schwere Zeit bevor, aber er hoffe, daß sie überwunden werde. Vereinigte Station. 800 Bolschewiken ausgewiesen. Washington» 18. Februar. (Tel.-Komp.) 800 Bolschewiken und Agitatoren wurden aus den Vcremiglm Staaten ausgewiesen. 780 Millionen Dollar für die Flotte. Washington, 13. Februar. (Tel.-Komp.) Das Abgeordnetenhaus nahm mit 281 gegen 50 Stimmen die Marinevorlage nach Genehmigung eines Abänderungsantrages an, der dahin lautet, daß mit dem Vau der neuen Schiffe nicht vor dem 1. Juni begonnen werden soll, damit das Programm geändert Nation vom Völkerbunds einem Kriege überlassen werden dürfe, ohne die Möglichkeit zu haben, selbst die Verantwortlichkeit zu erwägen. Es sei niemals der Vorschlag gemacht worden, die Bolschewiken anzuerkennen oder sie zur Friedenskonferenz zuzulassen. Der Abscheu, den die Schrecken der bolschewikischen-Herrschaft ein geflößt hätten, habe ihn aber den Tatsachen gegenüber nicht blind gemacht. Es sei zwecklos, wenn die Konferenz mit der Aeußerung, daß sie den Weltfrieden gemacht habe, auseinandergeht, bevor nicht in Rußland Ruhe herrsche, sonst würde noch in dem ungeheuren Gebiete Anarchie, Unordnung und Blutvergießen auf der Tagesordnung sein. Manche Leute haben zur Intervention geraten. Redner könne nicht gewisse Ziffern, die eine Intervention erfordern würde, enthüllen, aber kein vernünftiger Mann wrde dieses Ansittnen gutheißen, wenn er die Ziffern gesehen hätte. Die militärische Macht der Bolschewiken sei gewachsen und sehr groß; aber die Alliierten und Deutschland seien mit dem Plane beschäftigt, sie anzugreifen. Ein zweiter Kurs, der empfohlen werde, sei die Unterstützung der Gegner der Bolschewiken. Neben ter moralischen Unterstützung hätten die Alliierten z. V. Feuerwaffen, Munition und Ausrüstungsgegenstände geliefert. Was die Sendung von Mannschaften anlange, so sei es fraglich, wer sie senden, werde. Amerika werde Weber Mannschaften noch Material senden; deshalb würden die ganzen Lasten tatsächlich auf Frankreich und England fallen. Der dritte Kurs, der empfohlen werde, sei, das Feuer ausbrennen zu lassen. Dies sei eine brutale Politik. Es sei nutzlos, Lebensmittel nach Petersburg zu senden, wenn die ' einzelnen Bertei.ungsste.len bolschewistisch seien. ' , Alle Lösungen seien erwogen. Man habe sich entschlossen, dett Versuch zü machen, alle Parteien zu einer Konferenz au szu fordern, um dort zu einer Verständigung zu gelängen, die die Wiederherstel lung der Ordnung ermögliche. Än den Grenzen Indiens sei das Unterhandeln^mit Räubern und sogar Mördern keineswegs unbekannt, wenn mgn irgendeine Art von Ordnung wieder Herstellen wolle. Die Bolschewiken ha^en die Rückzahlung der Anleihen und die Wiederherstellung der von Frankreich und England in negehab ten Konzessionen, versprochen, von denen sie wußten, daß sie für den Verbrauch durch Rußland selbst bestimmt waren. Das bolschewiliiche System könne nicht ewig dauern. Inzwischen habe Redner erfahren, daßdieDroh u n g mit einer Intervention die gemäßigten Elemente ln die Arme der Bolschewiken treibe. Er teilt den Abscheu vor tem Bolschewismus, weigere sich auch, ihm die Hand zu reichen, aber das.dürfe ihn n'cht verhindern, nicht nur im Interesse Rußlands, sondern auch Englands und der ganzen Welt das beste zu tun und Ordnung nnd eine gute Negierung in diesem verwirkten Laude wieder herzustellen. oder völlig aufgehoben werden kann, falls die Gründung des Völkerbundes dazu Veranlassung geben sollte. Die Vorlage umfaßt 750 Millionen Dollar. Inland. Die Abstempelung im Staatsrat. Beratung über die Notenabstempeluug. Im Staatscnnt für Finanzen fand gestern nachmittags unter dem Vorstß des Staatssekretärs Dr. S t e i n w e n d e r eine mehrstündige Beratnng statt, an welcher der Gouverneur. Schuster der .Postsparkasse, der Vertreter des Bankhallses Rolhsch ld und die Vertreter der übrigen Großbanken tcilnahmen. In diesen Verhandlungen. wurden die Gegenmaßnahmen, die anläßlich der von der lschecho-slowabschen Negierung geplanten Notenabstcntpclung getrosten werden müssen, sehr eingehend besprochen und dre Wirkungen dieser Maßnahmen erörtert. Das Ergebnis der Beratungen wird döm für heme nachmittags einberufenen Kabuicttsrat, der über diese Maßnahmen endgültige Entscheidungen verfügen wird, vnrgrlcgt werden. Begnadigungen. Die Iustizkommission des StaatSrateL hielt gestern eine Sitzung ab, in der eine Reihe von Begnadigungsgesuchen beraten wurden. 53 von diesen Gesuchen wurden erledigt nnd werden dem am 20. Februar zusammcntretendcn Staatsrat mit der Degnadignngscmpfchlnng vorgelcgt werden. Diese Fälle betreffen Nachsicht der Rechtsfolgen, teilweise oder gänzliche Nachsicht der Strafrn und Umwandlung von Arrest — in Geldstrafen. Letztere Fälle betreffen Verurteilungen wegen Preistreiberei und wurden im Einvernehmen mit dem Vertreter deö Amtes für Volksernährung beschlossen. '15. F.bruar 1919 Nr. 2(5 ----:----l- Die jüdische Frage auf der Berner Konferenz. In Ergänzung unserer Mitteilungen über die Verhandlungen des Berner Sozialistenkongrefses geht uns aus Stockholm noch folgender Bericht zul Der Poale-zionistischen Delegation, die an' den Verhandlungen des Kongresses teilna m, gehörten an die Herren C h a f a n o w i t f ch und Locker vom Verbandsbureau, Koh n (Tschecho-slowakische Republik), Herz (Ostgalizien), Singer (Deutsche österreich). Die polnischen Gebiete waren durch die , Herren K o s o w s k i und K u r s k i vertreten. I , Bei der Verhandlung über den V ö l k e r b u n d - hielt Herr Locker eine Rede über den internationalen Schutz der nationalen Minderheiten und die Iydenfrage. Er begründete den Zionismus und die nationalen Forderungen des Judentums in der Diaspora und wandte sich sehr scharf gegen die Haltung der Mehrheit der polnischen S o z i al i st e n bei d e n P o g r o m e n. Herr K o h n brachte einen gemeinsamen Antrag der Poale-Zion und der armenischen Delegation (Daschnakzatiän) ein, in welchem die . Errichtung eines internationalen Gerichtshofes zur Entscheidung nationaler . Angelegenheiten gefordert wird. Dieser Gerichtshof solle feine Kompetenz auf alle Fälle der Unterdrückung eines nationalen Bekenntnisses oder einer nationalen Kultur, Schmälerung bürgerlicher Rechte,' wirtschaftlicher Unterdrückung und physischer Verfolgungen erstrecken. Der Antrag wurde als er- : läuternder Zusatz zum Antrag Huysmans an- '' genommen, der die Sicherstellung des Minimum ' an nationalen Rechten bei einem Streit zwischen Mehrheit und Minderheit dem Völkerbund Vorbehalten wissen will. Bei der Verhandlung ' der territorialen Fragen begründete Herr Locker die jüdischen Forderungen^ ' bezüglich Pal ästina und der Diaspora. Die von der Poale-Zion-Delegation eingebrachten besonderen Resolutianen bezüglich der Läge der Juden in Rumänien und in P o l e n sowie bezüglich der V e r t r e t u n g des j ü d i f ch e n D o l k e s i m Völkerbund wurden von der Konferenz ' sympathisch ausgenommen. Die V u n d i st e n , reagierten mit btt Verlesung einer Erklärung, wonach die Lösung der Iudensrage nur länderweise durch ' Massenkonzentration und durch Verwirklichung des Sozialismus möglich sei. Die Resolution der Poale-Zion bezüglich der; einzelnen Völker und ihres Verhältnisses zum jüdischen Volk wurde wegen Zeitmangels der Permanenz-'^' Kommission überwiesen. Der Referent M i st r a l" (Frankreich) erklärte, das Bureau stehe den jüdischen' Forderungen wohlwollend gegenüber. Der Führer der französischen Mehrheitssozialisten L o ng u e t (ein Schwiegersohn Karl Marx), hielt eine scharfe Rede gegen die Iudenpoliük Rumäniens. {,■ Beim Punkt „Arbeiterschutz* begründete C h a s a n o w i t s ch die Zusatzanträge über die Sabbatruhe und die Emigration. Er forderte die Verlegung der Sonntagsruhe für alle Länder und Völkergruppen, die andere Ruhetage haben. Er verwies hierbei auf die Vorgänge in Polen, wo die Sonntagsruhe ein antisemitisches , Kampfmittel geworden sei. Schließlich verlangte er, im ' Gegensatz zu den Vorschlägen der Kommission, daß auch die Emigrationsgesetzgebung und die Kontrolle darüber dem Völkerbund anheimgestellt werden. Beide Zusatzanträge wurden angenommen. Schließlich erklärte er. bezüglich der Frage „Demokratie oder Diktatur des Proletariats", daß die Poale-Zion auf dem Standpunkt der revolutionären Massenaktion stehe.' In die Permanen zk o m Mission, die den provisorischen Mittelpunkt der neuen Internationale bildet, nominierten die Poale-Zion die HerrenChasanowüsch und Locker. , | In der konstituierenden Sitzung der Permanenzkommission traten die Bundisten in unwttr- ' d ig er und empö.render 2)3dfe auf. ‘ Sie . führten aus, die von den Poale-Zion verlangte Aufforderung an das polnische Proletariat bedeute eine ungerechtfertigte Brandmarkung, da dieHaltung des p o l n i f ch e n S o z i a l i s m u s ei n w a n dfrei sei. Die Redner der Poale-Zion erwiderten diese Behauptung mit dem Hinweis aus die Pogrome in Polen, wo die Be Hörden u n d die polnischeSozialdemoKrätie sich g e m e i n s a tu schuldig gemacht hätten. Die Reden der Bundisten zeigen den moralischen Niedergang des Bundes. Obgleich die Bundisten nur eine ganz geringe Rolle aus der Konferenz spielten, wirkte doch ihre^ Vertuschungstakiik verwirrend auf die Kommission, da jüdische Zeugen, einander gegenüberstandeü. Deshalb verlangte die Kommission die Einigung der jüdischen Delegationen als Bedingung für die Annahme der Resolution der Poale-Zion. Dadurch wurden diese gezwungen, ihre Resolution zu verallgemeinern. Sie erklärten jedoch, sie würden den Bund vor dem jüdischen Proletariat, zur Verantwortung ziehen. C h a s a n o w i t s ch kündigte jedoch die Untelbreitung einer l-gründeten Anklage gegen die polnische Sozialdemokratie Galiziens an, mn deren Aburteilung durch die Internationale zu erzielen.

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