Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 28 (15.2.1919)
- Date
- 1919-02-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 23 Wien, Samstag l«------- Telegramme. Tschecho-slowakische Republik. Die Entente anerkennt die tschecho-slowakische Souveränität über Pretzburg. KB Prag, 14. Februar. Das Tschecho-slowakische ' Preßbureau meldet ausPreßburg: Die Entente hat am 18. Jänner der magyarischen Negierung eine Note übermittelt, worin die Souveränitätsrechte der tschecho-slowakischen Republik über das militärisch besetzte Gebiet, also auch überPre fitz urg. anerkannt werden. Diese Note wurde in Preßbürg zur Orientierung der Oeffentlichkeit plakatiert und erregte großes Aufsehen. Kurzer, siegreicher Beamtenstreik. Prag, 14. Februar. (Telegramm der „Wr. Moraenztg.") Die gcsaritte Beamtenschaft der deutschböhmischen Verkchrsgesellschasi ist heute vormittags wegen Lohnforderungen in den Streik getreten. Der Streik war nach vier Stunden zugunsten der Angestellten beendet. Die jüdische Nationalität anerkannt. Brünn, 14. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenzrg.") Da die Bezirkshauptmannschaft in O l m ü tz bei der Volkszählung die Existenz der jüdischen Nationalität nicht anerkennen wollte (vergleiche „Morgenztg." vom 10. Februar), wandten sich der jüdische Nationalrat in Prag und der jüdische Volksrat in B r ü n n an die mährische Statthalterei. Diese hat nunmehr die Olmützer Behörde angewiesen, das Bekenntnis zur jüdischen Nation freizugeben. Haftbefehl gegen einen irredentiftifchen Pfarrer. Budapest, 14. Februar. (Ung. Tcl.-Korr.-Bur.) Nach Bliittermcldungcn haben die Tschechen gegen den ehemaligen ick- . ganschcn Neichstagsabgeordnetrn und Führer der slowakischen Nationalitäteupartei Pfarrer Ferdinand J u r i g a, der eine ungarisch-slowakische Jrredenta organisiert, den Haftbefehl erlassen. Deutschland. Nationalverfammlung. Weimar» 14. Februar. Auf der Tagesordnung steht zunächst die Wahl des Präsidenten der Nationalversammlung. Es werden 334 Stimmen . abgegeben, davon 302 gültige. 82 Stimmzettel waren leer. Gewählt wurde Fehrenbach (Zentrum) mit 295 Stimmen. 47 Stimmen waren zersplittert. Fehrenbach, nimmt die Wahl an und dankt für das ihm durch die Wahl bewiesene Vertrauen. Zum Vizepräsidenten wird «tti 279 Stimmen der Sozialdemokrat Schulz (Ostpreußen), gewählt. 4 Stimmen sind zersplittert, 34 ungültig. Schulz nimmt die Wahl an. Reichsmlnister des Aeußern Grafv. Brockdorf.f- R a n o a u spricht über die Grundlinien der auswärtigen Politik, die auf die Beseitigung des Kriegszustandes und Herstellung Normaler. Beziehungen zu den Völkern hmauslaufen. Redner schließt: Ich vertraue darauf, daß unser wirtschaftlicher Auslandsdienst künftig die H a n d e l s f r e i h e i t, die uns ein Rechtsfrieden bringen muß, in einer Weise ausnützen wird, die gleich weit von unsolider Scklleuderwirtschaft wie von engherziger Krämerpolitik entfemt ist. Auf diesem Wege werden wir am besten die Abneigung der anderen Völker gegen Deutschlands Geschäftsmcthode aus dem Wege räumen, die wesentlich dazu beigetragen hat, die Atmosphäre des Krieges vorzubereiten. Dw Freiheit des Handels aber - setzt die F r e i h e i t d e r M e e r e vormrs. (Ruse: Sehr richtig!) Deshalb ist für Deutschland der Punkt des W i l s o n s ch e n Protz r a m m e s, der von der Freiheit der Meere spricht, einer der wichtigsten. bestenfalls bei einem Vereinsvorstand fragwürdigen Beistand suchen, welcher sich gewöhnlich darin erschöpft, daß ihm der Sekretär einen Protest abfaßt, eine Eingabe macht oder gar für ihn zu irgendeiner Behörde betteln läuft. Der wegen seines Judentums angegriffene, Jude fühlt sich vereinsamt. Er empfindet, daß ihm die jüdische Gemeinschaft keinen Schutz bietet und seine Zugehörigkeit zu ihr ihm nur Nachteile schafft. Statt in der Not Anschluß an sie zu.' suchen, wirb er von ihr Mücken. Statt sein. Judentum und sein Recht als Jude zu verteidigen, wird er, weil er ja als einzelner am Erfolg jedes Widerstandes verzweifeln muß, sein Judentum zu verstecken trachten. Er wird zu den häßlichen und auch vergeblichen Ausflüchten der Schwachheit gelangen. So ist es zur AlttagZerscheimmg geworden, daß der Jude über Juden schimpft, um dadurch vor den Augen der Nichtjuden, als eine Ausnahme von der jüdischen Regel, Gnade zu finden. Jüdische Vorgesetzte glauben damit ihre Stellung zu festigen,, daß sie ihre jüdischen Untergebenen schlechter behandeln als die nichtjüdischen. Jüdische Untergebene wieder rücken gewöhnlich ängstlich von ihren jüdischen Kollegen ab, suchen sie zu verdrängen und jüdischen Zuwachs abzühälten, weil sie damit die eigene Lage zu sichern glauben. Kurz, der vereinsamte Jude wird zu einem Kampf gezwungen, welcher den. Charakter nicht stählt, sondern verdirbt, welcher Zicht dem antisemitischen Feind Schaden zufügt, sondern die eigene jüdische Gemeinschaft zersetzt. \ Die Organisierung aller Juden als Volk wird die Situation mit einem Schlag ändern. Die kleinen und großen Tyrannen, welche wehrlosen, isolierten jüdischen Individuen gegenüber keine Rücksicht und Scham kennen, werben sich hüten; auf eigene Gefahr die Entrüstung eines ganzen Volkes heraufzubeschwören. Auch ist es undenkbar, daß eine Regierung dauernd an den Wünschen und Beschwerden einer geeinten Nation stumm oder mit unverbindlichen Phrasen vorbeigeht. Der Antisemitismus wird gewiß nicht ganz verschwinden, insbesondere der gesellschaftliche Kampf gegen die Juden wird nicht restlos aufhören. Aber es wird kern Kampf mehr sein, der ausschließlich auf dem schwachen Rücken einzelner Menschen ausgetragen wird und daher scheußliche ^Formen hat urrd scheußliche Wirkungen auSübt, der den. Wiener Morgenzettnng Belgische Truppen *u»t Schutz gegen Spartakisten. Duisburg, 14. Februar. In der vergangenen Nacht rückten hier auf Anordnung des belgischen Abschnittskommandeurs belgische Truppen mit Maschinengewehren ein, um weitere Unruhen zu verhüten. Die Truppen kamen gerade vor dem Rathause an, als drei Hambur-er Spartakiste »führer vorge'ahren waren, um vom Oberbürgermeister die Herausgabe von 50 Maschinengewehren zu erzwingen. Die Belgier hielten das Auto an. Die Spartakisten versuchten zu entkommen und eine Handgranate gegen die Belgier zu werfen, was jedoch vereitelt wurde- Die drei Sparta-, kisten wurden so schwer verletzt, daß sie in das Krankenhaus gebracht werden mußten. Die Belgier haben das Rathaus zum Schutz der Verwaltung besetzt. Kurt Eisner gegen den Ostschutz. München, 14. Februar. Die Korrespondenz Hossmann meldet: Die neueste Entwicklung der Lage in Polen läßt es jetzt untunlich erscheinen, daß baynsche Freiwillige zmn Ostschutz abgehcn. Abtcansvorte nach dem Osten werden daher nach einer Mitteilung des Ministeriums für militärische Angelegenheiten zunächst unterbleiben. (Anmerkung des Wolfsschen Bureaus: Wie wir hören, geht diese Bewegung gegen den Ostschutz vom Ministerpräsidenten Eis n er ans.) Jugoslawien. Entschädigung für Kriegsleiden. Agram, 14. Februar. Wie serbische Blätter melden, wird die serbische Regie:ung dem Staatsrate einen Gesetzentwurf über die Entschädigung der durch den Krieg beschädigten Unternehmungen, Kausleute und, Private, unterbreiten. Das Ge. etz soll bestimmen, wer, unter welchen Voraussetzungen und. bis zu tre.'chem Maße Kriegsschadenersatz..fordern kann. Gte'chzeitig läßt die serbische Negierung durch be,andere Kommission die Daten über die Kriegsschä.en sammeln, um auf der Friedenskonferenz Ersatzansprüche ge.'tend machen zu können. Der Schaden an beweglichem Vermögen werde ans 6 Milliarden Dinars geschätzt. Ukraine. Krkegsdienstleistung nicht ukrainisch er Zivilpersonen in Ostgalizien. Stanislau, 14. Februar. Das „Jüdische Wort" veröffentlicht eine Verordnung des ukrainischen Staatssekretariats,die die Heranziehung uichtukrainischer Zivilpersonen zur Kriegsd i e n st l e i st un g ohne Waffe anordnet. Die Militärbehörden sind befugt, diesen Befehl direkt durchzuführen. Rußland. Attentat auf Lenin. London, 13. Februar. Die „Mornirigpost" meldet über Stockholm, daß gegen Lenin während einer Automobilfahrt ein neuer Mordversuch unternommen worden fei. Lenin blieb unverletzt, der Chauffeur wurde schwer verwundet. Der Tater wurde fcstgenommen und erschossen. Angreifer roh and übermütig und den Angegriffenen charakterlos macht. Es wäre ein Kampf von Volk gegen Volk, von Gesellschaft gegen Gesellschaft. Die auf volkstümlicher Basis geeinte jüdische Gemeinschaft, welche eine Fülle geistiger, wirtschaftlicher und politischer Machtmittel aufzubringen vermag, wird diesen Kampf bestehen können, gewiß nicht. ohne Opfer, aber auch ohne korrumpiert und zerrieben zu werdend . > - Im Krieg ist die Idee.der Errichtung eines VölkergerichteS, welches allen, und insbesondere den kleinen und schwachen Nationen Schutz vor Vergewaltigung bieten soll, erstarkt. Ob dieses Geriet in 6er Form erstehen wird, wie sie den Bölkerrechtsfreunden heute vorschwebt, mag fraglich sein. Jedenfalls aber hat der Gedanke vom internationalen Schiedsgericht feste Wurzel gefaßt, er kann nicht mehr ausgerottet werden. Die zivilisierte Menschheit wird sich nie mehr der Verpflichtung entziehen können, dem Anruf bedrängter Völker Gehör zu schenken, um der Gerechtigkeit willen und um den Frieden zu wahren. Und sie wird gewiß nicht mehr schweigen dürfen, wenn das 14-Millionenvolk der Juden seine Stimme erhebt. Dem jüdischen Volk ist fortan die Möglichkeit geboten, seine Bedränger vor bas Weltgericht zu stellen. Die Juden brauchen sich nicht mehr hinter „einflußreiche" Schutzherren zu verschanzen und die gütige, Fürsprache hochmögender Personen zu erbetteln. Sie brauchen nicht mehr um Schonung zu flehen, sie können eine Vertretung beim Friedenskongreß, eine Vertretung im Völkergericht, und durch diese Vertretungen volles, uneingeschränktes Recht für alle Juden, wo sie auch wohnen mögen, fordern! Aber nur als Volk! Der einzelne Jude und die jüdischen Gruppen, welche sich nicht zum jüdischen, sondern zu einem anderen Volk bekennen, verzichten auf das wertvolle Recht der selbständigen Vertretung im Völkerbund. Indem sie sich als Deutsche, Tschechen oder Polen bekennen, geben sie jede Möglichkeit preis, ihre deutschen, tschechischen oder polnischen Bedränger vor dem Völkerbund zur Rechenschaft zu ziehen. Sie liefern sich und ihre Volksgenossen für alle Zukunft der Willkür fremder Machthaber ans; sie bleiben das, was. sie vordem waren, geduldete Fremdlinge^ 15. Februar 1919 'SeitH Lenin und Trotzki als Delegierte auf de« Prinzeninseln. Helstngfor», 14. Februar. Wie die russische Presse meldet, legt die Sowietregienmg bei. den Verhandlungen auf den Prinzen-i inscln ganz besonderen Wert auf v o l l st ä n d i g e O e f f e n tlichkeit der Verhandlungen und insbesondere darauf, daß die Reden der Vertreter der Sowietregierung ihrem, ganzem Wortlaut nach zur Veröffentlichung gelangen. L e ni u und T r o tz k i sind als Vertreter bestimmt. '; Die Einladung zur Teilnahme an der Konferenz mif beh; Prinzeninseln ist durch Anschlag in den Städten und Dörfern! Rußlands als großer Sieg d e s K v in m u n i s m u s der-! breitet worden mit der Ausfordcmng an die Bevölkerung, die An-; strengüngen zur Zertrümmerung des Kapitalismus zu verdoppelt».' Belgien. Der Aufbau der Industrie. Brüssel, 14. Februar. In der Kammer verhrelbete sich der Minister des Aeußern über die Anstrengungen, die auf die Lösung der Transportkrise und auf die Organisierung des belgischen Kredits im Auslands Hinzielen. Er gab der Hoffnung Ausdruck, daß es für die Einfuhr von Rohstoffen nicht an der Hilfe der Verbündeten fehlen werde. Der Minister gab Aufklärungen über die Weisungen, die dem Delegierten bei der Pariser . Konferenz hinsichtlich der Wiedergutmachungen und der Wiedererlangung der verschleppten Beute erteilt wurden. Die mit den Alliierten geschlossenen Ucbeveinkommen "bezeichnete der Minister als ein unvergängliches Gut, das Belgien, Frankreich, England und die Vereinigten Staaten einige. Frankreich. Der Gouverneur von Paris gestorben. Paris, 14. Februar. Der Gouverneur von Paris» General M o i n o r, ist gestorben. — Der Verstorbene galt alZ einer der besten Kenner des französischen Heerwese,»s und erfreute sich trotz aeiyiffer Eigentümlichkeiten einer besonderen Popularität be, den Partsern. Italien. Proziorilstische Kundgebung ln Florenz. Lugano, 13. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.«) Dieser Tage hat, wie „Corriere della Sera" meldet, in Florenz in dem Theater Della Pergola eine feierliche Kundgebung für das jüdische Palästina stattgefunden.' Es nahmen an ihr teil verschiedene Abgeordnete, Senatoren und hervorragende Persönlichkeiten der Arnostadt. Die Redner beleuchteten die mit der zionistischen Bewegung zusammenhängenden Fragen und betonten die Notwendigkeit für das jüdische Volk, ein eigenes Land zu haben „zum Schutze einer durch lange Jahrhunderte mit Füßen getretenen Freiheit." (Damit hat sich auch Florenz der kürzlich von der römischen Oeffentlichkeit veranstalteten Kundgebung angeschloffen. lieber die Versammlung in Rom berichteten wir in Nr. 2 unseres Blattes. Die Red.) Was es heißt, der, Gnade und Ungnade anderer Völker preisgegeben zu sein, das lehren die Pogrome und Verfolgungen in den neugegründeten Staaten. > . v Noch stehen viele Juden außerhalb des nationalen Lagers und doch hat der jüdischnatiönale Gedanke sieghafte Kraft bewiesen. Durch unbeirrtes Streben und zielbewußte Arbeit hat es die jüdischnationale Organisation dahin gebracht, den Lärm des Weltkrieges zu übertönen und die Judenfrage zu einer Weltfrage zu machen. Sie hat es burchgesetzt, daß die großen Mächte des Westens und die internationalen Sozialistenkongresse das Anrecht der Juden auf ihre alte Heimat Palästina und freie Entwicklung in allen Ländern, wo Juden wohnen, in bindender Form anerkannt haben. Sie hat es durchgesetzt, daß das jüdische Volk am Friedenskongreß selbständig vertreten sein wird. Was an wirksamer Abwehr gegen die blutigen Judenverfolgungen unserer, Zeit geleistet wurde, ist jüdischnationaler Arbeit zu danken. Jüdischnationale haben die Selbstwehren geschaffen. Sie haben sofort einen, die ganze zivilisierte Welt umfassenden Informationsdienst eingerichtet, sie haben die gewaltige Protestaktion betvirkt. Jüdischnationale haben vor dem Forum der Völker die Anklage' gegen die polnischen Pogromleute erhöben und ihren Bemühungen ist es zu danken, daß die Alliierten erklärt haben, nur solchen Völkern den Aufbau ihrer Staaten zu. ermöglichen, welche den Juden volles Recht geben und sich jeder antisemitischen Gewalttat enthalten. Die assimilatorischen Führer der Juden, die sich ihrer „großen" Beziehungen rühmen, stehen müßig da. Die einzige Tätigkeit dieser, um die eigene gesellschaftliche Stellung besorgten Bankdirektoren, Universi ä sprofessoren und Schlctbarone hat bisher darin bestanden, den ums jüdische Recht kämpfenden Nationaljuden hohle Proteste zwischen die Beine zu werfen und sich den fremden. Nationen in widerlicher Weise anzubiedern. In einer Zeit, da alle. Völker selbst für ihr Recht eintreten, müssen die Juden bas Gleiche tun. Sie dürfen nicht länger auf fremde Hilfe spekulieren, auf fremde Gnade bauen und im Verstecken ihr Heil suchen. Dieses Beginnen ist töricht, nutzlos, und reizt und ermutigt die Widersacher. Die Juden werden nur dann zu ihrem Recht gelangen, wenn sie es. als. Bolk fordern.