Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 130 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2970027-2970033--8316-2979029- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«WWMWWW — 130 - Geistestätigkeiten ihren Einfluß üben und innerlich und äußerlich der Religion eine veränderte Gestalt verleihen. Aber gerade auf diesem Gebiete treibt die Richtung des Geisteslebens unwiderstehlich an; und so treffen sich .hier Widerstand und Treibkraft mit außerordentlicher Gewalt. 'Wer mitten in diesem sich befindet, dem verwirrt sich leicht Einsicht und Aussicht, und dann erst ist eine richtige Umschau möglich, wenn sich der Charakter der Zeit ausgebildet und entschieden hat.; Fragen wir nun, was die Tendenz der neuen Zeit auf dem Gebiete des Judentums sei, so können wir einfach und schlagend sagen: Nachdem die Religionsanschauung bei dett Israeliten seit dem vorigen Jahrhundert zwei Perioden durchlaufen hat, die Periode des Gemüts ohne Re/texion und die des einseitig reflektierenden Verstandes ohne gemütliche Wärme für die Vergangenheit und Zukunft des Judentums, d. h. ohne Sinn für seine geschichtliche Entwicklung, ist jetzt die dritte versöhnende Periode der Vernunft in der Entwicklung begriffen, die, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen durchdringen und die Religion von allen Gebilden der überwuchernden Phantasie und des überschwänglichen Gemüts, mit denen sie die vergangenen Zeiten bekleidet hatten, zu befreien sucht: Auf die Periode des reflektierenden Verstandes und seichten Rationalisierens folgte die der historischen Kritik und der jüdischen Wissenschaft, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Judentums aneinanderknüpfte, indem sie die Trümmerdecke von der großen Vergangenheit des Judentums wegräumte und der darunter verschüttete Gottesgedanke zmn Vorschein kommen konnte. Die vierziger und fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren besonders für den Anbau der jüdischen Geschichte und jüdischen Wissenschaft fruchtbar. Es war nicht müßige Gelehrsamkeit, sondern Herzensdrang den augenscheinlichen Beweis zu führen, daß das Judentum-zu allen Zeiten mit der Gesittung Hand in Hand ging. Sie zeigte, was die Juden in Gedankenreichtum und in schöner Formgestaltung geleistet haben und zu leisten vermögen. Die jüdische Wissenschaft sollte zugleich als Apologie gegen die Verächter der Juden und des Judentums und als Ideal zur Erweckung des^acheiferns dienen. Man fühlte, daß es nicht mehr an der Zeit sei, mit Versen zu tändeln, hebräische Dramen oder eigentliche Dialoge zu reimen, Racine'sche Verse, Anakreons wieder in hebräische Form zu bringen, sondern daß es jetzt gelte, die vergrabenen Heiligtümer des Judentums ans Tageslicht zu fördern. Es entsend ein Wetteifer unter Männern und Jünglingen, jüdisch-wissenschaftliche Untersuchungen zu verbreiten und zum Gemeingut zu machen. Je nach Begabung, Kenntnis und Reife brachte inan bedeutende oder geringere Spenden, ohne Erwartung eines Lohnes oder einer greifbaren Ehre. Natürlicherweise ging mit der historischen Wissenschaft die Kritik Hand in Hand, die der ersten Periode vollständig mangelte. Kritik, Erkenntnis des geschichtlichen Werdens, Begreifen, wie Institutionen allmählig aus leisen Keimen zu spröder Festigkeit, zy ausgedehntem Umfang sich verdichtet und erweitert -f'ivr-rr’rV.äB