Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1908)
- Date
- 1908-07-01
- Page
- Seite 148 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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i.| ___ 148 — und Fluch, Leben und Tod hat das Schicksal in euere Hand gegeben! Wählet den Segen, wählet, das Leben. Wir wägen und sind der festen Überzeugung, daß das Judentum gar nicht berufen ist ein besonderes Volkstum zu pflegen und auszubilden, es hat in der Geschichte die Sendung übernommen die Lehre der ewigen Wahrheit von dem einzigen-Gott zu bekennen, zu erhalten und zu verbreiten. Wir wollen aber hier zum Schlüße den Ansichten des deutschen Rabbiners, die Ansicht eines österreichischen Rabbiners, des Wiener Oberrabbiners Dr. Güdemann entgegenhalten, die er in einer zu wenig bekannten Schrift „Nationaljudentum" über den Zionismus ausgesprochen und aus der wir Einiges gleichsam als Entgegnung auf die Schrift des Herrn Rabbiner Dr. Joseph hier folgen lassen. J Das Wort Nationaljudentum und die damit bezeichnete Bewegung leiden beide au einem inneren Widerspruch, weil das Judentum zufolge seiner geschichtlichen Mission uicht die Aufgabe hat, die centrifugale Nationalitätssucht oder Nationalitätsschwärmerei der Völker zu unterstützen, geschweige ihr seinerseits zu huldigen, sondern vielmehr die, den Individualismus der Nationen aufzüheben und auf die Vereinigung aller Menschen zu Einer Menschenfamilie hiuzuürbeiten. Würde das Judentum in allen seinen Bekennern das Bestreben erwecken, wieder eine Nation zu werden, so beginge es einen Selbstmord, denn es würde für eine int günstigsten Falle zweifelhafte Gegenwart die Zukunft preisgeben. Das Judentum hat aber immer in der Zukunft und für die Zukunft gelebt, sich aufgeopfert. Will man diesen innersten Zug seines Wesens idealistisch nennen, so kann es sich, diese Bezeichnung gefallen lassen. Das Judentum ist immer idealistisch gewesen. Dadurch hat es seine Elasticität und Spannkraft bewahrt, und dem Drucke und der Verfolgung des Mittelalters Trotz geboten, so daß es bei Anbruch der Neuzeit mit jugendlicher Frische in die Kulturbestrebungen derselben einzutreten vermochte. Auch mit dieser Anpassung an die jeweiligen Zeitverhältnisse ist das Judentum nur sich selbst treu geblieben: es hat im neunzehnten Jahrhundert im westlichen Europa nur wiederholt, was es im Beginn und während der ganzen Geschichte der Diaspora in den Ländern griechischer Zunge, in Babylon,-Persien, Arabien und Spanien getan. Überall hat es sich acclimatisirt und assimilirt: es war unter den Griechen griechisch, in Persien persisch, unter den Arabern arabisch, und man kann auf dieses Verhalten anwenden was Paulus von sich sagt: „Ich bin Jedermann allerlei geworden" (I. Kor. D, 22). Damit hat der Apostel des Christentums nur einen Grundzug des Judentums bekundet. Denn das Judentum konnte nicht „vor den Nationen von Gott zeugen" (Jes. 55, 4), nicht konnten „alle Völker der Erde sehen, daß der Name des Ewigen über ihm genannt sei" (V. M. 28, 10), wenn es sich von der Welt ab- und in eine Dunkelkammer einschloß. Allerdings hat es im Judentum zu keiner Zeit an Männern gefehlt, welche in der Befürchtung, daß es sich in der Welt verlieren könnte, es von dem Anschluß an die Welt und ihre Kulturbestrebungen abzuhalten suchten, welche über seine transitorische nationale Erscheinung und über die Notwendigkeit der Selbstzucht