Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 27 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien. Freitag industriellen i'cken S arnnies, ge'unge-r war, sü^iren^e Srettungen in S^aat und Gesellschaft zu erlangen. Die wirtschaftlich schwachen Juden hatten und haben noch immer den Druck auszuhalten, der aus dem Neid, der Mißgunst und der Abneigung weiter Vevölkernngsschichten gegen die führenden Finanziers und Großkaufleute jüdischer Abkunft hervorgeht. Und die Ironie der Dinge will cs, daß diese führenden Männer in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle vom Judentum garnichts wissen wollen. Juden und Jüdinnen! Wenn Ihr jetzt Eure Abgeordneten wählet, so wird sich bei al.'en künftigen Entscheidungen im Parlament cin,e Stimme erheben, die unbekümmert um alles Rechts 'und Links nur für Eure Jntere'srn eintritt. Ganz besonders auch für Eure wirtschaftlichen, die Hand , in Hand mit den politischen gehen. Eure jüdischen Vertre.er werden sür die Rechte des ansgebeuleten, durch den Anti'emi.ismus aus Schritt und Tritt bedrängten jüdi'chen Proletariers eintreten. Sie werden aber ebenso für die Rechte und Anerkennung des schwer kämpfenden jüdischen /Händlers und kleinen Geschäftsmannes, für seine ungehemmte wirtschaftliche Entfaltung zu wirken bestrebt fein. Sie werden es nicht dulden, daß er in unverantwortlicher Weise mit dem bisherigen Stigma weiter behaftet bleibt. Bisher ist die Wichtigkeit des kleineren jüdischen Geschäft°/..anneS für das allgemeine Wirtschaftsleben und den Wirtschaftsorganismus dieses Staates zumeist nur verkannt worden. In demokratischeren Ländern, England und Amerika voran, hat man sich gerade der jüdischen Kaufleute zum Wähle des Staatsganzen und zur- Förderung von Handel und Industrie mit bestem Erfolge bedient. In unserer kleinlich-rückständigen Wirtschaft dagegen, legt man aus nationaler Engherzigkeit dem jüdischen Geschäftsmann nur Steinern den Weg. Und keiner von den Lenkern des Staates fühlt sich da'» berufen, diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen und die Juden schon aus Gründen der Verminst und des Eigennutzes zu fördern. .Oft aus purer Unwissenheit, oft aus reinem Mutwillen und rückständigem Rassenhaß schneidet man sich hierzulande lieber ins eigene Fleisch. Widerwillig gibt man den. Juden sur soviel, als man ihnen geben muß. Das soll jetz? anders werden. Jedermann wird ohnewciterS einsehen, daß die Juden.als national gxschlossene Körperschaft, die ihre eigenen Vertreter hat, auch wirtschaftlich eine ganz andere Bedeutung erlangen und eine ganz andere Rolle spielen könnten, als wenn jede einzelne Gemeinde ihre Kraft damit verzettelt, sich so gut sie kann gegbn den Antisemitismus und seine Ausnahmegesetze zur Wehr zu setzen. Unsere Zersplitterung in den verschiedensten Parteitagen trägt mit Schuld daran, ..daß er .unseren Widersachern gelungen ist, viele unserer wirtschaftlich schwachen Elemente gänzlich zu Boden zu treten. Die Zukunft des Wirtschaftslebens hat uns Juden eine große Rolle Vorbehalten: die des^R ittlers zwischen d:n einzelnen Nationen. Wir, deren Volksgenossen in jedem Staat vertreten lind, erscheinen dazu berufen, durch stete Fühlungnahme die Wie^eranbahnung wirtschaftlicher Beziehungen zu erleichtern. Umso besser muß uns dies gelingen, wenn wir national geschlos,en auftreten. Auch zum Mittler zwischer Ost und West, zwischen Orient und Okzident über die Brücke Palästinas sind wir berufen. Hier und in dem Wiederaufbau des Heiligen Landes eröffnen sich wirtschaftlich die weitesten Aussichten. Gelingt es uns jetzt, Vertreter ins Parlament zu schicken, so wird nicht nur unser Volk als Ganzes Anerkennung und Vorteile davon haben. Jeder Einzelne wird in seiner eigenen Wirtschaft spüren, was es heißt, nicht mehr ein Heimatloser, ein Entrechteter Hu sein, sondern das Glied einer großen nationalen Gezneinschaft. Darum wählet nur jüdifchnational! . J >; 4 --- Die Friedenskonferenz. Oberst Houfe vertritt Wilson. Paris» 13. Februar. (Havas.) Wie in amerikanischen Kreisen verlautet, wird Präsident Wilson nur eine Woche in den Vereinigten Staaten weilen, Die Arbeiten der Konferenz werden inzwischen ihren Fortgang nehmen. Wilson habe er- .klärt, daß er sich nicht für berechtigt halte, die Arbeiten der Konferenz durch seine Abwesenheit zu unterbrechen, da die Völker mit Ungeduld darauf warten, daß die j Pariser Konferenz ihnen den ersehntenFrieden jb r i n g e n. Infolgedessen werde Oberst House an iseiner Stelle den Vorsitz in der amerikanischen Delelgation mit allen Vollmachten führen. -- Wllson nach Amerika unterwegs. TK Bafel» 18. Februar. Wie hiesige Blätter melden, hat sich , Präsident W i U o n in Brest auf dem Avisoschiff „Mette" nach > Amerika eingeschifft. Eine dauernde militärische Konvention mit Deutschland. KB Berlin, 13. Februar. Das „Berliner Tageblatt" meldet saus Genf: Das ..Journal des Debats" erfährt, der Oberste iKciegsrat habe die Notwendigkeit erkannt,, die Welt nicht länger .'unter dem Eindruck elncs bewaffneten Friedens mit Deutschland zu laßen, sondern zu einem definitiven Frieden! zu gelangen. Deshalb habe man die Möglichkeit inS Auge gefaßt, i auf andauernde Erneuerungen des Wan'ensüllstandcs zu verachten? und den neuen Waffenstillstand vom 17, Februar in, eine! dauernde militärische Konvention zu verwandeln. Diese lMilitcirkvnvention würde der erste A k t 'des definitiven Friedens sein, dem später : .. ■ . r Wiener 14. Februar 1919 Nr. 27 j Pogrom in Wieliczka. 11 Schwerverletzte. — Plünderungen. Krakau, 13. Februar. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Am 4. Februar fanden in Wieliczka große Iudenexzesse statt, die den ganzen Dag hindurch sortdauerten. Rekruten aus Wieliczka und Umgebung, welche vor der Affentkommission ^schienen, glaubten ihrer patriotischen Pflicht durch Iudenexzesse am besten genügen zu können und fielen über jeden Juden, der sich auf der Straße zeigte, her, raubten und prügelten jüdische Passanten. Ein alter Mann wurde völlig entkleidet und derart geschlagen, daß er mit dem Tode ringt. Einem anderen verbrannten sie Gesicht und'Augen mittels einer Lauge, die sie auf ihn schütteten. Als ihnen das alles zu gering schien, begannen sie jüdische Läden zu rauben und zu plündern. Das ganze spielte sich am hellichten Tag unter den Augen der Hi ter der Ordnung ab, welche nicht einmal.zugunsten der Opfer einzuschreiten verfugten. Nach Plünderung der Geschäsklokale suchten sie die j üd isch en H äus er auf und raubten Geld und Wertsachen, wobei sie die Einwohner aufs gröbste beschimpften und schlugen. Matiahu K l i n g h o f e r, Mitarbeiter der „Morgenpost", der zufällig in Wiellczka bei seinen Verwandten weilte, Mußte sich von den Räubern vermittelst eines hohen Geldbetrages loskaufen und nur dank der starken Inanspruchnahme der Plünderer am Raubwerk konnte er unbemerkt mit heiler Haut davonkommen. Nachmittags zählte man bereits 11 Verwundete, darunter die meisten mit schweren Verletzungen. Das Interessanteste dabei ist das Verhalten der Obrigkeit in Pieliczka. Nach unzähligen Interventionen erschienen militärische Patrouillen, welche aber nicht energisch einschreiten konnten, weil man, wie sie erklärten, ihnen k e i n e n B e f e h l, zu handeln, erteilthat. Die Telegraphenlinie Wieliczka—Krakau war den' ganzen Tag hindurch für die Juden gesperrt, so daß man in Krakau, eine Stunde vom Tatorte, erst am nächsten Tag Kenntnis von bcu Vorfällen erfuhr und energische Schritte bei der Regierungskommission tun konnte. Erst dann dirigierte man eine starke Patrouille nach Wieliczka, welche die Ordnung herstellte In Wieliczka herrscht gedrückte Stimmung und man befürchtet weitere Unruhen. territoriale, wirtschaftliche und politische Bestimmungen h'nzugefügt werden sollen. Die militärische Konvention, deren Basis die Begrenzung der deutschen Rüstungen sein werde, soll den Alliierten gestatten, in aller Ruhe zu demobilisieren. Verlegung der Waffenstillstandskonferenz * nach Trier. KB Berlin, 13. Februar. Die „33. A. am Mittag" meldet: Nach einer heute früh erfolgten Verständigung der deutschen Friedensunterhändler^ findet die Konferenz betreffend die Verlängerung des Waffenstillstandes am 14. d. M. in Trier statt. Die deutschen Delegierten sind heute mittags dorthin abgereist. Amerika gegen den französischen Militarismus. 1HMailand, 13. Februar. ^Secolo" behauptet, die Meimmffsve^chiedeuheiten aus dtr Pariser Konferenz träten nunmehr auch im Obersten Kr'egsrat in Erscheinung. Die Franwi'cn wollen die Beziehungen zu Deutschland auf r e in militärischer Basis regeln, während Amerika bemüht sei, die während der Dauer des Waffenstillstandes erforderlichen Sicherheiten dur diplomatischeBerhandl u n ge n zu erreichen. Keine stehende Armee für den Völkerbund. Nom, 13. Februar. (Tel.-Komp.) Einer Pariser Meldung des Blattes „Italia" zufolge bekämpft Wilson den von Italien unterstützten französischen Vorschlag, eine stehende Armee sür den Völkerbund zu schaffen, die den Franzosen militärische Unterstützung gegen Deutschland bieten sollte. Anerkennung der armenischen Republik. London, 12. Februar. (Tel.-Komp.) Die armenische Republik mit der Hauptstadt Eriwan wurde von den Alliierten anerkannt. Die Wahlen. Jüdische Wähler und Wählerinnen des Wahlbezirkes Nordost! Am 16. Februar wird entschieden, ob die 366.666 Juden Deutschösterreichs in der Konstituante vertreten sein werden >odev nicht. Durch ein ungerechtes reaktionäres Wahlrecht ist es gekommen, daß nur im Bezirke Nsrdost bewußt jüdische Vertreter gewählt werden können. In den Parlamenten' aller Staaten, die j auf dem Gebiete des alten Oesterreich entstanden sind, I wird eS nationaljüdische Vertreter geben. Sorgt dafür, j daß das jüdische Volk auch in der Konstituante Deutschosterreichs zu Wort kommt. Vor dem Forum der Welt ist die Jndenfrage aufgerollt und soll jetzt gelöst werden. Wollt Ihr die einzigen Juden sein, die nicht das Recht auf die eigene Nation fordern? Als getreue Staatsbürger habt Ihr die Pflicht, dafür zu sorgen, daß das bisnun unleidliche, unser BolkStnm erniedrigende den Staat schädigende Verhältnis zwischen Juden nnd Nichtjuden gründlich geändert wird. DaS freie Bekenntnis zur jüdischen Nation wird ein einträchtiges Zusammenwirken mit den nichtjüdische» Staatsbürgern herbeiführen. Fort mit der assimUatsrischen Lüge! Sprechen wir von Volk zu Volk, und wir werden nns verstehen lernen. Im Kampf um d«s primäre nationale Volksrecht, baS wir als einziges Volk in Europa noch entbehren, müssen alle jüdischen Klassen zusammenstehen. Die Zusammcnsttznng unserer Liste und die alte jüdische Lehre von Freiheit und Gleichheit bürgt dafür, daß unsere Dcrtr7ter in wirtschaftlicher Hinsicht ein radikal-demokratisches Programm vertreten werden. Und diesem Staat, in dem wir verwurzelt sind, soll unsere die ganze Welt umspannende Organisation des Judentums zum Scg'N gereichen. Juden und Jüdinnen! Wollt Ihr ^Zner WHl, wollt ihr ein gedeihliches Zusammenwirken mit den nichtjüdischen Staatsbürgern, wollt Ihr das Wohl Deutschösterreichs, dann wählet die nachstehende jüdifchnational- ParteUiste für den Wahlbezirk Nordost: Kandidaten der Jüdischen Nationalpartei 1. Ingenieur Robert Stricker, Staatsbahnrat. 2. Tr. Leopold Plaschkes, Advokat. 3. Erna P n t a k, Erholungsheim-Inhaberin. 4. Jatpb P i n k a s, Kaufmann. ö. Karl Blume, Obmann des Jüdischen Handlnngsgchilsenverbandes. 6. Jsider Blaß, Zahntechniker. 7. David Nebenzahl, Privatbmmter. 8. Ingenieur Fedor Ackermann» Oberkommissär. Belehrung für den Wahltag. Vor allem muß man ein amtliches Dokument zu sich stecken, um sich vor der Wahlkommission auszuweisen. Also: einen Geburts- oder Trauschein, Heimatschein, eine Staatsbürgerschastsurkunde, Anstellungsdekret,- Paß, Amtslegitimation, Arbeits¬ oder Dienstbotenbuch. Gewerbeschein, Permanenzkarte, Lizenz, Diplom. Meldungsbuch, Hoch- oder Mittelschulzeugnis, militärisches Dokument — kurz eine Urkunde mit einem Amtsstempel, aus welcher der Personenstand des Wählers zu erkennen ist. Meldezettelgenügt nicht. Frauen benötigen ein Dokument,'das auf ihren Frauennamen lautet, am besten den Trauschein. Wer? Jeder deutschösterreichische Staatsbürger, Mann, 'Frau oder Mädchen, das bereits zwanzig Jahre alt ist. Wen? Keine Person, sondern die ganze j ü d i s ch n a t i o n a l e L i st e. Wann? Sonntag. 16. Februar, von 7 Uhr früh bis 7 Uhr abends. Wo? In jenem Wahllokal', das durch amtlichen Anschlag im Hausflur jedes Wohnhauses bekanntgemacht wird. Womit? Mit dem jeden jüdischen Wähler und jeder jüdischen Wählerin im Bezirke Nordost zugesendeten Stimmzettel der I ü d i s ch n a t i o n a l e n Partei (Kandidatenliste Stricker). Solche ausgesüllte gültige Stimmzettel sind auch vor den Wahllokalen bei unseren Vertrauensmännern erhältlich. — Oder mit dem amtlichen Stimmzettel, den man im Wahllokale erhält und auf welchem die jüdischnationale Li sie einzuhaken ist. Wie? Der Wähler tritt vor die Wahlbehörde nennt seinen Namen, bezeichnet seine Wohnung, legitimiert sich und erhält - das Wahlkuvert und aus Verlangen einen Stimmzettel. Hierauf geht er in die Wahlzelle, gibt den aüsgefüllten Stimmzettet in das Kuvert, kdhrt zurück und übergibt das geschlossene Kuvert dem Wahlleiter, der es uneröffnet in die Wahlurne legt. . Angültkg ist jeder Stimmzettel, auf dem mehrere Listen oder Namen aus verschiedenen Listen bezeichnet siird. Jedes Kuvert darf auch nur einen gültigen Stimmzettel enthalten, weil sonst alle ungültig ^werden. Wahlpflicht besteht nicht, aber es ist heilige Pflicht jedes jüdischen Wahlberechtigten, unbedingt vor der Wahlurne zu erscheinen und die j Kandidatenliste Stricker zu wählen.