Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 27 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Wiener Morgenzeltrrirg /14. Februar 1919’ >"9K~gr rgÜTetirgTeftag^ Lemberg wurden abgeschlagen. Ein ukrainischer Angriff .bedroht die Sommerfrische Brzuchowiee unweit'Lemberg. | Die ukrainischen Truppen in Wolhynien haben die Auf- > ÄSrUng im. Raum Barny fortgesetzt. Im Raum Wladimir 'WolynSk ist die Lage unverändert, j Nördlich Lemberg haben die Polen die Dörfer in der « Umgebung von Belz in Brand gesteckt. Ein polnischer Panzer-! zug, der auS Lemberg in der Richtung nach Brzuchbwice! fuhr, wurde bei Nzesna Polska von unserem Artillerieifeuer erfaßt und mußte umkehren. Südwestlich Lemberg! unternahmen die Polen den Versuch, unsere den Zugsverkehr mit Przemysl störende Batterie in der Gegend von Kalt- Wasser zurückzudrängen und griffen Obroszyn an. Sie wurden zurückgeschlagen und ließen einen Offizier und 14 Mann tot, und 34 Verwundete als Gefangene zurück. Jugoslawien. 7 Milliarden abgestempelte Banknoten. Budapest, 13. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Der Pester Llohd meldet aus Agramr Zn unterrichteten Kreisen schätzt man den Wert der abgeftempelten Kronen in Jugoslawien auf 7 Milliarden Kronen. Unruhen in Bosnien. Manchen, 13. Februar. (Tel. d. „Wr. Morgenztg/) Die „Münchener Neuesten Nachrichten" melden nach römischen Meldungen aus P a r i s, daß i n B o s n i e n ernste Unruhen ausgebrochen sind. Täglich finden Zusammenstöße statt. Die Mohammedaner, die anfänglich unbeteiligt zugesehen hatten,. gehen nun gegen die Serben vor. Rußland. Meuterei der Weißen Garde. „ Moskau, 13. Februar. (Tel.-Komp.) Das 47. und 55. Schützenregiment der Weißen Gardisten hat unter Führung eines Leutnants, dessen Name unbekannt ist, gemeutert. Beide Regimenter gehören zur sogenannten weißgardistischen Volksarmee. Die Soldaten rissen ihren Offizieren die Achselstücke herunter und warfen die Waffen fort. Die Meuterei wurde mit Hilfe von Panzerzügen und Stoßtrupps, die aus Offizieren gebildet wurden, nieder- Leschlagen. Revolte im Gouvernement Ienrssessk. Moskau, 13. Februar. (Tel.-Komp.) Nach einer Meldung der „Sibirischen Volkszeitung" ist im Gouvernement Ienissejsk eine Dauernuiü> Arbeiterrevolte ausgebrochen. Die Unruhen erstrecken sich bis Nieschnen Diesk(?). Mittelpunkt des Ausstandes ist Krasnojarsk. Schmelz. Der Entwurf für den Völkerbund vor der Bundesversammlung. f Bern, 13. Februar. Der Schweizer Vündesrat hat gestern der Bundesversammlung einen von der schweizerischen Expertenkommission. ausgearbeiteten Vorentwurf zum Bundesoertrag des Völkerbundes mitgeteilt. Der Entwurf hat 65 Artikel nach folgender Einteilung: Die Staaten des Völkerbundes, die Organe des Völkerbundes, das Verfahren zur Erhaltung des Friedens, die Beschlußfassung durch einen Staatenkongreß, die Sanktionen, Revision der Verfassung. Äls Organ des Völkerbundes dienen ein Vermittlungsrat» der internationale Gerichtshof» ein Konsliktshof, der Staatenkdngreß und eine Kanzlei. Für die Erhaltung des Friedens sind vorgesehen das Vergleichs- und das Untersuchungsverfahren. der Rechtsweg. das Vermittlungsverfahren, die Anfechtung von Staatsverträgen und von Beschlüssen des Staaten- Kongresses. ' Japan. Der Geheimvertrag mit China. London, 12. Februar. (Tel.-Komp.) Nach einem Telegramm aus T o k i o hat die japanische Negierung Baron M a k i n o beauftragt, den Großmächten vertraulich den Inhalt der zwischen Japan und China abgeschlossenen Geheimverträge mitzuteilen. Japan verlangt die Gleichstellung der gelben mit der weißen Rasse. f Zürich, 13. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg") Die „Zürcher Morgenzeitung" meldet aus dem Haag, daß nach dort eingelaufenen Nachrichten die amerikanische Oeffentlichkeit über das japanische Vorgehen gegenüber China sehr verstimmt ist. Mit den bisherigen Schritten, die Japan in dieser Richtung unternommen hat, seien dessen Ansprüche nicht erschöpft. Japan verlangt auch die Aufrollung der R a s s e n f r a g e vor der Friedenskonferenz und die volle gesetzliche «Gleichstellung der gelben mit der Iweißen Rasse in den Vereinigten! S t a a t e n. Ministerpräsident Clemenceau hat,! wie die „Zürcher Morgenzeitung" weiter erfährt, eine! auf die letzterwähnte Forderung bezügliche Adresse von «47 politischen Vereinen in Tokio erhalten. Veröffentlichung der Geheimverträge in Japan.! Tokio» 9. Februar. (Reuter.) Makino ist beauftragt worden, lalle unveröffentlichten Verträge nnt Ctnna ibekanntzugebe n.__ Tagesbericht. Dr. Max Rosenfeld gestorben. In später Nachtstunde erreicht uns die traurige Nachricht, daß der poale-zionistische Führer und hervorragende Theoretiker der polnischen Iudenfrage, Dr. Max Rosenf e l d, am 13. Februar in der Blüte seiner Jahre der Grippe erlegen ist. Dr. R o s e n f e l d, der knapp vor seiner Abreise nach Bern stand, war vor sechs Tagen an Grippe erkrankt. Die Krankheit hatte ihn sehr schwer erfaßt, doch gaben die Aerzte immerhin Hoffnung, die sie mit der kräftigen Konstitution des Patienten begründeten. Gestern nachmittags trat ein Vlutfturz und kurz darauf der Tod ein. * * * FasiimgSlosundti^erschüttertftehmwirvordrrmederschmetternden Nachricht, daß Max Nosenseld/ der roch vor eiugcn Tagen in blühender Gesundheit und voll sprühenden Lebens unter uns wecke, uns durch ein unerbittliches Geschick entrissen. ist. In diesem Augenblick ist es nicht möglich, die Bedeutung und Verdienste Nosensclds voll zu würdigen. Nosenfcld war zweifellos der bedeutendste politische Theoretiker der jüdischm Frage. Seine grundlegenden erschöpfenden Kenntnisse der gesamten Materie und die konstruktive Begabung seines an der sozialistischen Literatur geschulten Geistes befähigten ihn zu politischen Konzeptionen, die, wie keine anderen, geeignet sind, das Programm der praktischen jüdischen Politik im Galuth zu werden. In unserer so armen theoretischen Literatur war Rosenfcld ein Bahnbrecher. Allsgehend von der Theorie der „nationalen Autonomie", die von der österreichischen Sozialdemokratie, vor allem von Nenner und Bauer, in . ein System gebracht war, beschäftigte ihn in erster Neihe das Problem der nationalen Minoritäten im gemischtnationalen Staat wobei er gerade als jüdischer Politiker, der die Eigenart der jüdischen Minorität stets vor Augen hat, von dm Fehlem seiner Vorgänger bewahrt blieb. Als Sozialist, der trotz seiner Verehrung für Marx doch auch für desirn Jrrtümcr nicht blind war,erkannte erdieFehlereincs-reinökonomischen Akaterialismus und einer ausschließlich ökonomischenBetrachtungsweise. Die Iudenfrage ist ihm kein ökonomisches, sondern ein nationales Problem. So hat er die Theorie der nationalen Autonomie entscheidend weitergebildet indem er. als Zelle der personalen Autonomie die Minderhcitsgcmeinde als reinen Persdnenverband annahm und so auch die jüdische Autonomie, zu der Otto Bauer ein Fragezeichen gemacht hatte, in konsequenter Weise auf die jüdischen Gemeinden gründete. Durch die mtschiedme Betonung deS, Umstandes, daß wir Juden in dm. Kultuögcmeindcu eigentlich schon einen Personenverband im Sinne Nenners vorgcbildet haben, beseitigte er die Unllarheit, die über die Möglichkeit einer jüdischen Autonomie aüch in jüdischnationalm Kreisen bestand. Dabei zeigte Nosenfcld klar, wie die Kulmsgemeindm in VolkSgemeindm umzuwandeln sind. Die außerordentlichen Schwierigkeiten, die insbesondere in Polen die Lösung der Iudenfrage bietet, haben Roscnscld veranlaßt, ein umfangreiches Werk über „Die polnische Iudenfrage" (Wim 1918) zu schreiben, in welchem auch seine früheren Abhandlungen verarbeitet sind, und in dem-jetzt leider, da ihm weiterzubaucn nicht vergönnt war, sein ganzes Lcbcnswerk verkörpert ist. Nosenscld gibt darin eine auf genauem Quellenstudium bemhcnde Darstellung der - geschichtlichen Entwicklung des Verhältnisies zwischen Judm und Polen zu der heutigen Situation unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen, sozialen und nationalm Verhältnisie, ausführliches statistisches Material und schließlich Vorschläge für die Lösung durch nationale Autonomie. Seine Theorie wurde, als man sich im Kriege emsthast mit der Ostjudensrage befasim mußte, von vielen Seiten aufgmommm, unter anderem auch von Franz Oppenheimer. Auch über die jüdischen Gemeinden in Oesterreich, zu dem ja ein Test Polens eine Zcitlang gehörte, enthält sein Hauptwerk einen wettvollen Abschnitt, nachdem er bereits 19t2 eine Studie über „Nationale Autonomie der Juden (n Oesterreich" verösimtlicht hatte. Nosenscld, der ein mittlerer Dreißiger gewesm sein dürste« ist in Drohobycz geboren und studierte in Lemberg. Schon als Student war er begeisterter Anhänger der jüdisch-sozialistischen Partei „Poale-Zion" und gehörte zu deren besten Köpfen, so daß er bald nicht nur in der österreichischen, sondem in der allweltlichen Partei eine Führerposition errang. Nosenseld ließ sich in Przcntysl als Advokat nieder. Während des Krieges heiratete er in Lemberg unter der russischen Okkupation, nach der Befreiung Lembergs diente er im österreichischen Heer bis zur Revolution. Bei AuSbmch der Revolution hatte er Gelegenheit, zu zeigen, daß er nicht nur Theoretiker war, sondern auch seine Idem in Praxis umzusetzm verband. AlS die alte Ordnung beseitigt wurde und überall jüdische Nationalräte entstünden, trat Max Nosmseld an die Spitze deS Jüdischm NationalrateZ in PrzemySl und Ubemahm die Leitung der „Kultusgemeindc", die in eine nationale Gemeinde mngewandclt wurde. Nosmseld leitete mit starker Hand und zielbewußtem Willen die jüdische Gemeinde während der SchreckmStage der Pogrome, er führte die Verhandlungen mit Polen und Ukrainern, dirigierte die jüdische Miliz und setzte sofort mit wcitausgrcifender Arbeit auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet ein. Die jüdische Gemeinde leitete damals selbständig die Approvisionierung. setzte Höchstpreise auf Waren fest usw. Nosenseld mußte dann Przemysl verlassen und lebte in dm letzten Wochen in Wim, wo er tätigen Anteil an den Arbeiten deS Jüdischen NationalratcS nahm. Ec sollte als Delegierter der „Poalc Zion" zur Berner Sozialistenkoufermz und gleichzeitig zur Tagung der Jüdischen Nattonalräte fahren, der er ein Elaborat über die jüdischnationale Autonomie für die FriedmSkonserenz vorlcgcn sollte. Bei den letzten Wahlen zum polnischen Landtag wurde er im Cholmer Wahlkreis gewählt. Sein Tod ist in diesem Augenblick ein doppelt schwerer Schlag. j Als letztes Vermächtnis besitzen wir von Nosenseld einen Aussatz „Soziale Stemtafeln", dm das soeben erscheinende Jänner-Heft der Zeitschrift „Der Jude" bringt. In diesem Aufsatz erscheint nochmals gewissermaßen als Apotheose der hinreißende Idealist mus dieses ManneS, dem Judentum, Religion und Sozialismus ‘ eins wurden. Nosenseld zeigt dott die Notwendigkeit, das neue jüdische Gemeinwesen Palästinas auf den Grundlagen der altjüdischm sozialen Gesetze aufzubauen. Der jüdische Geist konnte nur darum nicht die Welt erlösen, weil die durch das Christentum verwäsierte jüdische Moral sich in Europa mit römischem Recht vermählte. Wenn in Palästina Recht und Moral wieder auS dem einen jüdischen Geist geboren sein werden,. wird die Erlösung der Menschheit durch dm Sozialismus von hier aus gehen kömien. Denn gerade weil nicht Religion „gewollt^ wird, sondern soziale Gerechtigkeit, wird Religion und Sozialismus sich verwirklichen. j Er wirb es nicht mehr sehen. Nach« den vielen Verlusten/ die das jüdische Volk aus dem Weg erlitten hat, wieder xin schwerer. Die poale-zionistische Partei verliert in ihm — nach Borochow — einen ihrer Vesten; das ganze Volk einen hiwgcbungsvollm, von glühender Liebe zum Volk und von Enthusiasmus für die BcfreiungSidee erfüllten Arbeiter; alle Gesinnungsfreunde, die ihn kannten, einen liebgcwordmm untz hochgeschätzten Gefährten. . Robert Weltsch.' FUm vom Tage. , Der Briefträger, ein Schwerarbeiter der Wahl- Propaganda, hat uns auf dem mageren Frühstücktisch einen Stoß von Briefen und Drucksorten gelegt, und während wir im ungeheizten Zimmer das Surrogat schlürfen, suchen.uns die Parteien für ihre Kandidaten zu erwärmen. Erstaunlich, was sie uns alles zu sagen haben, wie unsere bittere Not sie besorgt macht und welche Horizonte der Glückseligkeit. sich uns auftutv falls wir — ihre Kandidaten wählen. Das Ziel ist das gleiche, nur die Wege sind verschieden. Malen uns die einen das Schreckgespenst des Bolschewismus an die Wand und bekennen ihre Bereitwilligkeit, für. die Ordnung im allgemeinen und die Sicherung der Vanksases im besonderen zu sorgen, so weisen die. anderen aus den Untergang der arbeitenden Klasse hin^ falls jene die Oberhand gewinnen. Dazwischen drängen sich die Schmächtigen, Kleinen, solche die von" aller-, -höchsten Herrschaften abgelegte Gesinnungen vertreten und Ueberlebende des Liberalismus, deren gelber Fleck vom demokratischen Iägerkleid nur dürftig verhüllt wird. Cs ist überhaupt erfreulich, in dieser Zeit der Ueberraschungen zu leben. Kein Tag vergeht, der üns nicht eine Erschwerung unseres ohnehin problematischen Daseins brächte. Momentan ist es der tschechoslowakische Finanzminister R a s ch i n, dessen Pläne, - unserer Regierung mächtiges Kopfzerbrechen verur-- fachen. Sie sieht die immense Gefahr, t>ie unser Gesdsystem und Nationalvermögen bedroht, doch haben die langwierigen Beratungen bis zur Stunde noch kein Resultat ergeben. Wohingegen die Jobber ihren Beschluß bereits gefaßt haben: diesen gewaltigen Fisch-, zug nicht ungenützt vorübergehen zu lassen. Zwischen Prag, Wien und Budapest gehen Dinge vor, von denen sich keine Regierungsweisheit etwas träumen läßt. Millionen liegen wieder einmal auf der Straße,, Vermögen flattern in der Luft, Stimmung übersonnt die Winkelbörsen. ' -* * * * Wie die Ostrauer Kohle nunmehr bezahlt werden soll,' ahnt kein Sektionschef. Die armen Leute können sie schon längst nicht mehr bezahlen, und suchen Holz. Bisweilen stürzt eine unsachgemäß demolierte Baracke zusammen und erschlägt einige Holzsucher. Ein andere, mal tut ein Posten seine „Pflicht"' und schießt. Des- ' wegen aber keine Feindschaft nicht, mir wer'n kan Richter net brauchen. 1 * * V i. Vor einigen Wochen hat die Tabakregie verkünden lassen, daß wir mit Tabak und Zigaretten reichlich versehen und bis 1920 „eingedeckt" sind. Daß die tschechischen Beamten den besten Teil der Vorräte nach Böhmen abgeschoben haben, wurde dementiert.' Warum sich aber Herr v. S ch e u ck e n st u e l zu einer neuerlichen Modifizierung der Bezugsquote veranlaßt gesehen hat. wird nur dürftig kommentiert. Es wird da etwas von mangelnden Nachschub des Roh^ Materials gesprochen: ein betrüblicher. Umstand, wenn man die gleichzeitige geschäftliche Blüte des Schleichhandels konstatiert, dem offenbar kein Nachschub ' mangelt. # Aus dem Burgtheater, wo sich hinter der ho tätlichen Fassade gewisse naturalistische Details abspielen,' kommt die Nachricht, daß Hermann Bahr aus seinem dramaturgischen Amt scheidet. Damit ist der Mann glücklich abgesägt, der diesem morbiden Institut neuen Inhalt hätte geben können, wenn man ihm Zeit gelassen hätte. * # * '■ > Der Expreßzug Paris—Bukarest hat gestern nach vierjähriger Pause mit der landesüblichen Verspätung den Wiener Westbahnhof passiert. So ist zu hoffen, daß die Zeit des Wien—Pariser Expreßzuges nicht mehr fern liegt.