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Wiener Morgenzeitung · 1919-01-31 · Heft 13 (31.1.1919) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 13 (31.1.1919)
Date
1919-01-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 _ _ ‘ Wien, Freitag Die FrLedMkonferenZ. Der Sieg der VAKerburrdidee. Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, daß i Wilson allem Anschein, nach mit seiner Völkerbundjjdee ziemlich, isoliert dastand. Erfreulicherweise häufen fich die Zeichen dafür, daß England und Frankreich >ihren Widerstand mehr und mehr aüfgeben. Die -BaselerNationalzeitung schreibt hierüber: England soll nicht bloß nach einer Reuterdepesche den Hau seiner Kriegsflotte gestoppt haben, sondern eshat sich bereit erklärt, die Frage Arabiens» Mesopotamiens, Palästinas und der deutschenKolonien d e rn Völker- - u n d e anheimzustellen, und „in keiner Weise Gebietsansprüche zu erheben, die sich mit den Grundsätzen des Völkerbundes nicht vereinigen ließen." Pessimisten werden auch dies derart auslegen, als würde der Völkerbund nur eine Art von erweiterter {Entente sein und jene Ansprüche nur einfach gegenzejchnen. Aber selbst wenn man dies annehmen wollte, wäre schon der Fortschritt ungeheuer, daß eine Großmacht wichtige und reiche Gebiete, die sie in einem -vpfervollen und blutigen Kriege erobert hat, der Entscheidung durch eine fremde Instanz überantwortet. .Dieses Vorgehen erinnert an die besten Traditionen des britischen Imperiums, das mit Ausnahme des unglücklichen Irland immer mit Freiheit seinen Vorteu zu vereinigen verstand. Auch diesmal wird England gewiß Keinen Schaden von seiner Großzügigkeit haben, und sehr wahrscheinlich wird das arabische, mesopotamische und jüdische Gebiet bei voller Selbstverwaltung doch zum Segen der Welt der briüschen Kontrolle überantwortet werden. Die Forderungen der kleine« Staate«. Paris, 28. Jänner. Petit Parisien glaubt zu wissen, daß die Forderungen der Delegierten der Kleineren Mächte mit bezug auf ihre Vertretung in den Kommissionen für den Völkerbund und für die Häfen und internationalen W a s f c r fi t a ßen befriedigt werden würden. Die Marokkofrage. Paris, 28. Jänner. (Havas-Meldung.) Wie {Matin schreibt, wünscht Frankreich die Aufhebung der internationalen Hypothek auf M a r o k k o. Italiens Ansprüche an die deutschen Kolonien. Lugano, 30. Jänner. (Tel. der „Wr. Morgenztg.") Corriere della Sera verlangt für Italien die Ergänzung .seines Kolonialbesitzes, falls die deutschen Kolonien {unter die Ententemächte ausgeteilt werden sollen. Clemeneeaus Opfer. Genf, 30. Jänner. (Tel. der „Wr. Morgeriztg.*) Im Homme Libre schreibt Clemenceau: Seitdem ich jan den Sitzungen der Friedenskonferenz teilnehme, >habe ich manche meiner Anschauungen opfern müssen. Ich mußte dies tun, damit die Alliierten einig bleiben. Das Volk darf sich dadurch nicht beumuhigen lasten, wenn ich meine Ansichten {manchmal ins Gegenteil ändern muß. Frankreichs {Ansehen wird im Völkerbund nicht gemindert werden. Berek, der angeblich fanatische „Pole mosaischer Konfession" {wollte also für Oesterreich, das ja erst vor kurzem an der' Aufteilung seines Vaterlandes mitgearbeitet hatte, kämpfen. Somit ist ,«r nicht der große Patriot, für den ihn die Polm halten und ans den die Judenmassen als Muster Hinweisen. Was trieb eigentlich ' Berek znm Entschluß, gegendie Franzosen jüdische Freiwilligenkorps zu organisieren? Eingangs erwähnte ich, daß in ihm etwas von einem Soldatenabenteurer schlummerte. Vielleicht lockte auch jetzt ein solcher Plan seine abenteuer-und unternehmungssüchtitze Stele, ähnlich wie im Jahre 1794. Vielleicht war eS der Echrgch^ der christlichen Mitwelt Anzeigen, daß der vielgeschmähteGhettojnde auch imstande sei, die Waffen zu führen. Eine Studie aNs psychoanalytischer Grundlage könnte vielleicht dicS wundenfameMmschenraistl löserr. > . . Berek Joselowicz wandte spater. Oesterreich den Rücken und feilte zu. DabrvwSkis. Fahnen, um in der.Inner der Franzosen, dieler erst vor kurzem mit Hilfe eines Wischen Freikorps an {ihres Gegners Seite bekämpfen wollte, Dienst zu machen? Er sah Mn hier die Möglichkeit, sich soldatisch auSleben zn können. §ar sich Berek feines inkonsequenten Schrittes bewußt? Abmteuerle. Soldatennatnren kümmern solche Gewissenödmge wenige sie ^äPpfen ja um des Kampfes selbst willen.. In der Schlacht bei Kock (1809) fand er. den Heldentod. . , .In den zahlreichen Legenden, Erzählungen und Anekdoten, ^.)pir. über, die napoleomsche Zeit in. der danmligen chassidischen ÄoMlitewtur besitzen, wird nirgends seiner Erwähnung getan. . Semen.eigenen Volksgenossen imponierte eben seine Soldaten« nährr viel zu wenig, als daß man pon ihm Uotiz genommen hätte. Die späteren außerhalb ihres Vollstymö stehenden Assimi- ^atjynSjttden aber stempelten., ihn zum Vorkämpfer -der polnisch- >)Gische« Verbrüderung. ' » O > ■\ ' Kll bicfcht Jahr kehrt sein 110. Todestag wieder. Polen ist... in.Freihyt -7 Wenn. anchMit fremder Hllst —- «icu aufcilipben. Und Mküsche Legionäre, m der«r Reihen einst der F'nde Joselowicz heldenmütig gelämpst hatte, ■ feiern wut fein An« — mit Jndcupogromew. ,3 *> . Wiener Morgenzeitung Koloninlsragen. — Der tfchechifch-polnischs Streit. Paris, 29. Jauner. (Havas-Meldung.) Das Komitee der zehn Vertreter der Großmächte hat gestern die Prüfung des Schicksals, des deutschen Kolvmalgeöietes fortgesetzt. Während des Vormittags befaßte es sich mit der Frage der deutschen Kolonien im fernen Osten und im Großen Ozean. Es hörte verschiedene Delegierte Japans, die die Karolinen- und die Marshall-Inseln verlangen, sowie Australiens, das Neu-Guinea beansprucht. Neuseeland hat Absichten auf Samoa und China möchte Kiautschou zurück erhalten. Am Nachmittag vertrat der französische Kolonialminister Henry Simon energisch die französischen und englischen Kolomalansprüche. Es ist bekannt, daß Kamerun fast ausschließlich von den französischm Truppen den Deutschen abgenommen wurde und daß im Jahre 1916 zwischen Frankreich und England zurAbgrenzung der gegenseitigen Einflußsphäre ein Vertrag geschloffen wurde. Frankreich verpflichtete sich bei der Ueberlassung dieser Gebiete, dort eine besonders liberale wirtsäiaftliche Verwaltung einzuführen, die den Schutz der Eingeboren und die Möglichkeit des Aufstieges zu einer besseren Zivilisation sichern würde. Die Darstellung Simons machte lebhaften Eindruck auf die Delegierten, von denen einige, besonders Lloyd George, ihre Zustimmung nicht verhehlten. Das Komitee trat darauf, wiederum in den Meinungsaustausch über den Vorschlag Wilsons ein, der darauf hinzielt, daß die S 0 u v e r äN it 8 t über die deutschenKolonien dem Völkerbund zustehen solle, der die Gebiets unter interalliierter Kontrolle einer von ihr bestimmten Macht anvertrauen würde. Um sich über die praktischen Mittel zur Verwirklichung dieses Gedankens Rechenschaft zu geben, müßten die Delegierten auf die allgemeine Prüfung der Prinzipien des Völkerbundes selbst zmückkommen. Sie faßten gestern keinen Beschluß bezüglich dieses komplizierten Problems von dessen Prüfung sie vielmehr Abstand nahmen, um dringendere Fragen zu behandeln. So sind die polnischen und tschech 0slowakischen Truppen an den Grenzen dieser beiden Länder auf umstrittenen Gebieten im Kampf. Das Komitee, das schon einen Protest gegen diesen Gewaltakt veröffentlicht hat, mochte diese Feindseligkeiten zum Stillstand bringen. Die Delegierten werden Mittwoch die polnischen und tschecho-slowakischen Delegierten hören. Kramarsch und Benesch vor der Friedenskonferenz. Paris, 29. Jänner. (Meldung der Telegraphen- Kompagnie.) Heute nachmittags erschienen der tschechoslowakische Ministerpräsident Dr. K r a m a r s ch und der tschecho-slowakische Minister des Aeußern Doktor B en esch vor der Friedenskonferenz und hielten einen. Vortrag über die tschecho-stowakische Frage. — Zu Delegierten Polens bei der Friedenskonferenz wurden D m o w skr und Pilz ernannt. Die Hoffnungen der Tschechen. Prag» 30. Jänner. (Tel. der „Wr. Morgenztg?) Narodni Listy sucht heute neuerlich aus dem Umstand, daß C l e m e n c e a u die Bewilligung zur Publizierung des mit den Tschechen am 23. September abgeschlossenen Vertrages über die Grenzen des tschechischen Staates erteilt hat, zu schließen, daß damit die historischen Grenzen von der Entente anerkannt sind. Uebrigens hätten die Vertreter der Großmächte den Vertrag gleichsalls anerkannt, und daß sie an dessen Durchführung, die zu verschiedenen Okkupationen geführt hat, beteiligt waren, ist ebenfalls bekannt. Eine treue Bestätigung hat die Tatsache, daß die Ententemächte die historischen Grenzen des tschechischen Staates anerkennen, durch deren Teilnahme an chen Annexionen der Tschechen besonders bei der jetzigen Okkupation des Teschener Gebietes, gefunden. Narodni Lisch folgert daraus, -daß die jüngst ergangene Warnung der Entente n.i ch t an d i e Ts ch e ch e n, sondern an die Polen gerichtet war. Neutrale Zone zwischen Tschechen nick Polen. Berlin, 30. Jänner. Der Lokalanzeiger meldet aus Genf: Der heutigen Besprechung mit den Vertretern Polens und des Tschechenstaates im Ententeausschuß' für slawische Angelegenheiten werden mehrere andere, demselben Gegenstand gewidmete Erörterungen folgen, Es handelt sich vornehmlich um die Abgrenz u n g der Interessensphären der beiden Staatsorganismen. Als wahrscheinlich gilt, daß zwecks Ver- : meidung von Feindseligkeiten zwischen P ölen und T s ch e ch 0 - G.l 0 w a k e n eine Art. neutrale Zotte seitens der Entente dekretiert.und von Ententetruppen besetzt wird, bis-.in Paris volle. Einigung erzielt worden ist. Gegen ein mmh hängiges SüdafrLks. Lorchs», 30. Jänner. (Äleiüer-Melduttg.) Die Regierung von Kapstadt Hat - dem General D e wet und Gabler» die beide Mitglieder der vom Kongreß in Bloemsontain ernannten nationalistischen Deputation sind, die nach Europa fahren soll, um der Friedenskonferenz Vorschläge für ein unabhängiges Südafrika vorzulegen, die Pässe verweigert. * <-■ 'v 31. Jänner 1919 Seite 3 ..... . .— ... ■ ■ Die InUmüÜmüU SsziMstLMOKferLKZ. Dir ersten 'Sitzungen. Gsrn» 29. Jänner. (Meldung der Schweizerischen Depeschen-Agentur.) Branting, der in. den bisher stattgefundenen Sitzungen der" intemationalen Konferenz den Vorsitz geführt Hatz machte über die letzten Sitzungen folgende Mitteilungen: Die bisher angekomnlenen Delegierten zur internationalen Sozialistenkorrferenz haben die vorbereitenden Sitzungen Dienstag und Mittwoch fortgesetzt. - Der Sitzung vom Dienstag wohnten als Neuangekommene unter anderem / bei: Die Vertreter der deutschen sozialdemokratischen Mehrheitspartei Hermann M 0 l k e n b u h r, Hermann M ü l l e r . und Otto 3B' e l s, als Vertreter der unabhängigen Partei Karl Kau Ls ky und als. VerLreLer der Generalkommiffion der französischen Gewerkschaften . F 0 uha u x und D e m 0 u l i n. Im Verlaufe der Sitzung stellte H u y s m a n s fest, d a ß d i e D i skus s i 0 n der S ch u l d f r a g e unvermeidlich sein werde. Darüber erfolgte eine ziemlich lange Aussprache, bei der im allgemeinen Huysmans zugestimmt wurde. An der Diskussion beteiligten sich außer Huysmans, V r a n L i n g, Hermann' M ü l l e r, W e l s, K a u L s k y, E l l e n b 0 g e n, S e i tz, G r u nr b a ch, S a k a f 0 f? und Toller. Damit die Diskussion über diese Frage sich nicht ins , Endlose verliere, wurde beschlossen, daß gewisse Bestimmungen zur Führung der Debatte getroffen werden .; sollen, sobald die Delegationen aller Länder vollzählig erschienen sein werden. Der Mittwochsitzung wohnten als Neuangekommene bei: Die ungarischen Delegierten Buch in g e r, V i r 0 und I a s z i, die zwei finnlündifchen Delegierten W 0 u l i j 0 k i und K e t 0 und W i b a u t für Holland. Die Diskussion drehte sich hauptsächlich um die territorialen Fragen und die Art, wie die Diskussion in der Plenarsitzung^' - geführt werden soll. Die Delegierten fast sämtlicher vertretenen Länder meldeten Fragen an,, die.sie stellen wollen. - -; Infolge einer Intervention des lettischen Delegierten S e j a gab der deutsche Mehrheitsdelegierte Hermann Müller die Erklärung ab, daß, wenn überhaupt heute noch deutsche Truppen in Lettland stehen, dies nur darauf zurückzuführen sei, daß dies der einzige Rückzugsweg der noch in der Ukraine stehenden deutschen Truppen in ihre Heimat sei. Im übrigen denke Deutschland nicht daran, Anspruch aus irgendwelches lettisches Gebiet zu erheben. Branting betonte darauf, daß diese Erklärung Müllers wichtig, sei. Zur elsässischen Frage bemerkte G rumb ach, daß er hierzu eine Erklärung iw der Plenarsitzung abzugeben habe, daß er jedoch keinen Zusammenhang Zwischen dieser Frage und derjenigen des Saargebietes und des linken Rheinufers anerkenne. Der deutsche Delegierte Wels erwiderte hierauf, daß auch er hierin verschiedene ^agen sehe und das Saargebiet und das linke Rhemufer unbedingt als Bestandteile des deutschen Staates zu bettachien feien. Am Schluß der Mittwochsitzung betonten H u y sm a n s, Branting und M ü I l e.r, daß es notwendig sein werde, in der internaüonalen Konferenz im Rahmen der Frage des Völkerbundes auch bie; der Sanktionen gegen Völker, die sich nicht fügen wollen, zu de' andeln. Im Prinzip wurde beschlossen, ein Redaküonskomitee zur Abfassung der dem Kongreße vorzulegenden Erklärungen zu wählen, sobald alle Delegationen anwesend sein würden. Branting hatte in seiner Ansprache besonders? darauf hingewiesen, daß dem Völkerbund: von vornherein alle Nationen an-' gehören müssen und daß kein Teil ausgeschlossen w e r d e n > d ü r f e. Beim Aufbau des Völkerbundes dürften von Anfang an auch die kleinen und die neutralen Nationen nicht festen.; Dar über müßte man sich in Paris v 0 l l k 0 m m e n k l a r s e i n. Hermann Müller erklärte sich mit den Aus« führungen Brantings vollkommen einverstanden und wies darauf hin, daß Kriege in Zukunft unter allen Umständen unnröglich gemacht werden müssen. DentschSsterrerchs Vertretung. Bern, 80. Jänner. (Tel. der „Wr. Morgenztg.")! In der Vorwoche hatten sich als Vertreter der deutsch-! österreichischen Sozialdemokratie Präsident S e i tz,> Dr. Ellenbogen und Domes nach Bern b'e-!' geben, um an den Verhandlungen der internationalen' Sozialistenkonferenz teilzunehmen. Es erregt nun hier! ein gewisses Aufsehen, daß Seitz und 'Ellenbogen) wieder nach Wien zurückkehren, während Domes hier.' bleckt. Zur Konferenz kommt Friedrich Adler, dem 1 der Dundesrat schließlich doch die Einreise gestattet hat. Außerdem wird noch ein Vertreter der deutsch-! österreichischen Gewerkschaft hier erwartet: Man Lr'mgti die Abreise Seitz' und Ellenbogens mit den Wahlen^ zur Konstituante in Wien in Zusammenhang. . I ' V, t. •»-' „ V. ... ■-

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