Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 129 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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129 — wurde nicht gedacht sondern gelebt in der Religion. Der überlieferte Schatz, ihrer Väter ward ihnen so lebendig, so gegenwärtig wie ihre Leiden, sodaß sie bei allen Prüfungen und Versuchungen des Lebens mit Joseph auszurufen imstande waren: „Wie soll ich diese große Übeltat begehen, ich werde mich nicht versündigen gegen den Gott meines Vaters." Alles ward unantastbar, geheiligte Tradition. Jener Zeit danken wir den Fond von Religiosität, die sich noch jetzt trotz innerer und äußerer Stürme, bei der - Volksmasse erhält, ihr jene treue Ausdauer, chr die Existenz des Judentums. Ihr aber verdanken wir auch jene unterschiedslose Anhänglichkeit selbst an Unwesentliches; jene unmännliche Furcht, die auch den bessern, oft ganz unwesentlichen Reformen hartnäckig den Eingang^erschwert. Je tiefer diese" Eigentümlichkeiten in jener Periode wurzelten, desto greller trat der Kontrast in der folgenden hervor. Es war naturgemäß, daß mit dem Eintritt der neueren Entwicklungsperiode, die wir seit Mendelssohn datieren, gerade die Denkkraft vorzugsweise hervortrat, um sowohl ihr auflösendes als auch wieder aufbauendcs Werk zu beginnen und fortzuführen, Man erinnere sich, daß die Zeit Mendelssohns vorzugsweise eine philosophierende und populär philosophierende war. Ihr höchstes Interesse nahm die Diskussion über einen Begriff, eine Definition, die Lösung einer metaphysischen und psychologischen Frage in Anspruch, gemütliche Wärme für das Ererbte fehlte chr ganz, für Geschichte hatte sie gar keinen Sinn. In dieser ihrer Einseitigkeit hatte sie für die Religion auch sehr nachteilige Folgen. Sie unterwühlte den großen Unterboden der Religion, ihr geschichtliches Leben, und zerschnitt das Band der Entwicklung, das überall, besonders aber in der Religion, Gegenwart und Vergangenheit und so auch die Zukunft. aneinander knüpft; sie ernüchterte durch ihr vorherrschendes Verstandesleben, dem jede gemütliche Wärme fehlte, die Religion, daß der Geist völlig aus ihren Formen verschwand und ließ die Seele erkalten. Der Genius der Menschheit steht in seiner Arbeit nie still. Ob er sich auf der Höhe oder in der Niederung befindet, er ist fort und fort thätig im Schaffen und Arbeiten. Er kopiert nie, aber er wiederholt seine Prozesse mit immer neuen Elementen. Ist er zurückgejchritten, dringt er wieder vorwärts, gber auf einem neuen Wege. Hat , er sich eine Zeitlang der Oberherrschaft einer Geistesthätigkeit oder einer Geistesrichtung vorwiegend ergeben, so erwacht in ihm das Verlangen nach einer andern, nach der, die er vernachlässigt hat. Jede Erscheinung in der Menschenwelt, die eine lange Vergangenheit hat, giebt uns für diesen Entwicklungsgang die vielfachsten Beweise. Auf dem religösen Gebiete kommt aber noch hinzu, daß die Ueberlieferungen der Vergangenheit den Charakter der Heiligkeit besitzen, daß das Verlangen gestellt wird, alle Arbeiten der früheren Zeiten als unveränderlich, unantastbar, von unbegrenzter Autorität anzusehen. Und dennoch geschieht es auch hier, daß dem Geiste und Bedürfnis jeder Zeit Rechnung getragen wird, daß bewußt und unbewußt die veränderten Zustände, Verhältnisse und