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Wiener Morgenzeitung · 1919-01-23 · Heft 5 (23.1.1919) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
1 (1919)
Issue
Heft 5 (23.1.1919)
Date
1919-01-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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ÜkMü 'MM, NMMttSMS semitischen Hofhund auf den Eindringling. Hüte dich, seines Brüderchen von der „Union", deine «ngstsrfüHt« Wrlonie kann dir über bekommen. Auch die Masse Der „bodenständigen" Juden lut' sich lumte 5111.1- Ge-- 'danken der nationnlen Einheit dnrchgerungen, auch ihr pst das Band, welche West. uu8 Ö'stjndon umschlingt, ,Heilig, und s:? jvird deu „bodenständigen" Jämmerling, Luelcher mit igui Verrliterhänden an diesem Bande iZerrt, den gebührenden Dank geben. Zur SLeue>r der Wahrheit sei gesagt, daß Tüeje Kri-rgsfiüchMnZS Vvn harter Not bergejagt wurden Dur galizische Jude hat Heimatsgefühi und hängt' an dem Boden, welchen seine Vorfahren durch viele hundert Jahre bewohnt haben. Die hunderttausende Juden, welche unter den kümmerlichsten Verhältnissen' dort -leben, sind ein hinreichender Leweis. Nicht lrnchtftrtigr; Wanderlust ober der Trieb zum Erraffen und Geniesten lut ihn hergrfiihrL.' Die Kriegsfurie hat ihn hergetrie- >en. Er geht nur dann, wenn er nicht leben kann, wenn er keine Möglichkeit mehr sieht, seine Familie vor dem körperlichen und geistigen Untergang zu retten. Dann -aber wird er, Schwache, stark und zerreißt das Netz -von Paragrch)hen ' und ÄuZnahmsversügungen. Wie/ mit Seuchen behaftete. Tiere wurden diese Kriegsslücht--^ lingr behandelt. Wien wurde mit einer zehnfachen Kette von Polizei- und Gendarmerieposten umlegt. In pestzjeschwängerten Barackenlagern Und verlausten Scunmel stationrn wurden sw Zurückgehalten. .Die „bodeustärtdi M nnwuimm Wiener Ärorgenzeituag 23. Jllnner 1919 Nr. ,3 Heraus aus dem Ghetto t 'Eine positive jüdische Politik ist ein neues Phänomen. der politischen Geschichte. Wenn früher Juden Politik machten, so nahmen sie zum Judentum einen rein negativen Standpunkt ein: Entweder wollten sie sich gar nicht an ihr Judentum erinnern, oder sie beschränkten sich auf die schüchterne Abwehr von Angriffen. Diese Haltung, die als Reaktion gegen die Einsperrung ins Ghetto, als Folge derplötzlichen Freilaffung entstanden war, begünstigte eine gewisse Verschwommenheit, des jüdischen Bewußtseins. Wie der Freigelassene seine sklavische Herkunft verbirgt, so scheute der emanzipierte Jude das Offenbarwerden seines Ursprungs aus dem Ghetto. Der Freigelassene ist innerlich unfreier als der Sklave. Solange der Jude von Ghettoangst besessen ist und nicht sein .freies Menschentum begreift, sinkt seine Seele ins tiefste Ghetto.. In seinem politischen Verhalten ist der Jude unsicher und ziellos solange nicht sein jüdisches Bewußtsein gereinigt ist. Der Jude muß erst lernen, zu wissen, was er will. Bis heute sind die meisten Juden politisch recht unreif. Sie wagen es nicht, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Sie bestimmest ihr Verhalten nachdem vermuteten Willen anderer, nicht nach selbstgesteckten Zielen. Sie haben nicht die/Kraft, sich über ihre 1 •llfW ' CV AM t«A ' »ii*W ..u «.Lt. fW A . - .Siellüng zum. Judentum klar und unabhängig Rechen- Mn Umoubriwer waren froh und habe.» ihnen warme, schaft zu geben. Die in der maßlosen Schätzung der Min'iü.» rnr}» •'Y'-i.rfvjyr nairfiJrfi- SWfa ftrin«». I K....**. VS- Stillt^_ mH 1_ . . .t. j._ Klarheit des Bervußtfems aller Kulttrrbesitz befefttgt wird; ihre Kultur ist - eben.Talmi. Echte s gedeiht nur auf denr Bosten der Wahrheit. Diesen Juden macht die Jüoenpresse Unbehagen, weil sie eine Entscheidung fordert. ■ ' Diese Eutscheidlmg ist relaüv leicht für den, der alle Beziehungen zum Judentum abbricht, well es für ihn bedeutungslos geworden ist. Die Waffe der Juden denkt aber heute noch keineswegs so. Sie wollen, wie der Grundsatz der russisch-jüdischen Aufklärung lautete, „Menschen draußen und Juden zu Hause" fein. Dabei äußert sich dieses „Judentum zu Haufe" in verschiedener; manchmal recht bizarrer Weife. Manchen ist es Religion, manchen eiite^ Weltanschauung, manchen eine Summe von Geboten und- Gesetzen oder eine Lebensform, 'den meisten nur ein unbestimmtes Gemisch von Tradittonen, Erinnerungen und persönlichen Zusammenhängen, an denen man festhält, weil man unbewußt fühlt; daß dieser Komplex das Rudiment eines Wertvolleren ist, bas nur eben sich ganz bewußt zu machen man, sich nicht aufraffen kann. Diese Juden würden das Ansinnen, sich vom Judentum durch' den symbolischen Akt der Taufe loszusagen, weit vvn sich weisen, nicht nur, well sie doch noch an diesen^ überkommenen JudeNtum hängen, sondern . auch, weil sie den Austrttt inftiuktiv als eine ' unanständige Handlung ansehen.' Sie lieben jüdisches Halbdunkel und erfinden dafür die Bezeichnung des. „konfessionellen Bandes", worunter sich niemand etwas vorstellen kann.; die meisten werden, auch den Wunsch haben, daß das Judentum erhalten bleibe, auch 'bei ihren Kindern nicht verschwinden mögen. Biele dieser Juden gehören jüdischen Vereinen und Organisationen an, die sie sehr wichtig nehmen, sie bekunden eine gewisse jüdische Solidarität;.aber im öffentlichen Leben haben sie immer etwas zu verbergen, sie werden einer gewissen Nervosität und Äengstlichkeit nicht lös und reagieren erregt und unwillig, wenn sie des Judentums „beschuldigt" werden. Sie empfinden diesen Zustand als unerträglich. Wie eine Tarnkappe ist das Ghetto über sie gestülpt. Der Weg ins Freie ist nur,zu finden, wenn die Verschwommenheit des jüdischen Bewußtseins befestigt wird. Es ist schon eine Forderung der Reinlichkeit, ein solches Bündel ungelöster drückender Fragen nicht einfach aus Trägheit mit sich durchs Leben zu schleppen. Diejenigen Juden, die sich von den Schranken befreit haben, welche die Ghettomauern dem jüdischen Horizont setzten, empfinden das Bedürfnis einer Klärung - und leiden an der Unmoralität des jüdischen Halbbewußtfeins; sie wollen erwachen. . Die Entscheidung, die, jedem vorgelegt ist, und unnachsichtlich gefordert wird, ist vor allem die Frage, ob er ein Interesse am fortbestehenden Judentum hat. Dies ist die Grundfrage der jüdischen Politik. Politik geht auf die Durchsetzung eines Interesses; es 'st nur ein Beweis völliger politischer Unreife, wenn ein menschliches oder kulturelles Interesse nur die Form eines unoesttmmtim Wunsches behält und sich nicht in tätige Verwirklichung umsetzt. Wer das Bestehen eines' jüdischen Interesses verneint, der wird sich folßerichtig .um. die jüdische Gemeinschaft und ihr Tun nicht mehr kümmern. Wer aber sich selbst klar gemacht hat, daß er das jüdische Jntereffe bejaht er und wir sind überzeugt, daß ✓bies bei der waren «ns einmal in Wien. „Welche Frechheit, brüllten die Antisemiten. .Melche'Zudringlichkeit", ächzten und krächzten die „Bodenständigen"., Wir aber loben diese Kraft und diese List, welche unsere Brüder davor be- -roahrt haben, sich wie stumpfsinniges Vieh hinmvrden -zu lassen. Wir preisen diese Zudringlichkeit, welche Prächtiger Selb sttrhaltungSwiCie ist und dem Mischen Volke viel junges Leben erhalten hat, das sonst m Pest- Höhlen vermodert wäre. Die Umonbrüber hatten den Pogromteufel an die'Wand gemalt, Blutbäder protzhe- Zeit, dir mit den Kriegsflüchtlingen kommen, müssen. Nichts ist gekommen. Das Wiener Volk hat die Phantasie der zitternden Assimilationsjuden beschämt. Auchj das sei gesagt, zur Steuer der Wahrheit. Zur Steuer der 'Wahrheit sei gesagt, daß die Kriegs Flüchtlinge mic ehrlichem Willen zu ehrlicher Arbeit hergekommen find. Man hat sie nicht arbeiten lassen. Man hat ihnen Arbeitsbücher und iGewÄrbrscheinL verweigert! Man hat sie zum Faulenzen und Alnwjennehmen verurteilt. 'Sie haben dem .unr men schlichen und blödsinnigen Nr teil getrotzt und haben ^arbeitet und gehandelt. Oh diese. Verbrecher! Man Sjat sie aber auch gehörig hergenommen. Man, hat sie registriert und Lmtvolttert. Alle- Spitzel und , Nichten wurden-auf sie losgrlassen. Wenn man heute die <8e- ,richtssaalberichte, auf welche die „Union" ihre träürige Weisheit stützt, durchblättrrt und liest, weswegen diese KriegSflüchtlinge verurteilt wurden, so muß man sich an den Kopf greifen. Eine Gesellschaft, die für den Schleichhandel und. vom Schleichhandel, fürs Preisäreibrn und vom Preistreiben gelebt hat, als Richter über galizische Schleichhändler und Preistreiber? Da! rmstlichr Oesterreich war über die Geschäfts moral der Galizianer enifetzr. Niemand hat gefragt, wer diese Moral gezüchtet hat. Niemarid hat davon gesprochen, daß österreichische Behörden diese Galizianer im Rahmen des Gesetzes nie haben leben lassen, daß eine korrupl-o Verwaltung bestechliche Richter und Deamtd über, diese Galizianer gesetzt und ihnen diese Moral aufgezwungen -hat. Wenn man den Menschen in eine Senkgrube wirft, darf man sich bann wundern, daß er nicht nach Rosenöl riecht? Laßt unsere.galizischen Brüder in geordneten Verhältnissen leben und ihre reichen Gaben ruhig? entfalten, dann rverden sie dem. Staatej und der Gesell-- sjchaft nützlich dienen, mindestens so nützlich, wie wir „Bodenständige". Und der schwache Staat Deutschösterreich und die zerrüttete deutschöstevreichischc Gesellschaft 'brauchen neu?, nützliche Kräftef trotz der bodenständigen Uniongesellschaft. Auch dies .zur Steuer der Wahrheit. H UebrigenS muß mau es anerkennen, daß die „Union" sich nicht damit begnügt, unsere g-alizischeN Brüder als strenge Richter zu strafen, sie bemüht sich auch liebreich um die moralische. Hebung dieser Schädlinge. Die „Union" nimmt auch von galizischen Juden MiLgULdsbeürüge^ und ihr Kassier hat den ftrenge.tr Auftrag, keinen Zahler auf die Bodenständigkeit zu prüfen. Die „Union" versendet Erklärungen gegen den Jüdischen Nalionatrat und fordert zur Unterschrift auf. Auch die galt zischen Juden dürfen unterzeichnen und -war. man. höre und stauny', «auf einem Blakt mit'den bodruständigsren Hofraten, Hos- und Gerichtsadvokaten und n.och Größeren. Die „Union" präsentiert setzt den jüdischen Wählern der Leop^ldftadt und Brigittenau einen Kandidaten fürs Parlament, Herrn Staatsrat Tr. Osner. Getreu den Grundsätzen der „Union" hat er vor wenigen Wochen im deutschöster- - ~ t , reichischen Parlamente ein Gesetz eingebracht, welches großen Mehrzahl der Juden der Fall lst — der darf die jüdi s rh en Kriegs flüchtlin ge von de r. nicht mehr, untätig bleiben, der Muß sich zum Ziel ridprbuug bw Staatsbürgerschaft aussetzen, solche Bedingungen zu schaffen, nach roelchen schließt. Trotzdem ist es den aus Galizien stammenden die im Judentum steckenden Werte gesichert werden. iKdisch-.n Wählern gestattet, ihn zu wählen. Kamt man Denn, wenn wir UN» die Zugehörigkeit zum Juden- Iw* e'^lrr bandeln» Dies zur allgei. e neu Kennrnp tum nllr erst ganz bewußt gemacht habe«. ö»n« fühl« und ”ne?r'Wahrheit! st. i wir die Verant rv o r t ü n die wir für das . •. l -Lroen' 'dieser' Gemeinschaft tragen. Das Judentum wird heute von gegnerischen Leute?: für alles Mögliche verantwortlich gemacht, und die Juden in ihrem rein passiven Verhalten lassen sich dadurch so wett ver-. wirren., bas; sie auf allen Urrsinn eingehen und wirk? lich ernsthaft Verantwortungen ablehnen, die ihnen allerlei Unverstand, Zuschiebt. Das kommt davon, daß auch der Begriff der Perantwortung im jüdischen Leben nur negativ, nicht positiv eine Rolle spielt. Wir müssen, um . ernsthaft bestehest zu könüeü,. die Verantwortung für unsere Gemeinschaft auch' wirklich auf uns nehmen; dies können wir nur dann, wenn wir nicht mehr nur passiv, sondern auch aktiv)Juden sind, nicht eine Reihe lebloser Schatten, sondern ein lebendiger Organismus. Der gegenwärsige Zustand' der Verschwommenheit, der kein oercurtworüiches Handeln zuläßt, ist nicht nur unhaltbar, sondern auch zutiefft unstttlich. ' Die Judensrage ist zur öffentlichen.Diskussion gestellt Seit Theodor Herz! gibt es eine aktive jüdische Polittk mit positiven Zielen. Dieser Tatsache gegenüber darf kein Jude blind sein. Leider hasten wir vor allem /mit der Jydolenz zu kärnpfep, hie von den Tatsachen nichts weiß und rrichts wissen will, well sie ' den Zwang ver Konsequenz Mchtet. Darum habensich , so viele Juden ein freiwilliges Ghetto geschaffen, sie haben sich eingesperrt ins Dunkel, in .eine selbstgeschaffene Scheinwelt und .haben Augen und Ohren, für das Leben des Mischen Volkes gesperrt: Dieses Ghetto wollen wir zerstören. Wir werden die Probleme des jüdischen Lebens offenherzig vor aller Welt, erörtern. Wir werden der jüdischen Oeffentlrchkett^ Gelegenheit geben, alles zu erfahren, was sie angeht, alles jüdische, was in der Welt vorgeht; ihr Horizont; soll nicht mehr gewaltsam eingeengt lein, wtt wollen ihr die Scheuklappen abreißero In oiesem Sinne beginnen wir hrs neue Organ-und hoffen, daß es die! erste Voraussetzung einer jüdischen Polttik .schaffen> wird: Ein klares Bewußtsein der Stellung zum ■ Judentum und, der Stellung zur WÄt. Die WahLen. FuÄSA Und Jüdinnen l Durch eine mrgerechte Wahlkreiseintellung ist das' Proporüonalwahlrecht verfälscht und sind die Juden' Deutschösterreichs um die ihnen gebührende Zahl von- Vertretern irr der Nationalversammlung gebracht: worden. Nur im Wahlkreis Wien-Nord oft (Leov oLdstaÄL, Brigittenau, Morrdsdorf) können Vertreter des jüdischen Volkes im Wahl-: Kampf Mandate erringen. Die jüdischen Abgeordneten dieses Wahlkreises werden daher nicht rm Bezirksintereffen •' 5 sondern die Interessen aLer SSv.Vvü Inden Deutschösterreichs vertteten müssen. Wenn die jüdischen Wähler dieses Wahlkreises nicht ihre Pflicht erfüllen, zur Urne gehen u.nd jüdisch wählen, dann bleiben alle Inden ohne Vertretung. ' Antisemiten und solche, denen euer Wohl und Wehe gleichgtltig ist, werden die Gesetze erlassen und den Staat verwalten. Die Juden, welche heute von Feinden ärger als je bedroht werden, sind dann ohne jeden Schutz. Jüdische Wähler und Wählerinnen! Seid dessen eingedenk und wählet nur die Kandidaten, welche durch ihr Programm verpflichtet sind,; offeit nnfe rückhaltlos für das INdifche Bolst; einzutreten, - nicht aber solche, die am Tage der Wahl jüdisch -tun und nachher allen anderen dienen, nur nicht chrem. Volke. f - Wählet solche Kandidaten, dre als volksbewuM,; aufrechte Juden für die tatsächliche Gleichberechtigung un eres Volkes arbeiten. m 1 Wählet solche, die gegm den Abfall und für dre Erhaltung des jüdischen Volkes arbeiten, und die für die Erziehung, unserer Jugend in jüdischem Geiste sorgen wollen. Wählet die Kandidaten der Mischen NAtisrmlV^^eL! ... Der Jüdische Nationalverem. . für Deutschösterreich. LKÄidatenliste der jüdisch»« Slatr»««rpartel sllr den SBfii/äkreis Wien-NordofL. .? . 1. Ingenieur Robett Stricker, Staatsbahnrat, 2. Dr. Leopold Plafchkes, Advokat, 3. Erna Patak, Erholungsheim-Inhaberin, 4. Jakob Pinkas, Kaufmann, , . 5. Karl Blums, Obmmur dßs Jüdischen Han gehilfenverband«, S» Isidor Platz, Z»hnkech«Al«d 7. David NebenAahl, PrivatbeMk«^ > > tz - S. Ing. Fedor.Ackermann, OberkommW. > i,

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