Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 6 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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®etfe 4 Wien, Freitag Wiener Msrgenzetturta & Jänner 1919 Mi. - ---- -—-- ,— - - . - —-..r r__ __ ... . - ------ — „| - ■ , ■ ■!- ----- Pogromzwecke wiederholt Geld geben, aber für ihr Volt' nichts taten, müssen wir wahrhaft jüdische Volksbanken cnLgegenstcllen. Alle kommen sie um jüdische Stimmen werben: die Sozialdemokraten, die den Wahl- 2-echtsraub an den Juden mitverschuldet haben, die „bürgerlichen Demokraten", deren Wortführer WeLLstein und Hampel wir noch von der Universität Ler als waschechte Antisemiten kennen, ünd Ofner, der es vermieden hat, im deutschösterreichifchen Nationalrat gegen die galizischen Pogrome zu. prote-. stieren, 'weil dies „eine Einmischung in fremd nationale Verhältnisse wäre". Tatsächlich hat man sonst in allen Parlamenten der Welt gegen die Bluttaten der Polen kraftvollen Protest eingelegt — nur in Deutschvsterreich haben die Juhen Ofner und Kurarrda ge- ' schwiegen. Heraus mit dem reaktionären, fremd nationalen Chauvinismus! Frau AnitLa Müller sagte: Die Juden des Mittelstandes haben durchsetz alten, wie Tiere. NeLerall mußten sie das zehnfache. Listen, damit , man sie leben lasse und jetzt stehe« wir mit leeren Händen da und müssen.froh sein — tvenn es keinen Pogrom gibt. Man hat die Mischen.Pflegerinnen auf die schwersten' Posten gestellt: in die Jnsektionsspitäler und hart an die Schützengräben. Jetzt fragt man sie, wohin sie zuständig sind und wenn sie öle klägliche Abfertigung verlangen, weift man sie an die Kultusgememde. Die Herren von der „Israelitischen Union", die den famosen Protest gegen uns unterschrieben haben, muß man entlarven: Es gibt eine echte schlichte Dates» landsliebe und einen verderblicheu „Hurra-' p atriotismuS", der den Krieg verschuldet hat. Die Herren glauben bessere Patrioten zu sein, wenn sie die Zionisten herabsehen! Die Würfel sind gefallen, es gibt kein zurück, nur die nationaljüdische Bewegung hat im I n d e n t u m B e r e ch t i g u n g. Nednerin bespricht begeisternd' die große allgemeine Frauenfrage'und wirbt für den Frauenverband des Jüdischen NaLionalvereines. Wir müssen die soziale Fürsorge für unser Volk selbst in die Hand nehmen. Wollen Sie weiterhin jüdische Arme nach Lainz bringen. 'Kein christlicher Pflegling dort ist so arm, so elend, als daß er sich nicht an dem Mischen Pflegling sein Mütchen kühlen würde. — Bei allen anderen unterdrückten Völkern hat gerade die Frau den Volkscharakter gepflegt. So muß.es auch bei uns werden. Ich habe noch, nicht das gesetzlich vorgeschriebene Alter und kann deshalb noch nicht als Nationaljüdin um Ihre Stimmen werben. Überträgen Sie das Vertrauen, das Sie mir entgegenbringen, auf die durch ihre langjährige ausgezeichnete Wirksamkeit hochverdiente Frau Erna Patak. Rednerin schloß: S o k a n g e m a n u n s I u d e n nicht menschlich behandelt, ge hört unsere Kraft dem Judentum. StantSbahrrrat Stricker: Wir fordern die Stimmen derjenigen, welche wünschen, daß bas Judentum erhalten wird. Wer anstrebt, daß das Judentum unter geh t, hat kein Recht in jüdischen Dingen mitzureden. Die Gegner, welche sich auf den „nur konfessionellen Standpunkt" stellen, sind just jene, die langst keinen jüdischen Glauben mehr haben.. .Am Stockholmer Sozialistenkongreß sind wir mit 35' gegen eine Stimme als Nation anerkannt worden. Nur Dr. Viktor Adler hat gegen unsere Anruhig sagen, daß die am 1. November erfolgte Besetzung der Stadt durch die Ukrainer und ihre 22tägige Herrschaft den Judenpogrom hinausgeschoben haben. Hätten dis Polen am 1. November die .Stadt, besetzt, so wäre es zweifellos schon an diesem Tage zu Ausschreitungen gegen die Juden gekommen. Ob sie. das ungeheure Ausmaß erreicht hatten wie der Judenpogrom vom 22. bis 24. November, ist allerdings fraglich. . Dis Befürchtung vor Ausschreitungen der Polen trat auf der xrm 27. und 28. Oktober in Lemberg versammelten zionistischen Vertrauensmännerkonferenz zutage. Namentlich die Vertrauensmänner aus der Gegend zwischen San ünd ZLrv.cz waren sich dessen bewußt, daß in der nächsten Zeit die Juden zum Objekt tätiger polnischer Rache auSersehen sind. In allen Erklärungen der einzelnen Vertrauensmänner war daher das Bestreben bemerkbar, einerseits eine Politik zu empfehlen, die die Polen am'wenigsten zu reizen geeignet war, andererseits alles .zu unterlassen, waS irgendwie nach Unterstützung der Ukrainer aussehen könnte. Es ist charakteristisch, daß sich die ostgalizischen Zionisten trotz des' in feierlicher Form erfolgten Angebotes der nationalen Anerkennung btt Juden durch. die Ukrainer nicht entschließen konnten, dieses Angebot ohueweiters anzunehmen oder feierlich zu begrüßen, sondern eS vielmehr vorzogen, zunächst die Entscheidung . einem von allen Juden deS ehemaligen. Oesterreich ün beschickenden Nationalrate zu überlassen. Nebenbei sei bemerkt, daß es zur Schaffung dieseallgemeinen Naiionalrates der Juden der ehemaligen österreichischen Gebiete überhaupt nicht gekommen ist, und daß die Ostjuden bis zum heurigen Tage «och immer keine Vertreter in den, ukrainischen Nationalrat entsendet haben. Die Dertrauensmänncrronfereuz schied jedoch aus ihrer Mitte ein Komitee aus. fc-sä die Schaffung ei'.'.er jübischsü SLlöstivehr irr len ctn» zelnkn, Dtädtr'.: Ostsalniens in Angriff nahm. erkennung gestimmt. Als die jüdischen Arbeiten eine Protestversammlung gegen die Pogrome veranstalteten sollte der sozialdemokratische Führer Glücke! sprechen, er mußte aber absagen, weites ihm die Parteileitung verboten hatte. Am kläglichsten ist der Einwand: Es wird manchem Juden schaden. Einst haben sich Juden für ihre Ueberreugung verbrennen lasse und jetzt sorgt man, daß — Ofner im Parlament nicht rnehr als Deutscher, sondern als Judo angesehen werden wird, oder daß die Herren Ellenbogen, Austerlitz und Bauer nicht mehr in der deutschen Sozialdemokratie Platz finden werden. Frau Erna Patak: „Hätte es vor dem Kriege ein Frauenstimmrecht gegeben — vielleicht wäre dieses Blutbad vermieden worden. Rednerin behandelt in einem sachlichen Referate die Wirtschafts- und Erziehungsfragen im Judentums sowie der Stellung der jüdischen Frau in der Gegenwart. M Sämtliche Redner wurdem von der Versammlung mit großem Beifall ausgenommen.' Eine Wählerversammlnng der „Union" unter Polizeibewachung. Wir erhalten folgende Zuschrift: »Die österreichischisraelitische Union hatte wie in allen Zeitungen und auch in Blochs Wochenschrift, zu lesen war, für Mittwoch den 22. d. M. eine Wählerversammlung im Cafö Kontinental einberufen. Die Veranstalter wollten jedoch, eine gewiß sehr zeitgemäße und demokratische Maßregel, bloß diejenigen Teilnehmer in den Saal einlassen, welche Einladungen vorweisen konnten. Natürlich ließen sich die Zionistm den Eintritt nicht verwehren, zumal die meisten von uns Erschienenen vierjährigen Frontdienst hinter sich hatten und damit das Recht erworben haben, an allen öffentlichen Besprechungen jüdischer Angelegenheiten teilzunehmen. Ich will darüber binwegyehen, wie wir im Saale empfangen wurden. Mein Schamgefühl sträubt sich dagegen. Durch unsere Disziplin gelang es, die Ruhe int Saale bald herzustellen. Kurz nach Eröffnung der Versammlung erschien die von der »Union" herbeigeholte Polizei. Unsere noblen Gegner verschanzten sich hinter der Wache, deuteten mit den Fingern auf jeden von uns, den sie draußen haben wollten und die Soldaten walteten ihres Amtes/ Der Präsident der Versammlung. Herr Dr. Ornstein fand den traurigen Mut, das famose Staatsbürgerschaftsgefetz, welches ausaefprochen antisemitisch ist und dem grössten Teil der Ostjuden das Wahlrecht raubt, als ein V e r h i e n st Dr. O f n e r s zu bezeichnen! Herr Dr. Ofner selbst kam dann zu Wort und sagte wörtlich: Wir unterscheiden uns von der nation al°jüdis.ch en Iugend nur dadurch, daß wir getreue Bürger des d e u t s ch ö st e rr e i ch i s chen Staates sein und alle Pflichten, die sich daraus ergeben, auf uns nehmen wollenDas ist bewußte Verleumdung und nach dieser Aeußerung, die einer Denunziation gleichkommt, muß man sagen: Der Popanz von der persönlichen Integrität Dr. Ofners ist gefallen. In der Debatte sprachen überaus eindrucksvoll unsere Gesinnungsgenossen Nebenzahl und Kraus. Zum Schluß eine Frage: Wer in ganz Deutschösterreich, mit Ausnahme der »Union", veranstaltet Wählerversammlungen nur für geladene Gäste und unter dem Schutz der Polizei? Ein antisemitisches und ein liberales Arteil über Staatsrat Dr. öftrer. Zur Debatte über die Ehereform im Staatsrate schreibt die antisemitische Reichsp oft unter der Spitzmarke „Die katholische Ehe": „Der Jude Dr. Ofner war bisher vor allem die Triebfeder des Ehereformskandals. Der Jude Dr. Neumann als Berichterstatter beschließt diese Hetze in sinngemäßer Weise .. . Wenn ein Funke Delikatesse und Feingefühl diesen jüdischen Anführern der „Ehereform" zur Verfügung stünde, so hätten sie im Ausschüsse ihre Interesselosigkeit an einer Angelegenheit erklären müssen, die nur die katholische Bevölkerung berührt; statt dessen haben sie sich hiebei an die Spitze des Angriffes gestellt!..." .Dazu bemerkt die liberale Sonn- und Montagszeitung: „Ausnahmsweise müssen wir uns diesmal der Ansicht des christlichsozialen Parteiblattes anschließen. Es war sicher vollständig überflüssig, haß gerade zwei Juden sich in einer Angelegenheit als Wortführer hergaben, die sie eigentlich nichts angeht, wobei Herr Neumann noch ganz an die Ironie vergessen hat, die in seiner Wahl zum Referenten lag!" Wir bemerken hiezu, daß die Haltung Dr. Ofners in dieser Frage wiederholt von-jüdischnationaler Seite gerügt wurde. Er und der getaufte Jude Dr. Neumann als Vorkämpsec der katholischen Ehetrennung bilden wirklich ein aufreizendes Bild. Für Dr. . Ofner kann nicht einmal temperamentvolles Draufgängertum als mildernder Umstand gelten. Der gute alte Herr ist in anderer Hinsicht sehr vorsichtig, man kann schon sagen mehr als vorsichtig. So hat er neulich den Grundsatz aufgestellt, ein Abgeordneter mosaischer Konfession hätte seine Tätigkeit für's Judentum auf die Verhinderung von JudenbebaHcn zu beschränken. Und er har sich treu daran gehalten und nie für die Juden etwas verlangt, auch nie geredet, wenn es galt, die ' Lichrn iKftf n ' AnÄrifs-r m. lckükrn. afotösv teui-ts. Urne kein arischer Stimmzettel je gelegen ist. Nur keine, Judend ebatten! Und jetzt hat er eine entfesselt, die umso unerfreulicher ist, als diesmal der Judengegner entschieden die besser« Position innchat. Dr. Ofner läßt sich mit jüdischen Sachen nicht belästigen, als guter Deutscher mosaischer Konfession, was ihn aber nicht hindert, seinerseits die Juden sehr zu belästigen und ihnen - die Verantwortlichkeit für seine Handlungen aufzubürden. Wie uns bekannt, haben seine Leopoldstädter wirklich andere Sorgen, als die um katholische Ehescheidungen. Wenn Dx. Ofner eine solche Scheu vor Judendebatten hat, sollte er es sich doch überlegen, in der Leopoldstadt neuerlich em jüdische Stimmen zu werben. Denn da wird es bestimmst' zu sehr eingehenden Judendebatten kommen. Die Friedenskonferenz. Wilson gegen eine Intervention in Rußland. Anerkennung der bestehenden Regierung. — Einladung ihrer Vertreter zur Friedenskonferenz. Paris, 22. Jänner. Die interalliierte Konferenz hielt gestern nachmittags eine 2i/zstündige Beratung ab. Sie wird morgen wieder zusammentreten und sich wahrscheinlich am Samstag zu einer Vollsitzung versammeln. Die amtliche Mitteilung über die gestrige Sitzung besagt: Der Präsident der Vereinigten Staate?!', die Ministerpräsidenten und die Minister für auswärtige Angelegenheiten der alliiertst und assoziierten Großmächte sowie die Delegierten Japans Makino und Matfu, sind heute nachmittags um 3 Uhr zu einer Beratung zusammengetreten, die bis halb 6 Uhr währte, und haben folgenden Vorschlag des Präsidenten Wilson angenommen: Das einzige Ziel, das die Vertreter der assoziierte» ' Mächte bisher bei der Erörterung der gegenüber Rußland eventuell eirnuleitenden Aktion vorgeschwebt hat, war, dem russischen Volke zu helfen und nicht, ihm Hindernisse zu schaffen oder sich irgendwie in sein Recht einzumischen, seine Angelegenheiten nach seinem Belieben zu regeln. Die eingangs genannt.: Vertreter sehen das russische Volk als ihren Freund und nicht als ihrer» Feind an, und sind von dem Wunsche beseelt, ihm auf jede Art Hilfe angedeihen zu lassen, in der das russische Volk diese Hilfe wünscht. Für sic ist es klar, daß die Leiden und die Not des russischen Volkes regelmäßig zunehmen und der Hunger und die Entbehrungen jeder Art immer größere Schärfe und Ausdehnung annehmen und immer schwerer zu beseitigen sein werden. Die Ordnung kann nicht wieder hergestellh werden, wenn die normalen Bedingungen der Arbeit, des Handess S und des Verkehres nicht dom neuen 'aufgerichtet'wevä d e n. Die Vertreter suchen daher nach einem Modus, dem russischen Volke zu Hilfe zu kommen. Hinsichtlich' der Wiederherstellung der Orbnurtg anerkennen sie das unbedingte Recht des russischen Volkes, seine eigenen Angelegenheiten ohne Be< fehl oder Leitung irgendwelcher Art von' außen zu besorgen. Sie wollen nicht Rußland, ausbeuten oder sich seiner in irgendeiner Weise bedienen. Sie a «erkennen die Revolution ohne Vorbehalt und werden auf keine Weise und» unter keinerlei Umständen irgendeinem gegen die Revolution gerichteten Unter, nehmen Hilfe oder Unterstützung' gewähren. Es ist weder ihr Wunsch, noch ihre Absicht^ die organisierten Gruppen, die sich gegenwärtig um die Leitung und Führung Rußlands streiten, gegen-» einander zu unterstützen oder zu begünstigen. Ihr einziges und aufrichtiges Ziel ist, alles Mögliche zu tun, Rußland den Frieden und die Möglichkeit zu bringen, sich aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten zu befreien. Die assoziierten Mächte sind gegenwärtig mit einem feierlichen Werke begriffen und stehen unter der Verantwortung für die Herstellung des europäischen Friedens. Mit lebhaftester Aufmerksamkeit erwägen sst die Tatsache, daß Europa und die Welt nicht in Friede» leben können, wenn Rußland nicht in Frieden lebt, Infolgedessen anerkennen und nehmen sie es als eine ihrer Pflichten an, Rußland in dieser hochwichtige« Angelegenheit mit ebensoviel Großmut, Selbstverleugnung, Fürsorge und weitgehendem guten Willen z» dienen, wie sie jetem anderen befreundeten und verbündeten Staate dienen würden. Sie sind bereit, dem russischen Volke einen Dienst zu erweisen in der Art. die für dasselbe am annehmbarsten ist. In diesem Sinne haben sie in wohlüberlegter Absicht folgender Beschluß gefaßt; . - j Jede organisierte Gruppe, dir gegenwärtig, ft, es in Sibirien oder innerhalb der Grenzen beS cuto* päischen Rußland, wie sie vor dem jetzt zu Entng* gangenen Krieg bestanden haben — initAusnahm, von Finnland und Polen — einy politisch» Autorität oder eine militärische Kontrolle ausübt vde! auSzuüben sucht, wird aufgefordert, Vertreter zrz e n t s en d e n, deren Zahl nicht drei überschreiten und die von den Vertretern der assoziierten Mächte genehmigt und unter der Voraussetzung, daß in der Zwischenzeit , zwischen den «ingeladene»' Parteien ei» Waffenstillstand eintritt und daß alle dewasfnete» Streit» möchte, die entsendet oder gerichtet wurden grgn, Völker oder.Gebiete außerhalb des europäischen Rußtz laudL.' ".Ä.».vM.bmS*wes. taoc. vkvr