Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 131 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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WDWUMNMMW — 131 — haben, war das Problem, das die Wissenschaft sich stellte; und indem sie dieser Entwicklung nachging, mußte sich bei ihrer Zergliederung manche Schale ablösen. Jedoch duldete die Wissenschaft keineswegs das willkürliche Zerstören und Abschaffen, sondern es knüpften sich hieran wissenschaftliche Untersuchungen, Nachweisungen, wie zu allen Zeiten die jedesmaligen Bedürfnisse, die Lebens-Sitte und -Anforderung Modifikationen j erzeugt haben, wie die Geschichte niemals ihr Recht aufgegeben habe, und deshalb nannte! sich auch das System das historisch-kritische. Alle Schriften, die als vorbildlich auftre- ' ten, sind ihr Urkunden vom Geist des Judentums. * Wo aber die Kritik eine solche Macht im innersten Kern des Judentums errungen, da ist selbstverständlich ein vollständiges Zurückführen in die alten Zustände nicht mehr denkbar. Dazu kommen noch unsere ganz andern Lelensverhättnisse. Die mächtige Be^; wegung, der lebendige rasche Berkehr machen die Einzwängungen eines jeden einzelnen Teilchens in verkümmernde Absonderung zur Unmöglichkeit, und ohne Absonderung gelingt die Wiederherstellung der alten Zustände nimmermehr. ' Die dritte Periode in unserer Religiousanschauung, herbeigeführt durch die historischkritische Schule, ist gewissermaßen die versöhnende Periode, indem sie, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen zu durchdringen und die Religion von allen Gebilden der überwuchernden Phantasie und des überschwänglichen Gemüts, mit denen sie die vergangenen Zeiten bekleidet hatten, zu befreien sucht.; Daß' diese harmonische Durchdringung von Verstand und Gemüt ursprünglich im Wesen und im Charakter des Judentums begründet lag, hierfür brauchen wir heute die Beweise nicht mehr zu führen. Nur darauf hindeuten wollen wir, daß die bedeutensten Denker in Israel, während der talmudischeu, geonäischen und spanischen Periode die ' schärfste Berstandesentwicklung mit der innigsten Gläubigkeit vereinbar fanden. Durch i die Vorbereitung dieser versöhnenden Periode entsteht freilich für das ungeübte Auge ' der Anschein des Niederganges der Religion und der Frömmigkeit. Allein dieser iji der letzten Zeit so vielfach gerügte Jndifferentismus gegen Religion und Frömmigkeit kann in keiner Hinsicht als ein Mangel an religiösem Gefühl überhaupt betrachtet werden, , da dieses psychologisch bei keinem Menschen fehlt, sondern es ist eben die notwendige Folge des noch unentschiedenen Kampfes zwischen den beiden abgelaufenen Perioden und der noch in Vorbereitung begriffenen. Daher der ernste Kampf mit der Gegenwart bei denen, die die erste Gemütsperiode mit aller Energie wieder in ihrer früheren Jugendgestalt herzustellen sich abmühen, ohne jedoch dabei zu bedenken, daß es nur ein vergeblicher Kampf gegen Windmühlen ist, die öde Leere in der Brust derer, die für die aufgegebenen Religionsformen neue befriedigende suchen und nicht finden.