Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 12 (30.1.1919)
- Date
- 1919-01-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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.u.e -j- Ti *■ ' WLHlerVersamMlrrns. ' Borgestem fand eine massenhaft'besuchte Wähler- Versammlung' i>n Saale des Ärtisten-Cafö in der Praterstraße statt. Nach der Eröffnungsrede des Vorsitzenden'Herrn Emil N i m h Ü n s e r sprach der Kandidat Les Jüdischen Naiionalsereines Herr I. B! aß, der etwa folgendes ausfühü: Alle Juden, die im Felde geufliibcit fmb, haben gelernt, sich Zu ihrem Volke zu bekennen. Mag sich der Jude dort auch noch so aufopfernd und tapfer verhalten haben, er war unausgesetzt das Ziel rohester, und gehässigster Schmähungen seitens vieler Kommandanten und fast aller nichtjüdischen Borgesetztem Den.Juden, die im Schützengraben den Krieg mitmachten, ist es wie Schuppen von den Augen gefallen und sie wissen jetzt, daß sie ,ut ihrem iurchtbar gehaßten, schmachvoll verleumdeten Volke stehen müssen, solange es nicht menschlich behandelt wird. Redner letst weiter dar, daß seit 1906 die Wähler: Ofners von der M e h l b ö r s e gemacht werben, Die Juden der ^Leopold st adt h a b e n wahr.lich kein Interesse dar an, daß die Mehlbörseeinen entscheidenden E i chf 11! f? ö u f di e deutschösterreichische Gesetzgebung ausLbt.— Kandidat Doktor P lasch l: e s wendet sich vor allem mit scharfen Worten, gegen die Verleumdung, es gäbe Juden, die für Ctzristlichsoziale zu stimmen beabsichtigen. Er^müsse gegen diese tendenziöse Ausstreuung der Sozialdemokraten ' die gesamte Judenschaft in Schutz nehmen. Es gibt keinen Juden, der Christlichsoziale wählen würde.' Seine''emstündige. Rede, in der er das jüdischnationale Programm großzügig darlegte, wurde mit großem Beifall ausgenommen. Es sprach noch überaus wirkungsvoll.. Kandidat David Nebenzahl.. Der Besuch war derart massenhaft, daß nur ein Teil des i Publikums im Saal Platz fand. Die Zeit drängt. i£w°.' G^gcnheit nimmt, die Masstnversanmilimßen bc3 J'üdisKrn Naiisualverein^ in der Leopsldstadt und der Bngittenau zu besuchen, :a;.n nrit Genugtuung sestsiellen, daß die Nominierung -siner RLÜvnaliüdüchrn Kandidatenliste^ fihr diesen Wahlr^ns den Fortr.-'.'.ugcn der breitestm jüdischen Schichten entspricht. Niemals ss wü ic^r d.rben unsere BoWtzensssen de» Zuss«rR?ek?.hang der IudeNsrKgen irr sklen Landern erkannt.'Sie ivissm, das; die , IudeirsrQge jetzt geLvft werden kan» «nd wird -und daß es dazu nötig ist, möglichst in «Len ParsarnrnLeK eigene Vertreter z» haken, ttuch dir Stande von der papierenen, niemals respektierten „Glntt-öerechtigunglegt selbst den bisnUn indisserent Gebliebenen den Gedanken nahe, ob nicht die Boremhalwng der Gleichberech" rigung darauf ,:u.!>.ck?,uführrn ist, daß bisher Juden in den aeir^-. gebende-.: Körperschasirn saßen, die durch ihre fremdnationale'Podttk. gebunden waren Und niemals das Recht des Mischen Volkes, s o r d e r n.dursten. Hätten wir Juden auch rür zwei od^r einen Vertreter' in der Konstituante, die a l s I n d e n der Äörpw» schast-angehsren, r»a« LrZrrnLe uns «rrfer Recht Nichtvorenttz alten. . Di - Juden wissen auch, daß der zn wählenden Konstitnaute die Ac-neegeku^g der Verhältnisse obliegen, wird und wollen, daß ';'. vsjüdischr BsrLretrr Im Interesse des Zndens . . tum# rnirrrven. An unseren freunden liegt es, diese günstige Stimmimg zrmt Wohl des Kude'UumS zu nützen^ Alle wahlberechtigten Juden und Iildmue«. des Wahstreiscs Nordosh die aus den angeführten Gründen :-.n§ nahe 'stehen,- müssen m den nächsten Tagen erfaßt und müed'.w großen Sache -ugefuhrt werden. Da.m bedarf K drr^ ssfort'.gm Mitarbeit der GksimmngSgenossen 7,7-n garn Wim. Ser sich dem- Wahlkomüee noch nicht zur qestelir hat, trage dr's sofort nach. Tat- Ham'tagit'üir.uölokal. befindet sich U., L'llmbnmngasie» Cafö Dkütkr r Souterrain). Auskünfte werden von 10 bis 12 und von 3 drs 7 Uh? erteilt. - Das Agirat!0'?rlvkal des Jüdischen NationalvereineS für Kie B-aigiiteuan blinder sich XX., Walstnste'nstcäsre 2, .CasS Büraett 'S^ccchsi'.mden iägl'ch von 9 brs 12 Uhr und von 3 bis 6 Uhr. > ' PrsvissrischSr Ziidrscher RMonÄ'vKi für Deutschosterreich. P.lz narsitzung am 2 7. Jänner 1919. In d?r Plenarsitzung vom 16. Jänner hat die Neiciriniu. für soziale Fürsorge im Nationalrat, Frau Amtta Müller, das Resecat über die Schaffung eines jüdischen> Sr,--anisaiionsamtes für soziale Fürsorge erstattet.-Eieich'eittg berichle.e sie über die bereits geleisteten Arbeiten, die insbesondere Erhebungen üuf ide-u (2'Kiele• bei o h n un g s e l e n d s und des K o sttinderelerrds bstres'en. Diese Erhebungen haben bereits überraschende Resultate gezeitigt, die nicht nur als stari'stttches Ma'erial von hohem Wert' sind, sondern auch deu Fürssr.-.-eorgan-en des Naiionalrates Celegenhrit zu irsorrigsm Eingreifen gaben. Wir werden über diese At.ionen im Zusammenhang noch ausführlich, berichten. Auf der Tagesordüüng. der heutigen Sitzung stehr die Fortsetzung der Spezialdebatte hierüber. ■ Der Entwurf der Neferentin, weicher nach eingehenden kommt sisrn-llrn Beratungen und im Einvernehmen' mit dem Präsidium des NationalrateS formuliert wurde, wnrW in der vorgcschlagenen Fassun.i xs-.-.ehmigt. Die -Diskussion hat noch wertvolle Gesichtspunkts zur Ausgestaltung der geplanten Arbeit ergeben. So wurde insbesondere die Nvtwelldigkeit betont, ein Bureau z» schas.-rn, das für die Emigranten aus dem Osten Arbeit vermittelt; auch soll zu diesem Zweck eine Statistik der sü.isü/m Betriebe angelegt werden. Frau Mül irr wreö. La. raus hin, daß eine Unterbringung vo» Arbeitskräften - in B-etrieLen auch schon im Interesse einer Ausbildung, dey «gch Palästina gehenden Auswanderer notwendig sei; Wan gedenke eine eigene Äerkstätte für Schuster, Schneider und Buchbinderlehrlinge einzurichten, außerdem will man in jenen Fabriken,, die nicht unter Rohstoffmangel. leiden, Leute unterzubringen suchen. Für die Arbeiten des Ressorts, dessen Leitung Frau Anittä Müller führt, wurden im Nahmen der beschlossenen organisatorischen Rich'linien'der weiteste Spielraum gelassen. Der Entwurf enthält folgende wichtige - Punkte: § l. Dime utii 3»;<1 Nmne: Jüdisches Organisation samt für soziale Fürsorge. Ressort des Jüdischen Nationalrates für Deutfchöfterreich. Zweck: Positive Maßnahmen auf dem Gebiete der sozialen Fürsorge. 8 2. Mittel zur- Erreichung des Zweckes. I. a) Erforschung der sozialen Mißstande, ihrer Ursache» und ' Zusammenhänge.: b) Studium der bestehenden Fnrsorgeeinrichtungen des Ju- und Auslandes' e) Einflußnahme aus die soziale Gesetzgebung. II. a) Deremigrmg und Zentralisation aller MschenDcstrebungen aus sozialem Gebiete; d) Vorschlag sür Nmgründmgen auf Grund fachwisienschastlich ansgearbeiteter Pläne; c) Gründung von Faebkursen imd Fachschulen nw ArtSbildung von Beamten und Beamtinnen der sozialen Fürsorge (Bureaubeamtinnen, Rrcherchenten, Wirtschastsleitennnen usw.); IH. a) AMänmg weiter Volksschichten über Wesen Md Dtdnetung der sozialen Mißstände; 1>) Berufsberatung; e) Volksfürsorge, Volksbildung (Volksheime). 8 3. L e i t n n g. 1. Der vom Jüdischen Nationalrat bestellte Refermt. 2. Die'em wird em Fachbeirat beigegeben, dessen Mitglieder vom Präsidium im Einvernehmen mit dem Referenten berufen werden. § 4. Anfb au. DaS Organisationsamt besteht aus einem Zentralhureau in Wien, welches nach Bedarf Zweiastellen in anderen Städten und Bezirken Deutschösterreichs tchäfft, eventuell bereits bestehende Organisationen mit den Obliegenheiten einer Zweigstelle betraut. Der Nationalrat hat in derselben Sitzung noch eine zweite Vorlage erledigt/die von besonderer Bedeutung ist. ES wurde'eine Wahlordnung beschlossen, auf Grund welcher die W ach le n f ü r den Jüdischen Nationalrat nunruehr ausgeschrieben und durchgeführt werden sollen. Der Jüdische Nationalrat soll die Vertretung des jüdischen Volkes in-DeutschSsterreich sein. Das Wahlstatut, das nach längc.rer Diskussion angenommen wurde, steht aus dein Boden einer weitgehen den Demokratir, so dastder gewählte Natrvnalrat wirklich als Vertretung legitimiert sein wird. Nach § 11 ist wahlberechtigt jeher Jude und iebe Jüdin, die das 20. Lebensjahr vollendet haben, sich zur jüdischen Nation hekennen und sn TiMlschösterreich wohnen. Das Bekenntnis zum jüdi/cheN.Bolk soll nach der Interpretation des. ^serenten der^-politischen Kommission nicht etwa ttn feierlicher Wei'e abgelegt werden, eS wird vielmehr vermutet, bei V'cm, der einer nationaljüdischen Organisation angehvrt, oder der sich in die Wählerlisten eintragen la'sen wird, die der provisorische Jüdische Nationalrat auslegen wird. Der provisorische Jüdische Nationalrat, dessen Legitimation von verschie'enen Seiten angesochten wurde, hat seit seiner §koustituierung stets erklärt, daß er nur als Provisorium gelten und einem zu wählenden desinitiven Nationalrat weichen will. Es ist nun zu erwarten, daß alle Juden, die Irgendwelchen/Anteil am Schicksal des jüdischen ^Volkes nehmen, sich an den Wahlen beteiligen werden. Die Wahlordnung wird demnächst vom Nationalrat. publi'iert wer' eu. Aus,er diesen zwei überaus wichtigen Angelegenheilen befaßte sich der Nalionalrat noch mit einigen kleinen Anträgen. Darunter' ist hervorzuheben die Anregung des^Herrn Stabsarztes Dr. Mayer, für die gefallenen jüdischen Svlda en eine Gedächtnisfeier zu veranstalten. Die Anregung wird dem Jüdischen' diationalvecein üLerrnittelt wer'.en. TelegMMMe. Tschecho-slomakischeNspuhliÄ. Die Auflösung der autonomen jüdischen Gemeinden. Mir haben bereits berichtet, daß durch einen Federstrich der jungen tschecho-slowakischen Republik die Autonomie der jüdischen Gemeinde in Nikolsburg vernichtet wurde. Wie nun bekannt wird, geht die tschecho-slowakisihe Regierung daran, in ganz Mähren die jüdischen Gemeinden aufzuheben und sie dem allgemeinen Verwaltungsapparat der Republik einzufügen. Diese Autorromie der jüdischen Gemeinden beruht auf einem alten verbrieften Recht und hätte immerhin von einem Staat geschützt werden müssen, der seine, eigene Existenz aus einem alten Staatsrecht herleitet. Die Vernichtung dieser 'Autonomie widerspricht aber auch allen modernen Begriffen der Demokratie und dem Selbftbestimmungsrecht der Völker. Diese Selbstverwaltung der jüdischen Gemeinden ist niemals in irgendeinen Konflikt mit der, nichtjüdischen> Umgebung gekommen. Und wenn der Olmützer Pozor die Hoffnung crusspricht, daß mit diesen Gemeinden eine Erbschaft aus dem Mittelalter verschwindet, so übersieht er eben, daß die Exijtekz der tschecho-slowakischen Republik selvst auf Dokumenten beruht, die auf eiq Zeit zunickgreiferr, irr der von einem Mittelalter nock keine Rede sein konnte. Es ist aber freilich für dir antisemitischen I» stinkte der tschecho-slowakischen Republik sehr leicht Argumente zu finden für eine vollzogene Tatfachs Denn die erste Tat des tschecho-slowakifchrn Jmperia lismus war ja, daß er sich gegen dir Juden wundst und sie für alle Exzesse germanisatorischer Tendenz die vielleicht früher bei einzelnen Individuen uni plutokratischen Elementen vorhanden waren, solidarisch haftbar machte. Dabei mag nicht unerwähnt bleiber» daß von diesem Imperialismus auch Orte bettoffetz wurden, die gamicht im tschecho-slowakischm Gebietq liegen, wie z. D. Nikolsburg und Schaffs, wo die Selbst*. Verwaltung mit dem ersten Auftreten der tfchechischeH OkkupaÜon außer Kraft gesetzt wurde. Eine Kulturkampfdedatte in der NatioimLverfammlrmg. Prag, 29. Jänner. (Tel. der DJ6t MorgenzLg.") Wie schon gemeldet, hat die Nationalversamnrlimgestern die Errichtung einer Universität in Brümr, jedoch ohne theologische Fakultät, be» schloffen. Den Antrag hatte die Schulkommission gestellt, die die Aufstellung von vier Fakultäten, unzwar einer juridischen, einer medizinischen, einer naturwissenschaftlichen und einer philosophischen verlangte, Dr. S L o j a n (tschechisch-katholisch) forderte die Bey, mehrupg der Fakultäten auf fünf, und zwar durch', eine theologische, die an erster Stelle in Betracht käme. Der tschechische Sozialist K r e j e i bekämpfte diesen Antrag und wies daraus hin, daß dr- Theologie keine Wiffenschaft sei und - nicht in den Rahmen einer Universität gehört, welche ausschließlich der freien wiffenschastlichen Forschung gewidmet sei. Der Proseffor der tschechischen theologischen Fakultät in Prag Dr. Kordae trat in längerer leidenschaftlicher Rede für den Antrag S L o j a n ein und. wurde wiederholt in stürmischer Weise unterbrochen. Der tschechische Umversitätsprosefföe Dr. Nemec und der Sozialist Roucek aus Brünn bekämpften ebenfalls die Errichtung einer theologischen Fakultät innerhalb der Universität in Brünn. Abgeordneter Juriga verlangte die Errichtung einer. Universität in Preßburg. Bei der Abstimmung wurde der An trag aufErrichtung einer theolog i s ch e n F a k u l 1 8 t in Brünn mit allen Stimmen gegen die der Klerikalen ab gelehnt und die Vorlage unverändert angenommen. Die Annahme wurde vom ganzen Hause mit lebhaftem Beifall und Händeklatschen ausgenommen. Die neue Universität wird Masaryk-Universität heißen. Die Wahlkämpfe ln der. Slowakei.; Brünn, 29. Jänner. (Tel. d.r „233*. WorgenzitzE In der Slowakei ist bereits eine sehr rege WaÜl-- agitation zu beobachten. Den größten Erfolg dürfte die sozialdemokratische Partei erzielen. Nach ihr ist die '< Volkspartei am stärksten. , i Die Tschechen wollen nach Ratihor. Berlin, 29. Jänner. Die Vosstsche Zeitung meldet aus Breslau: /. Von einer zuständigen Stelle in Oberschlesten wird aus Oderberg berichtet, daß neuerlich Gerüchte - von einem Vormarsch gegen die Grafschaft Glatz auftauchen. Unter den tschechischen Truppen in Oderberg gehe das Gerücht um, daß. sobald die Kämpfe gegeir die Polen beendet sein würden, der Vormarsch gegen Aatibor beginnen werde. Der italienische Gesandte. Prag, 29. Jänner. (Meldung des Tschechow i slowakischen Preßbureaus.) Der italienische Gesandte ' Mario di Lago ist heute hier eingetroffem Handelsverlräge mit Italien «nd Jugoslawien. Prag, 29. Jänner. (Meldung des Tschechoslowakischen Preßbureaus.) Das Handelsminvsterium hat einen provisorischen Handelsverttag mit Italien vorbereitet. Weiters hat das Handelsministerium eine Kompensationskonoention - mtt der kroatischen Landesregierung in Agram adgeschloffen;^ desgleichen liegt eine Kompensationskonvention mit Gefanttjilgoslawien im Entwurf vor. Deutschland. Die preutzischr» Wahle«. Berlin, 29. Jänner. Bis 12 Uhr nacht« &fi> Ergebnis der Wahlen zur preußischen Nariottulversammlung aus 20 von insgesamt 23 Wahlkreisen vor. Danach sind bisher gewählt: 59 Demokraten, 137 Mehrheitssozialisten, 24 Unabhängige. 16 Anhänger der Deutschen Volkspartei, 39 Mitglieder der Deutschnationalen Partei. 65 Kandttaten des Zentnrms und 1 Bauemdemokrat. Verschiebung des Parteitages der Anadhängigen. Berlin, 29. Jänner. Die Zentralleiwng der vn? abhängigen sozialdemokrattschen Partei Deutschlands verlautbart in der Freiheit eine Verschiebung des für den 2. Februar nach Berlin einbemfenen Parteitages auf einige Wochert. Als Gnmd wird angeführt, daß Genossen aus vecschirdenrn Lättde»» teilen mn die Verschiebung ersucht Hütten. ‘ r,