Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 5 (23.1.1919)
- Date
- 1919-01-23
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I Seite ü Men, Donnerstag -mi-urv ms- ' ••‘*-rü1tii. Wiener MorgenzeUnng I ärmer 1919 's«, o Die Simrsemer verlangen die AnüLHSngigkeit Irlands. , London, 21. Jänner. (Meldung der Telegraphen- Kompagnie.) Heute ist in Dublin der sogenannte lyrische republikanische Kongreß" zusammengetreten, der aus 30 Sinnseinern besteht. Im englischen Parlament wurde eine Erklämng über die nationale Unabhängigkeit Irlands vorgelegt, in der die Errichtung der irischen Republik proklamiert und das Verlangen gestellt wird, daß die britischen Gar. nisouen aus Irland Zurückgezogen werden. Amerika. Amerikanische Senatoren gegen eine Intervention in Rußland. Nerv-Bork, 22.- Jänner. (Tel. der „Wiener Morgenztg.") In der letzten Sitzung des a m e r ikanischen Senats zeigte sich eine bedeutende Opposition gegen die Entsendung amerikanischen Militürs nach Rußland. Die Mehrzahl der Senatoren ist der Ansicht man müsse es Rußland überlassen, seine Angelegenheiten selbst zu orhnen. Türkei. Die Konstantinopler Polizei unter englischer Aufsicht. Paris, 22. Jänner. (Meldung der Telegraphen- Kompagnie.) Der Temps meldet, daß der britische Befehlshaber der alliierten Streitkräste in Konstüntinopel wegen der dort vorgefallenen Unregelmäßigkeiten die Polizeigewalt unter seine Aufsicht genommen habe. Das Blatt befürwortet eine Jnternationalisierung von Konstantinopel und setzt hinzu, daß dies auch im Interesse der Griechen und Rumänen gelegen wäre. Tagesbericht. Die Ansprüche der Stadt Wien auf Leu Stadterweiterungsfonds. In der gestern unter dem Vorsitz, des Bürgermeisters Dr. Weiskirchner abgehaltenen Stadtratssitzung berichtete Stadtrat Dr. Kienböck über die Frage der Regelung des SLadterweiterungsfonds und beantragte nach einem eingehenden Referat, daß der Stadtrat eine D e n k s ch r i f t an d en Staatsrat richten möge, in der die Rückgabe des gesamten vorhandenen Stadterweiterungsfondo, der 24 bis 25 Millionen beträgt, an die Gemeinde gefordert wird. Sollte dieser Forderung nicht, entsprochen werden, so beantragte der Referent, daß zumindest - die Verwaltung des Stadterwesterungsfonds der Stadt Wien wieder übergeben werde. Es wurde beschlossen, die Denkschrift nur auf die Forderung der Rückstellung emzuschränken. StudeuLsnleben. , { Es hat längst nichts mehr von seiner legendären UnLMimnertheit, das vielbesungene SLndentenleben. Aahrungsmiitelmangel, Wohnungsnot und defekte Kleidung haben dem frischfröhlichsn Burschentum ein radikales Ende bereitet. Wenn man von den verhältnismäßig wenigen Hvchschülern, die begütert oder in Wien . zu Hause sind und bei ihren Familien einen materiellen Anhalt finden, absieht, bleibt eine überwiegende Majorität Studierender, welche einen aufreibender! Kampf mit den Härten der heutigen wirtschaftlichen Verhältnisse zu führen haben. Das ungeheuerliche Hinausschnellen der Preise hat wohl jeden hart getroffen; immerhin haben die Löhne der Arbeiter eine zeitgemäße Höhe erklommen und auch der bedeutend schlechter gestellte Mittelstand sieht feine Einkünfte vermehrt. Der Hochschüler aber kann von einer Vermehrung seines Einkommens^/nichts berichten. Die Wohnungsnot hat den Wohnungswücher gezeitigt, der auch vor den Stgdentencsnartieren nicht Halt gemacht hat. Ein dürftig möbliertes Kabinett/ bas vor dem Kriegs mit 20 bis 30 K. bezahlt wurde, Lastet heute 60 bis 80 K., die Zimmer sind entsprechend teurer. Da er sich keine Schleichhändlerkohle und Licht zu beschaffen vermag, kann ihm seine Wohnung nicht mehr Studierzimmer sein. Er ist diesbezüglich' ausschließlich auf die geheizten und beleuchteten Lesesäle der Universität angewiesen. Die Ernährungsfrage bleibt ihm ein Problem, dessen Lösung eine kühne tägliche Strategie erfordert. Für den Mittags^ und Aücttditsch sorgt tpohl die unschätzbare Institution der Mensa, aber die anderen zum Leben notwendigen Dinge bleiben ihm unerschwinglich. Kleidung, Wäsche. Schuhe haben in den Kriegsjahren eine starke Abnützung, aber keinen 'Ersatz gefunden. Die früheren Kriegsteilnehmer tragen die Monturen, von denen sie gerne Abschied nehmen möchten und doch nicht können. Das Stundengeberieine Hauptquelle ihres Einkommens, raubt ihnen die zum Studium notwendige Zeit, ohne ihre finanzielle Situation erheblich zu bessern. Nur hebräische Hehrer werben sehr gesucht und gut de zahlt. Für die Sprache Er.'.z Israels ist eis so lebhaftes Interesse' vorhanden, daß LehrLräsiv «t« wohnlichen Andrang fcoa Lernbegierigen nicht zu genüge« vermöge«. Au den Gegenwartssorgen gesellt sich die Sorge um die ’ätt&wik Mlc.s ist. in Umwälrunr beariklsn, alle LMnS-' Möglichkeiten verschwinden und.für die Ueberpoduktion geistiger Arbeiter scheint Lein Betätigungsfeld vor-" Händen. Und so träumen sie denn von einenr neuen Leben in dem alten Lande der Väter. . . . Fgm. Eine Versammlung politischer ^Häftlinge. Am Sonntag fand im X. Bezirk in demselben Gasthaus, in dem im Vorjahr während der Vrest- Litowsker Verhandlungen der Jännerftteik beschlossen worden war, eine Versammlung von politischen Häftlingen statt. Zur Versammlung waren sämtliche Personen, die aus Anlaß des Streiks verhaftet worden waren, sowie eine Menge von A n a r ch i st e n und Nazarenern, die aus Grund ihrer religiösen Ueberzeugung während des Krieges den Waffengebrauch und die Ablegung des Fahneneides verweigert hatten, erschienen. Referate wurden erstattet von dem seinerzeit vom Schwurgerichte freigesprochenen Dr. W e r t h e i m, Zugsführer R o t z i e g e l (Rote Garde). E i ch i n g e r, der seinerzeit im Landrsgericht den Hungerstreik inszeniert hatte und dem Konimandanten der Roten Garde Oberleutnant Egon Erwin K i s tfy Der Versammlung wurden von einem Redner die Grüße des bei der Schießerei am 18. November vor dem Parlament schwerverwundeten Dr. Koritschone r, sowie von dem russischen Bolschewikenführer Radek, überbracht. In der Versammlung wurde der Jännerstreik als dir einzige revolutionäre Massentat des österreichischen Proletariats im Kriege gefeiert und die Sozialdemokratie auf das heftigste angegriffen. Zerrtralverbarrd jüdischer Iugendgruppen. Am 20. Jänner hielt der Zentralverbcmd jüdischer Jugend-- gruppen Deutschösterreichs (Zentralstelle Wien) ihre Generalversammlung ab. Der Vorsitzende Dr. Siegfried B e r n f e l d entwickelte sein Programm, das zunächst dahin geht, m sämtlichen Btzirken Wiens Jugendheime zu errichtendie dem Kamecabschastsleben der jüdischm Jugendlichen dienen sollen. Jedes Jugendheinl soll Anschluß an da§ Heim siinden unb " die Institutionen desselben (Bibliothek, Lesesaal) benützen können. In sämtlichen Bezirken sollen ferner Jugendkurse errichtet werden, in denen die Jugendlichen die Schöpfungen des jüdischen Geistes kennen kernen sollen. Die B i b l i o t h e k der jiidischen Jugend soll namentlich durch 'umfangreiche Einstelütyg.en ausgestattet werden. Zur Besprechung von' Schulfragen und anderen Lebensfragen der Jugend dient der Sprechfaal. Ferner wurde das BerufSamt der jüdischen Jugend nm geschaffen imd der Zentralstelle angegüedert. Das BerufSamt soll zunächst eine' lieb erficht über sämtliche jüdische Berufe geben, sodann die freien Stellen vermitteln, insbesondere aber die Jugendlichen in den Studien zu beraten, dir zur Vorbereitung für'die jüdischen Berufe nötig sind. — Laut Beschluß der Generalversammlung werden die Blätter aus.der jüdischen Jugendbewegrwg in eine Zeitschrift der jüdischen Jugend nmgeÄandelt, die zweimal monatlich erscheinen soll. Gemäß, chen geärche^en^ staatlichen Herhältniffen wird die Tätigkeit des Zenlcalverhanhes, auf Deutschösterrrich eingeschränkt und dies m einer entsprechenden NamenSändenmg des Verbandes^ zum Ausdruck gebrächt. — Der Leitung gehören an: Dr. Bernfeld, Dr. A. R o t t e n b e r g, Dr. Heinrich Glanz, Paul W e i n t1 b, Karl Büschel, Frida Schiff, Dr. Steinberg, Robext Weiß, Ella N e u m a n n, Dr. Äudolf Glanz Begnadigung des Mörders Emo Davit. Der Staatsrat hat in ferner heutigen>Sihung den Emo Davit, der den jugendlichen Kurt F r a n ck e zum Morde an der Julie Earl im Hotel Bristol angestiftet hat, und welcher von den Geschwornen zum. Lode .durch den Strang verurteilt wurde, b e g n a d r g t und die Strafe in l e b e n s*. läugli ch en Ker kerumgewandelt. PeLsoncrlrrLchLicht. Advokat Dr. Isidor Margulies ist vom .Felde MÜckgrrchrt Und hat seine Kanzlei l., Wollzeile ö, wieder eröffnet. Sozialistische Vereinigung indischer Freitag dm 21. d. M., 6 Uhr abends. ftnbct im IX., PorzeÜangasse 1 (Myzanin), ein Diskussionsabend. Thema": .Die Idee des Sozialismus, statt. Neserent: Dr. Bienenzucht, willkommen! Die Ernährung. N MärÜe" dar.' ' “sft Hochschülee. m Casö City, Zur Paliisttaa-Woche emvffehlt die Buchhandlung si!. Lowit, Wien, I., Notenturmstraße SS, nachfolgend« Schriften: Dr. Alfred N o s s ig, Zur Lösung des PalästmaproblemS. Bor» schliige fite die Friedenskonferenz und den Völkerbund K 1.65, S. Cemach^ Jüdische Bauern. Geschichten aus dein neuen Palästina, drosch. M.fiO, geb. 8»80, Eugen H öflich, Der Weg inS Land. PaWmem'che Aufzeichnungen & 4.40, aeb. K Ö.50. I i sko iv JSiu Buch des Gedenkens^an gefallene Wächter und (Iu der Schweiz erschimen! Verboten gewesen!) T r i e t s ch, Bilder aus Palästina K 11. Drucksehrerbesichtigünk. Der Artikel „Die Inden rmd das Wirtschaftsleben" in Nr. S ist leider durch zahlreiche Druck^ fchler verftümlnelt worden. Wir beschränken uns darauf» di: zwei sinnftörendsten richtigzusteuen. Absatz ö, letzte Zeile soll «* lieißeu: „in der Diaspora" statt in den Dienstort" und Seite 2, Me 2: „Berschnldung der Staaten" statt ^Verschuldung der Bmttcn". . " Kein nlederlLNLisches Mrvbebnvean ln Wi«n. Die niederländische Gesandtschaft in Wien erhält nnauSgeseht massenhaft Anfragen so'.uobl von Ofsiziertn wie von Mannschaftspersonen der ehemaligen t Armee bezüglich Eintritt in die nikderländisch-mdische Kolonialarmee. Die Gesandtschaft gibt bekannt, daß laüt einer von der königlich niederländischen Staatsregierultg erhaltenen Mitteiluna derzeit keine dlnsländer in die ntckerländisch-indische Armet ausgenommen werden. EingvsendeL. tätemkür. Die Wiener Märkte. Ein ziemlich ödes DUd boten die gestrig... . In der Fleischabteilung der Großmarktbaue war kem Berrchr, da gestern fleischloser Tag war. Auf dem F i f ch m a r t t wurde» ä t . ä-. . ■'*'1‘^1^6 zu K 6^20 angeboten« Der Naschmarkt war mit 4000 Kilogramm ungarisches Weißkraut waren schnell äuSverkauft. Die Zufuhren von Aepfä hielten an. Doch wurde wenig gekauft. In der Liktualienhalle gab es 16 Kisten Kalkeier, per Stück 92 h, die jedoch unter großem Andrang rasch ausverkaust/waren. Auch an den Nebenmdrkt« war die Beschickung unzureichend. Gegen den Hunger in Europa. Paris, 22. Jänner. (Meldung der Agenee Havas.) Der interalliierte oberste Rat für die allgemeine Nahrungsmittelversorgung hat am 20. d. M. unter dem Vorsitz Hoooers eine Sitzung abgehalten. Der Rat genehmigte die Vorschläge des ständigen Ausschusses betreffend die Einsetzung von Derpro via ntierungskommis fronen der verbündeten Regierungen' in Trieft für die vom Adnatischen Meer aus erreichbaren Länder, weiter in B u k a r e st, in K o n ft a nt i n o p e l und in Polen. Nach einem Bericht über die kritische Lage her Verproviantierung Polens richtete der Rat an Marschall Foch ein! Schreiben, worin verlangt wird, unverzüglich gemäß' den Bestimmungen des Waffenstillstandsvertrages Maßnahmen zu treffen, um die Beförderrmg der für die Bevölkerung notwendigen Lebensunterhaltsnüttel über Danzig zu sichern. Es sind Verfügungen getroffen^ worden, um die Versorgung Finnlands mit Nahrungs-j nntteln sicherzustellen und eine Gewähr dafür zu' schaffen, daß Deutschland seine Verpflichtungen hin-: sichtlich der Verpflegung der rusflchen Kriegsgefangenen' einhalte^! Die Versorgung Wiens mit Fleisch. Die FleischversorgluigWiens ist m e r n u n a ü n st i c r e s S t a d i » m getreten, da die Lieferungen aus Ungarn aus rin Mininmm herabgesunken sind und auch die Aufbringung aus den dentschöster- . .. - (Sine fi, uch können. m ^StaätSamte für Landwirtschaft hat gestern eine Ä'esprechWg attgefunden, inlvelcher die Maßnahmen zur erhöhte«^ Ä b l i e f e r u n a von Vieh und Fleisch mch den österreichischen Ländern für Wien beraten wurde. . Bühne mü> Kunst. Iosefstädter-Theater. Gedenkfeier für August Strindberg. Als Josef Jarno sein Wiener Stadt-Theater dem Moloch „Operette" ausliefem mußte, bekränzte , er die Strindbergbüste im Vestibül und nahm mii Striydbergs' ^Totentanz" Abschied. Noch kürz vor der Adaptterung des Stadt-Theaters für die Muse der Herren Librettisten und deren Tondichter, welche der» Augenausschlag Treumanns musikalisch untermalen oder klassische Musik rombeit, aufbügeln und für Soubretten zurechtschneiden, -7noch einige Tage bevor Karczag emzvg» wagte Jarno an zwei denkwürdigen Sommerabenden eine Wiedergabe der Strindberg'schen Bekenntnisdichtung „Nach, Damaskus". Wenn er gestern den 70. Geburtstag Strmdbergs feierlich beging, so muß man daran erinnern, wie mutig dieser echte, Künstler in Wien für Strindberg eingetreten ist — lange bevor die Konjunktur günstig war, und daß wir ihn: die Vermittlung de, wichtigsten Werke Strmdbergs zu danken haben. Er wählte zwei jener elf Einakter, die Sinick« dttg, der Vierzigjährige, fchuff und dem »Kampf her Geschlechter" gelten. Im „Gläubiger. ist dieser hon animalischem Liebestrieb und furchtbarem Hatzi erfüllte Kampf zwischen Mann und Weib förmlich.' zu einem Zwiegespräch zusammengepreß!. Alle Neben-' Personen sind fortgelaffen, alles Szenenbeiwerk ist. unterdrückt — es bleibt nichts als dieses atem-) beklemmende Ringen zwischen denlauemben, prachwolleN' Weibtier und seinem rächenden „Gläubiger". Jarno! spielt den Gustav wie einen jüngeren Bruder des Hauptmanns im „Totentanz" und trägt auch dieselbe^ Maske. Heinrich Fuchs als Adoff war glaubwürdig und Irene Kraus als Tekla genügte. Das Lustspiel „Mit dem Feuer spielen" wurde verständnisinnig ausgenommen. Neben Jarno sinh die Herren P f a n d l e r und Rhoden hervorzu. heben. Das volle Haus spendete nach beiden Stücken reichsten Beifall. 0. A:, , Letzte Nachrichten. Der Streik in Berlin. Berlin, 22. Jänner. (Meldung der Lelegraphen-» Kompagnie^) Der große Elektrizitktsar'bsiterstreik in Berlin hat in das Leben der Stadt tief, eingegriffen. Alle Betriebe» welche auf die Licht- und' Kraftoersprgnng aus den Elektrizitätswerken angewiesen sind, liegen still. R u r d i e großen Zeitungen, welche eigene Elektrizitätswerke haben, find e r f ch i e n e n. Sogar Krankenhäuser und Kliniken mußten ihren Betrieb vollkonunen einstellen. DerTelep honverkehr wurde in ganz Berlin eingestellt und nur her Fernverkehr wurde in beschränktem Umfang gestattet. Seit gestern abends verkehrt k eine JSL11 k,t r t icke. Das.einM,Verkehrsmittel in Berlin