Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 19 (6.2.1919)
- Date
- 1919-02-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Donnerstag fr..—- ...-iir iVir r ,Um.■—— —- ■ —- ■ - ,.- 2Etet.tr Morgr«zrrtu»g 6. 1919 Stt 19 Der Kampf um „Lemberg" (Von ukrainischer Seite.) Seit dem 3. November 1918 tobt ein stampf um die Haupstadt OftgalizicnS. Lernöerg, dir früher in ukrainischem Besitz war, sich jetzt in polnischer Gewalt befindet und unter den Greueln btä Krieges furchtbarleidet. Vier Monate lang sind etwa A20.000 Erntvvhner der unglücklichen Stadt dem Hunger und Elend, dem Mangel an ßidjt und Wasser preisgegeben, und Nichtkombattanten laufen Gefahr, von herumschwirrenden Geschossen getroffen zu werden. Die polnische Artillerie, die gegen die ukrainischen Truppen in der Umgebung Lembergs operiert, ist in der Stadt postiert, und die Ukrainer versuchten ihrerseits durch ausgiebige Beschießung, die polnische Artillerie unschädlich zu machen. Aber die Opfer sind meistens die ruhigen Bürger, wehrlose Männer, Frauen und Kinder, ohne Unterschied der Nationalität und Konfession. Der Hunger und der Durst» die Kälte und die Finsternis kennen keine nationalen Unterschiede und suchen die polnische Bevölkerung ebenso wie dir ukrainische und jüdische Bevölkerung erbarmungslos heim. Es entsteht die Frage, waruni wird so bitter um Lembrrg gekämpft?' Schließlich wollen ja beide Nationen Lemberg behalten, und zwar als Stätte der Kultur: mit den bedeutenden Schätzen an Daulichkeitsn und öffentlichen Kunstwerken. Es kann keinem Bolle daran gelegen fein, bloß den Boden Lembergs zu gewinnen, bedeckt mit Schutt und 'Trümmern. Insbesondere dürften die Ukrainer, für die Ostgalizien ohne Lemberg nicht denkbar ist, doch gewichtige Gründe ^rben, wenn sie trotzdem den Kampf in die Stadt hineintragen. Dabei tobt der Kampf immer weiter, und die letzte Nachricht meldet, daß es einer Entente- Mission, di^ sich Mühe gab, einen Waffenstillstand herbeizuführen und den Streit um Lemberg der Friedenskonferenz zur Entscheidung zu überlassen, mißlungen ist, den Waffenstillstand zu erreichen; die Ukrainer brachen die Verhandlungen ab und die Kämpfe dauern fort. Diese Tatsache mich doch' einen tieferen Grund haben; es ist nicht vnzunehmrn, daß bloß nationalistischer Starrsinn die Ukrainer bewegen kann, den stampf fortzusetzen, und daß Verblendung oder Mißtrauen zur Friedenskonferenz in Versailles sie veranlaßt, einen Waffenstillstand abzulehnen. Leider liegen... aber die Dinge für die Ukrainer so, daß ihnen LejM anderer Ausweg bleibt, als immer weiter zu kämpfe»;: weil sie auch in diesem Falle auf den alten, anuexioni-. stischen, rücksichtslos sich" überhebenden Imperialismus der Polen stoßen, die überdies die zweifellose Fähtgfeit besitzen, nicht nur ihre Eroberungssucht ideologisch zu verschleiern, sondern auch dem Ausland einzureden, daß sie die Angegriffenen seien und sich gegen einen sie bedrängenden Feind wehren müssen. Die Polen schreien in die Welt hinaus, daß dev Kampf »chloß" um Lemberg geht, Lemberg fei aber eine polnische Stadt und die Polen beanspruchen für sich angeblich das Selbftbestimmungsrecht, wenn sie Lemberg den Ukrainern nicht ausliefern wollen. Allein diese Behauptung ist falsch. Die letzten Waffenstillßandsverhandlungrn, die durch Vermittlung der erwähnten Mission geführt wurden, lüfteten den Schleier, len bis Polen über die Lemberger Affäre gewoben hatten. Die Polen verlangten nämlich von dev Ukrainern die Zurücknahme ihrer Truppen bis hinter dir Pug-Lrnie, die erst als vorläufige Demarkationslinie bezeichnet worden war, worauf die Ukrainer die Verhandlungen abbrachen und fortgingen. Das Vorgehen der Polen beleuchtet erst richtig das Problem Ostgaliziens und die Gründe, weshalb die Ukrainer kämpfen. Es wurde somit pvlnischerseitS festgestellt, baß der Kampf absolut nicht um Lemberg geht, sondern um bas gesamte Gebiet zwischen der Bug- und San-Linie, baß die Polen die öffentliche Meinung des Westenirreführen, wenn sie gelegentlich des Kampfes stets anfden Holnischen Charakter Lembergs Hinweisen und verschweigen, daß es ihnen sich nicht um Lemberg» sonder« um ganz Mittelgalizien handelt, und daß sie »uch Ostgalizien östlich vom Bug den Ukrainern nur dorläusig überlassen wollen. DaS Gebiet aber zwischen Bug und San, in dessen Mitte Lemberg liegt, bildet ein ukrainisches Siedlungsgebiet, auf das die Ukrainer dt keinem Falle verzichten können, wenn sie nicht Anderthalb Millionen Ukrainer der polnischen Ausbeutung überlassen wollen. , Das Gebiet zwischen Bug und San umfaßt 24' Lezirke, von denen kein einziger eine polnische Majors tat aüfweist. Die ukrainischen Majoritäten erreichen in diesen Bezirken W,7 Prozen! bis- 61 Prozent, während die Pokrr bloß in einem einzigen Bezirk (Lem- 44,5r Prozent .erreiche». Zur Illustrierung der Siedlungsverhältnisse diene folgende Tabelle: 3u 2» P r « leeleu IS Laufende» Saufe«» tai r8m.i griech.^ m- »aslrijch rttn.3 91S; D«fM» Sokal . . . 10SÄ 85*5 14*9 91*1 71*6 16*8 Rawa-RttSkq NÜÄ m 70*1 14*5 17*8 80*8 167 Zolkirw. . . 8$*7 PrzemySlanh 86^ 16-N T8*0 9*6 m 89*8 •9*15 §8-0 89*3 iro m 88*9 9*5 Rohaty» . . Mir Bovcka. . . S8'5 m 71'? 17-8 91*8 89** 18*5 18*8 «9-5. 11*5 16*6 61*5 10*3 Rrrdkr . . . 77-3 97*$ 83 •31*5 49*1 64 Zhdaczow. . 83'Z KaluSz ... VTi WV 10*1 7.V? sir? F2 5.-4 13*3;vß (53*0 78*7 « 0-9 8*2 Dvlina . . . j 18*8 10*8 75-8 nr3 .19*8 86*3 12*8 Strvj . . . 80r3 iro 81*0 15*9 15*8 48*9 13*8 Slosi .. ... KV4. KT9 77*4 ■10*7 «*1 m 5*9 SüMor . . 1V7'4 30-5 m 8*3 89*8 65*5 8*8 Drohobycz . N1'7 31*9 59*6 17 2 37'6 103*3 296 Tnrka . . . SL'8 iri 80U 18*8 5*2 88*8 11*7 MosciSka . , 87'8 31'8 5fr» 8*2 27*9 S2'6 7*2 Jawvrow. . SL'7 m 79*0 7*3 11*8 68'5 6*3 EieSzanow . SS'S 841» 62*4 19*5 80-3 45'4 10*8 Przemykl. . 160ro 86*4 50*0 14*1 56'6 80*0 22*5 Dobrsmil. . «TI 34*8 10*6 17*9 40'1 7*6 Liskv .... 98'5 lÜV Tom m 148 6S'2 18*9 Savok : . . 198'7 88*8 tm m 43*7 51'? 118 Bezirk Lernberg 161'6 StadtLrmberg S06'L 434 - 51-3 45*8 ■m 8-7 97*8 70*1 105*5 74'1 39*8 140 57*4 A560-0 810 1SS5 840 Die Gesamtziffer der. Bevölkerung beträgt demnach in diesem strittigen Gebiet 2,560.099 Eimvohner; hiervon 1,535.900 Ukrainer und 340.000 Juden, zu sammen gegen 610.000 Polen. (61,8 Prozent Ukrainer, 24.5 Prozent Polen, 13; 7 Prozent Juden.) Angesichts dieser Ziffern wird erst begreiflich, warum die Ukrainer mir allen Kräften dieses Gebiet behauptsn müssen, wenn sie ihr SelbstbsstimmungSvscht tatsächlich realisiert haben wollen. Aber sogar die Stadt' Lemberg allein ist keineswegs «tue wirklich. polnische Stadt. Lemberg hat nur 44.5 PvozE Boßen und 5,9 Prozent Deutsche, 0,8 Prozent Tschechen als römisch-katholische Einwohner. Diese Zahlen sowie die früher angeführten sind polnischen CUtdfcn entnommen (der „Statystika Polski" vom Jahre 1917, bearbeitet von Krzyzsnowstt und Kumanreki) und beweisen, daß nicht einmal Lemberg selbst eine polnische Majorität hat, wobei »och Hu bedenken ist, dG einen Großteil der Bevölkerung die polnische Beamtenschaft bildet, -die samt den Familien an die 20.000 Seelen Zählt und die ihre Daseinsberechtigung in Lemberg nur solange hatte,, att Lemberg die HanpLstadt eines Ssterreichlfche'n.^rvnlÄndeK Mar, während sir jetzt genötigt fein wird, Lemberg zu 'verlassen . Die angeführte» Zahlen find ferner der beste Beweis dafür, wer der Angreifer im Kampfe um OstgalizieN ist, wer es versucht, die Friedenskonferenz vor Tatsachen zu stelkn, damit nicht erst ihr Urteil abgekartet zu werden braucht. Die Polen, die nach außen hm, wenn es sich um Danzig und Posen handelt, Wamme Bekennet deS SelbstbestimmungSgrundsatzes Pud, wolle» in Ostgattzien bloß das historische Recht gelten lassen und die polnischen Führer teilen sich in ihre Rollen auch in diese« Falle, wie sie sS überhaupt wahrend de- Krieges vorzüglich verstanden hatten, um stets auf beiden Seiten Vertreter zu haben. Wie sie im Krieg« Legionen den Zentralmächde« und der Entente zur Verfügung stellten, einen Regentschaftsrat und provisorischen Staats rat paar lg Hoi d« Prasse einsetzten, andererseits aber ein germanophobes Pariser Nationalkomitee schufen, so begeistert sich auch jetzt her Führer der Alk- Polen in Paris, DmowSkt, für den Wilsonfche« Völkerbund, während sein Bevollmächtigter und Intimus, Professor Grab S ki, fa Krakau zum blutigen Kampf um OstgaNzirn und Lemberg mit der Begründung auffordert, daß hier mit Waffengewalt Tatsachen geschaffen werden müssen, weil das »Doktrinäre Ameika" auf dem SelbstbestinmmngSrechte beharrt, und daher die Polien Gefahr kaufen,' Ostgattzien ZN verlieren^ Die Ukrainer verteidige» bloß ihren angestammten Boden, ihr unzweifelhaftes Siedlungsgebiet, wenn sie nicht um Lemberg, wie eS die Polen verkünde», sondern um die 84. Bezirke zwischen dem San und dem Dag kämpfen. Gewalt wenden eben die Polen an, 'die ihre Kräfte nicht nur gegen die Deutschen und Esthen, sonder» auch gegen die Ukrainer verzetteln, anstatt gemäß der ihnen zugewiesene« Rotte, die sich vom Nvrdosten ihrer Grenzen heranwälzende Anarchie, aufzuhalten. Die feierliche Mahnung der Entente, die auch an die Polen gerichtet wurde, gewaltsame GebietSeroberungen zu unterlasse«, ist eine nicht zu mißdeutende Unterstützung des ukrainische« Standpunktes Im?1h5?NHest.. Kampf«.... v *; ' Die internationale Sozialistenkonferenz. Klärung von Mißverständnisse«. Brr», 5. Februar. (Meldung der schwei^risthern Depeschen-Agentur.) Zum Schlüsse der gestrigen Bor-? Mittagssitzung der Soziattstenlouferenz erklärte Bran-! Link er sei der Ansicht, daß die Wechselred« zur Klärung! Vieler Punkte beigetragen habe und eine Reihe tw‘ Mißverständnissen beseitigen werde. OestevveichS SchnG. In der Nachmittagssitzung tadelte Marina (Estland) die .Haltung drr deutschen Mehrheitspartei nach ' Kriegsende. Nemee (Tscheche) erklärte, über den wahren Sch.uldigewanr Kriege, nämlich Oesterreich, sei hier noch garnicht gesprochen worden. Lroelstra (Holland), erkfärw, er verzichte : a«f 15>ic Erörterung der Schuld'frage. Gegeu- Übtzv Wr Resolution Thomas' bemerkte Redner,; daß'" / tzetzt Mm der Augenblick sei, sich über de» Bolschewismus auszusprechen. Wels (deutsch« Mehrheitöpartei) erMrts, d»rß die Vertreter' seiner Partei verhindert waren, an drrGikmig teilzunehn«». ' Hougusts Anklage. . Hierauf ergriff La»guet das Wort, der unieu auHMiausftthrte: Die französische» Mehrheitssozia^? ttsteu Mtz mst Äautskt) einig in der Kritik de^ deutschrn Mehr heitspartei. Die deutscheM«h.r^ heitspartei hat ihre Pflicht als Gruppe der Jntücnajio-- . naht verletzt, als sie gegen die NeutratttätsverletzunK .; Belgiens, di« sie sogar rechtfertigte nnd gegen), die Mißbräuche des deutschen GeneralstabLs, die Per-, schleppung der französischen Bevölkerung ans den okkv^j piertsn Gebieten, den unmenschlichen U-Bootkrieg und! - gegen Brest-Litowsk und Bukarest nicht protestiert«^ . Andererseits muß zugegeben werbe», daß auch die fM Here sozialistische Mehrheitspartei in Frankreich durch Verhindorung der Stockholmer Kaufe-! , rsnz, die geeignet gewesen wäre, den Krieg abzukürzen,! en« schwere S chul d a u s sich g e l a d e» h a t. EÄ , kann gewiß nicht der Sinn der Resolution Thomas'; sein, die deutsche MehrheitSpartei aus der Jnternatio-' nale auszustoßeu, sonst müßte» auch «och au der«' . Sozialisten ausgestoßen werde n. (Zuruf vom der Thomasgruppe: „Rainen nsunen!" Darauf ctn! . Gegenruf.' „Dir ehemaligen Minister!" — Große Unruhe, Pwtestrufe aus der Thsmasgrupp«.)^ , ManMrn» die Massen Deutschlands aus der Internats' nale nicht ausfchließeu, «her ebensowenig können wir eine solche der ttnksstshenden (Bolschewiken) beschließe», da dis russische Repslution wie die französische als Ganzes zu beurteilen ist und nicksi «ach eiuzelnLN Phasen^ Ein Bolschewik gege« de» Evtr»teimpertattSmuS. -■:'* GawrvnSky (Rußland, sozialistischer Revo-, luttonär) gibt eine kurze Charakteristik des russischer^ : Bolschewismus nnd schließt: Zn dem Augenblick, wo» unS «Ne« vom Imperialismus der Entente: Gefahr droht, müssen wir uns vereinen, um im Ramerr-; der Menschheit das ganze Proletariat zu stützen. l Buchingrr (Ungarn) betont» die uNgarischeu Sozialistsw haben ununterbrochen durch Ausstände gegen den Krieg demonstriert. Borabjerg (Dänemark) hebt hervor, daß dis drutschr Mehrhektspartei versäumt habe, ihre Macht in Deutschland zu stärkerer politischer Geltung M bringe». . Friedrich Adler über dir SchAldfrag«. Als letzter Redner in der NachmittagSsitzuttg srhielt! D'r. Friedrich A d le r (Oesterreich) das Wort. Doktov Adler führte aus, daß er mit grober Skepsis zu dies«« Konferenz gekommen sei. Redner kam sodann auf die SchuldfraA zu sprechen und betonte, es Habs für ihn von Anfang an kein! . Zweifel darüber bestanden, daß Oesterreich am Ausbruch! des Krieges feine» guten Teil Schuld hatte.. Dies^ Schuld treffe aber nicht das Proletariat» sondern einzig die Herrschenden Oesterreichs.. 1 Doch dürfen wir darüber nicht vergessen, daß die / Herrschenden in den anderen Ländern auch nicht unschuldig gewesen sind. j Redner erklärte zum Schlüsse, daß er feilt Bolschewik fei, daß es aber nicht angehe, auf einer. Konferenz internationaler Proletarier eine Verurteilung irgend einer Art über Abwesenbe auszusprechs», darum bitte er um Ablehnung der Resolution Thomas'. HuySmanS teilt mit, daß zwei Beschlutzanträga zur Schuldfrage eingegangen sind» einer von Thomas und ein -weiter von de» deutschen Mehrheitssozialist eu, die noch von einem Ausschuß behandell werde» sollen. I HuySmanS gibt hierauf den Text der deutsche» Anträge bekannt, in der die deutsche Sozialdemokratie jede Avrantwortung für den Ausbruch und hie Führung des Krieges ablehnt. Sie werde ihre» ganzen Einfluß aufbieten, damit bis Verantwortliche» voll zur Verantwortung gezogen werde». -; I» der fortgesetzten Sitzung begann die Berhatchkung der Frage des Völkerbundes. I. H. Thomas Sekretär des Nationalverbandes englischer Eisenbahne», erklärt«, in Paris dürfe nicht ein Friede zwischen Sieger« und Besiegten geschlossen werden. i —I '}! ‘.1 - ' ' '