Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- Heft 5 (23.1.1919)
- Date
- 1919-01-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kr. ä .' Wien, Donnerstag WatzLarbeA Dte Wahlarbeiten des Jüdischen Nationalvereines dir die nationaljüdische Kandidatenliste im Wahlkreise Nordost (Leopoldstadt, Brigittenau, Floridsdorf) sind jim vollen Gange. s Da in den anderen Wahlkreisen keine eigenen Listen aufgestellt »erden, sind alle.Kräfte der Wiener -mußten Judenschaft auf die Agitai o n i m II., XX. und XXI. Bezirke z u vereinen. « . Viele Gesinnungsgenossen haben es noch unterkaffen, die ihnen bekannten Wähler und Wählerinnen des Wahlbezirkes Nordost im Agitationslokale, ll. Lilienbrunngasse 2 (Souterrain des CafL Müller ^Zum röten Turm*), bekanntzugeben Es wird unter Aimveis auf die Wichtigkeit und Dringlichkeit ersucht, diese Liste« der Bekannten dortselbsi Unverzüglich abzugebe«. Stimmvieh. . Sozialdemokratische Wählerversammlung m btx iwpoldstadt. Publikum: Mehr als 65 Prozent wen. Es sprachen die Genossen Seitz, Eldersch, ick. In allen drei Referaten kein terbenswörtchen über die Judenage. Me schön war es doch gewesen» wenn r . sozialdemokratische . Präsident der Republik, eitz in diesem Milieu Protest eingelegt hätte gen das den jungen Staat vor der ganzen sonannten Kulturwelt tief kompromittierende, reakßwnäre antisemitische Staatsgrunbgesetz, welches den seit August 1914 in Deutschüsterreich wohnhaften galizischen Juden das Wahlrecht raubt? Ueber jdieses Kapitel schweigen sich die Herren Führer gründlich aus, dynn die, die für den Grundsatz der freien Option hätten eintreten müssen, haben sich an diesem Schreienden Unrecht mitschuldig gemacht. Eldersch serklärt diesem Parterre östlicher, allzuöstlicher „geehrter Wähler und Wählerinnen", daß der Llnschlutz Deutschöstersreichs an Deutschland nicht zuletzt einenationale Frage sei und aus nationalkulturellen Gründen unter Men Bedingungen durchgesetzt werden müsse. Geradezu widerlich und für jeden feinfühligeren Juden ^empörend sind die Redensarten des jüdischen Genossen Pick. Muß gerade er auf Pfaffen und Ligurianer schimpfen, muß gerade e r die Dogmen des Katholi- Ähsyms ins Lächerliche ziehen — und dazu noch vor einem ausgesprochen jüdischen Publikum? Diese jüdischen kleinen Mittelstan'osleute im Judenbezirk find für die Herren Sozialdemokraten das liebe Stimmvieh. Und sie werden auch darnach behandelt. MähLervLrsflmmluug. i ' Heute Donne rstag den 23. Iänner 1919 tatet um 5 Uhr nachmittags im Restaurant Sch ö nyofer, Prater, Kleine Zufahrtstraße, eine Wählerversammlung statt. Tagesordnung: „Die Kommenden Wahlen und die Juden". Sprechen werden: Frau Annita Müller, Frau Erna PaLak, Staatsbahnrat Ing. Robert Stricher und Dr. Leopold Plaschkes. Die FrLedeuskoNferLKZ. j§)ie gewesene« Zentralwachte Lru Völkerkunde.! Ne«sPorL, 81. Jänner. (Meldung des Reuteffchei« Bureaus.) In einem Interview mit dem Korrespondenten der Associated Preß in Paris erklärte Lord Robert Cecil, daß Deutschland, Oesterreich, Bulgarien und die Türkei dem Bolker--!buud beitttten könnten, sobald der Bund überzeugt sei, daß sie ht>rechtigt wären, ihren Platz unter den zuverlässigen Naitiynen der Welt einzunehmen. Als Cecil gebeten wurde, das . Wv-n-tv MsrgeAzeituug Wort „zuverlässig" nä?!tr zu definieren, erklärte er, hast bezüglich Deutschlands der Priissiein dieUnabhäilgigkeit der Regierung vonjeder Militärischen Ob trau f si ch t sein würde. Es wäre klar, daß Deutschland nicht Melassen werden konnte, bevor es Ordnung im jetzigen Chaos geschaffen habe und bevor man wisse, wie seine Regierung ausscheu werde. Der Oesterreich liege der Fall ganz anders als bei Deutschland, und zwar beständen große Schwierigkeiten, seitdem Oesterreich durch die Revolution aüseinandergerissen wordm sei, während Deutschland bisher zusammengehalten habe. Cecil meinte; wahrscheinlich würden sich aus der österreichische» Monarchie getrennte Einzelstaaten entwickeln, Auch hier müsse« stabile, zuverlässige'Einrichtungen geschaffen werden, aber eS bestehe kein Grund, weshalb die verschiedenen Staaten nicht dem Bunde britreten konnten, wenn sie. sich jeder für sich als dazu geeignet erwiesen Haber». Böhmen zum Beispiel weist mehr Zeichen von Ordnung auf, als jeder andere Teil. Bezüglich der Türkei tonne nichts gesagt werde«. Mau wisse nicht, wie. die Türkei auSsehen werde, Aehnlich verhcD rS sich mit Bulgarien. Wir werden wissen müffen, sagte Cecil, ob Bulgarien'den Gedanken aufgegeben hat, daß Preußen des Balkans zu fein, bevor-wir es ru den Völkerbund aufnehrurn. Berlrtuugeu über Rußland. Paris, 21. Jänner. Die Agenee Hovas veröffentlicht folgende amtliche' Mitteilung: Präsident Wilson sowie, die Ministerpräsidenten und die Minister des Aeüßrrn der verbündeten und der assoziierten Mächte hielten Dienstag von halb 11 Uhr vormittags bis halb 1 Uhr nachmittags und von 3 bis halb 6 Ahr nachmittags unter Zuziehung der Vertreter Japans im Ministerium des Aeußern Beratungen ab. Vormittags gab der dänische Gesandte Seavenius eine ausführliche Darstellung der Lage in den verschiedenen Teilen Rußlands. In 'der Nachmittagssitzung wurde die Beratung über denselben Gegenstand fortgesetzt und bedeutend gefördert. Man hofft, in der Mittwochvormittagsitzung, die um 11 Uhr beginnt, zur Formulierung der Schlußanträge zu gelangen. Die Erörterung der Frage der Arbeitsmethode der Konferenz ist gleichfalls;n Angriff genommen worden. Wilsons Heimreise. NeD-Pork, 21. Jänner. (Meldung ber Me* graphen-Kompagnie.) Die Korrespondenten derHearst* Presse in Paris melden, daß die Berichte, Wilson werde vor seiner Rückkeh < nach Amerika Taft oder R o o t zu seinem Stellvertreter ernennen, nicht zutreffen. Dagegen behaupten sie, daß die Entscheidung davon abhänge, welche Ergebniffe vor Wilsons Abreise, die frühesten an Bord des „George Washington", der jetzt nach Europa unterwegs ist, erfolgen wird, zutage treten werden. Tatsächlich hoffe Wilson, seine. Pläne verwirklichen zu können, ehe er die Heimreise äntritt, so daß die Ernennung eines Stellvertreters nicht nötig fein werde: Wilson werde sobald als möglich nach A m e r i K a zurückreisen, da er spätestens zur Zeit her Auflösung des gegenwärtigen Kongreffes wieder in Amerika sein muß. Die Schweiz, das erste Mitglied des Völkerbundes. Paris, 21. Jänner. (Meldung der Telegraphen* Kontpagnie,) Jntransigeant meldet anläßlich der Besprechungen, die der Schweizer Bundespräsident A d o r mit dem Präsidenten Wilson hatte, die Schweiz werde einer der ersten neutralen Staaten sein, an welche die Einladung ergehen werde, der Gesell^ schaft der Nationen beizutreten. — Gestern abends hatte Präsident Vdor eine lange Unterredung mit Clemeneeau. : Vorgeschichte der Lemderger Judenpogrome. I. Von MoseS Wslbmann. . Wie bei vielen anderen Völker», bestand auch &n de:» Polen seit jeher Abneigung gegen die jüdischen Mitbürger. Sie wurzelte in der allgemeinen E»npfindu»g, daß die Juden ein Fremdvolk sind, und wurde in starker Weise vom Katholizismus genährt, der seit jeher in der polnischen Gesellschaft tief verankert war. Die Abneigung gegen die Juden verdichtete sich erst vor wenigen Jahrzehnten zu eine»« Programmpunkt einer polnischen politischen Partei. Pater StojalowSki verband seine Agitation unter den Bauern- WrstgalizienS mit einer wüsten Hetze gegen. die Juden, und dte von ihm begründete polnische DolkSpartei verlangte alS erste unter ollen polnisch-galizischen politischen Parteien die völlige Vordrän- 'gung beS jüdischen Elementes, aus alle»» 'wirtschasttichau Positionen.! Jedoch war eS erst der politischen nationaldernokrati- 'schen Partei (Allpolen) Vorbehalten, den Judenhaß zum politischen Allgemeingut fast deS gesamten polnischen Volkes zu machen. Die Allpolen erstrebten zielbewußt die Vereinigung aller historische« polnischen Gebiete und erblickten im zaristischen Rußland die einzige Macht, die imstande ist, ÄI' oinem blutigen Kufammenfioß die polnische» Gebiete Keatschland» und Och«reichMg«mS zu «werbe« und die i Bildung Älrpolsnlt Llrttz-rsÄh»«:» Sief« russische Orientierung »öte.A«dy. M. MveWnMs. Gegner des rnssisrh.e« Zarismus und daruin unternahmen die Allpolen einen politi-. scheu Kreuzzug gegen die Juden. Einerseits aus taktischen Gründen: der Antisemitismus alS Brücke zur Petersburger Regierung; andererseits a»k8 parteipolitischen Gründen: der wirtschaftliche Antisemitismus als Parteiködrr für das mit den Juden im Konkurrenzkämpfe stehende polnische Bürgertum. Außerdem bahnte der Antisemitismus den Allpvlen einen Weg zum katholischen KleruS, der de» Antisemitismus feit jeher für feine kirchenpoliiischen Ziel« gebraucht«. Es ist allgemein bekannt, daß die nationaldemokratisch« polnische Partei ungefähr «ix Jahrzehnt lang das gesamte politische Denke» deS polnischen Volkes beherrschte. Alle polnischer« Parteien, die sozialdemokratische eingeschlossen, machten sich die meisten Punkte deS allpolnischen ProgrammeS zu eigen, um tm Parteikampfe gegen dte vorzüglich organisierten, agitatorisch begabten. Allpolen aufzukommen. Bor AuSbruch des Weltkrieges huldigten alle polnischen. Parteien in Galizien dem radikalste» polnischen Imperialismus und bekannten sich zu den extremsten nationalistischen Ansichten. Hinsichtlich der Methode zur Erreichung deallpolnischen ProgrammeS bestanden Divergenzen: Krakauer Konservative und linkSstehe»»de Sozialdemokraten waren zentralstaatlich, die Allpolen ganz, und die BolkSpartei sowie die podolischen Adeligen halbrussisch orientiert. Der Einmarsch der Nüssen »»ach Galizien ließ die Maske' der meisten polnischen Parteien fallen. Viö zum Dunajec, dev russisch-österreichischen Frontlinie, waren di« xallzischen Polo» ausgesprochen mrssophil. Westlich .d«S Dunajev gaben Konsvwative und VlotziaLornskvadon, gloichsa» um die polnische PoMk auch für die EvontualiiÄ eine- UieLeS. 'm M «ffeWieren^ dpr^ SeÄLOete 23. Jänner 191v Seite % 'i ' H"- ■ .... .. E' Bereinigung der Araberstuateu. Kopenhagen, 22. Jänner (Tel. der „Wr. Morgenztg." Wie Dally Expreß mitteitt, haben die Repräsentanten des Königs von Hedschas der Friedenskonferenz vorgeschlagen, alle von der italienischen Herrschaft befreiten Araberstaaten vom Roten Meer bis zum Persischen Golf in einen Verband unter hem Protektorat Amerikas zu vereinigen. Inland. Die Nationalversammlung. , Heute tritt im Reichsratsgebäude die Deutsch* österreichische Nation alversammlung 'zusammen. Den wichtigsten Gegenstand ihrer Tagesordnung bildet wohl die Verabschiedung der Vorlägr über die Ehevechtsresorm sowie der Gesetzentwurf ife die Wiedereinführung der Brtefzensur. ES durfte bei diesen beiden Vorlagen zu großen prinzipiellen Debatten kommen und man kann, was die zweite gelegenhett betrifft, neugierig sein, wie der fozialdem^ kratischc Staatskanzler Dr. Renner und der christlich ' soziale Staatssekretär des Innern Dr. Mataja cuu ander in der Begründung der Notwendigkeit der schwarzen Kabinette ergänzen werden. Der Finanzausschuß, der gestern seine schlüsse über die Erbschaftssteuer reassumieren sollte, war nicht beschlußfähig. Der Jnstizausschuß sithrte eine interessante Debatte über die Frage 'der Aufrechterhaltung der Todesstrafe, kam aber zu keinem Beschluß und wies bas PtaatLamt für Justiz an,, ein Gutachten auszuarbeiten. Die Nationalversammlung, die andauernd unter dem Schutz der Polizei tagen muß, da man stets Putsche von irgendeiner Seite befürchtet, wird heute und morgen, vielleicht noch einmal in der nächsten Woche Plenarsitzungen äbhalten. Damit.ist ihre Ärbeir beendigt und ihr Mandat erschöpft. Am 16. Februar sollen die Wahlen zur Konstituantö stattfinden. Aber in den christlichsozialen Kreisen, die den Ausfall der Wahlen fürchten, will man Zeit gewinnen ynd verbreitet die Mitteilung, daß die Wahlen möglicherweis.', hinausgeschoben werden, da man im Rathaus mit der Bereitstellung der Wählerlisten infolge des Mangels au Papier bis zum 16. Februar nicht fertig werden könne. Von seiten der Regierung wird jedoch erklärt, daß die Wahlen unter allen Umständen am 16. Februar erfolgen werden. Man wird aber nur im unbesetzten Gebiet wähteu können. In Südmährrn, Nordböhmen und Sudetculand sowie in Deutsch-Sübtirol und Süd steterni ark wird es keine allgemeinen Wahlen geben. Am aber diese Gebiete nicht ohne Vertretung zu lassen, sucht .die Regierung einen anderen Weg einzuschlagen, um doch/ der Stimmung der Wählerschaft entsprechend, tu Ver* Abgevrdnete angehören, die kaum mehr auf eine Wtetzerzu lassen. Im GtaatSrat hat man über diese Frage sehr viel gesprochen, und da dem StaatSrat zahlreiche Abgeordnete angehören, dte kaum mehr auf eineW iederwahl zu rechnen haben das sind hauptsächlich dte Deutschradikaten —* so kommt diesen der Ausweg der Ernennung sehr gelegen, um sich wieder in die Volksvertretung hineinschmuggeln zu können- Dte Abgeyrd. neben zu ernennen, wäre, eine Ironie auf'den Begrifj deS allgemeinen Wahlrechtes. Es liegen denn auch bereits ' aus Deutschböhmen Willensäußerungru dev' Wählerschaft vor, die in kräftiger und durchülss eindeutiger Weise einen derartigen Modus von Wahlen abtehnen. Die deutsche Fortschrittspartei in Böhrnen. hat, wie wir an anderer Stelle mitteilen, beschlossen, die Verschiebung der Wahlen irn besetzten Ctebiet zu verlangen. Die tschechische Regierung hat bereits einen Erlaß Oesterreichs und Deutschlands zu sein. Im gesamten vyu den Russen besetzte» ethnographisch-polnischen Gebiet Late» die Polen alles, um sich den Russen gefällig zu erweise»». Die bequemste und angenehmste Methode, Liebkind der rufst» schen Generale zu werden, war Betätigung der jubenfelnd« lichen Gesinnung. Ueber Umwege erfuhr die gesittete Welt, daß in zahlreichen polrrischen Städten und Städtchen die Jude» über Betreiben ortsangesessener Hylen von den Russeri in schrecklichster Weise behandelt wurden. Der von der russi» sche» Armee am 25. September 1614 in Lemberg ver» anstattete J»»benpsgrom fand. de» uneingeschränkten Bsifali der polnischen Presse in der von den Russe»« besetzten LaudrLhallptstadt Lemberg. AlS die verbündeten Deutschen und.Oefterrelcher nach der Durchbruchsschlacht von Gorlice Galizien von den russi» scheu Armeen säuberten, befanden sich die Polen ln einer unangenehmen Lage: ihr russophileS Verhalten während der JnbasionSzeit sowie baS loyale Verhalten der Juden tvare« zu offenkundig, um irgendwie bestritte» werden zu könne«, Die Polen hatten Angst, von den stegttichen Armeen dep Zentralstaaten verfolgt zu werde«, und fücchteteu besonders, daß die Juden Zeugenschaft wider die polnische Bevölkerunß oblegen könnten. Der damalige polnische Statthalter Kory. towSky» ein Ueberschlauer, verfiel auf folgenden Plan: D« eS rin,nal feststand, daß die Polen am österreichischen Staats getonten Verrat geübt hatten, so tat er nichts, um di< Pole» zu exkulpieren. Gr suchte aber Mitschuldig«, den« geteilte Schuld ist halbe Schuld. So suchte ev der -ster». reichischen Regiaeung übevtzeugend baizubringe», daß auch diz Juden die beste» Beztehunzen zur russische« JnvasionSarm^ untrrhaM» hätte». L-Otag§abgeo^dnMr 8 u v k a verstieß