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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1908-06-01 · Heft 6 (1.6.1908) · p. Seite 128

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
27 (1908)
Issue
Heft 6 (1.6.1908)
Date
1908-06-01
Page
Seite 128 (sequence 10)
Language
German
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— 128 — staltnng linserer Gemeiuschäftszustände hat für die Kinder unserer Zeit ganz unwillkürlich eine Erweiterung Ihres moralischen Horizonts und eine Erhöhung der Gesichtspunkte mit sich geführt, dke sie bei ihrem Tun und Lassen leiten. Durch die Macht der gesellschaftlichen Verhältnisse, wie sie jetzt bestehen, wird der Einzelne fast wider seinen Willen in irgend einem Maße aus der engen Beschränkung auf seine privaten Zwecke und Interessen herausgehoben, und durch die Fortschritte der Kultur wird er geradezu genötigt, sich für diese Erde seine Zwecke ohne Vergleich höher und würdiger zu stecken, und namentlich auch unabhängiger von seinen persönlichen Interessen.; Gehen wir speciell zum Judentum über, so finden wir keine Phase und kein Stadium in seiner ganzen geschichtlichen Entwicklung, da ihm die irdische Welt kein geistiges Interesse geboten hätte, wo ihm die irdische Welt, das Sichtbare, als geistig gehaltlos erschienen wäre. Vielmehr liegt der' Charakter des Judentums gerade darin, daß es gleich dem ersten Menschen, nach einer alten. Sage, fest auf der Erde steht und mit seinem Haupte den Himmel berührt. Himmlisches und Irdisches, Göttliches und Menschliches vermochte es stets mit gleicher Liebe, mit gleicher Gerechtigkeit versöhnend zu umfassen. Trotz der glutvollsten Überzeugung, daß es höhere Wonne gebe als unsere vergänglichen Genüsse, hat es stets einen offenen Sinn für die Freuden dieser Welt bewiesen; nie hat seine andächtige Sammlung es zur Weltflucht verleitet, nie die Liebe -zu seinem Gotte es in die Einsamkeit getrieben, die Menschen und die Welt zu meiden angeregt. Das Unterscheidende der Zeit, die wir die „moderne" nennen, kann demnnch für das Judentum nicht darin liegen, daß etwa in ihr dem Judentum der geistige Sinn, das geistige Interesse für die irdische Welt aufgegangen wäre, da dieser Sinm ihm niemals fremd war. Das Unterscheidende der Zeit, die wir die „moderne" nennen, liegt daher für das Judentum auf einem anderen Gebiete. -Wenn wir die gegenwärtigen Zeitmomente innerhalb des Judentums recht würdigen wollen, so müssen wir die nächste Vergangenheit und ihren Einfluß auf die Gegenwart erkennen. Die Religionsansch'auung hat bei den Israeliten seit dem 18. Jahrhundert zwei Perioden durchlaufen und ist jetzt in dem gährenden Übergang zu einer dritten begriffen. Die Periode des Gemütes ohne Reflexion und die des einseitig reflektierenden Verstandes ohne gemütliche Wärme sind vorüber; die dritte versöhnende Periode der Vernunft, die, Verstand und Gemüt einigend, den ganzen Menschen durchdringt, ist jetzt im vorbereitenden Zustande. In jener ersten Periode, als die Mauern des Hasses und des Vorurteils die Juden vorn allgemeinen Völkerlebeu absperrten, ihnen das zeitliche Leben verleideten, als die Religion, ihr einziger Trost, ihnen uut so teurer war, je größer die Opfer waren, unter denen die Väter sic ihnen vererbt hatten, da hing ihr Gemüt in unmittelbarer Verbindung an ihrem Glauben, und'je mehr die Welt sie ausstieß, desto fester klammerten sie sich in schmerzlicher Wehmut an ihren liebenden Vater im Himmel. Da ****&&***&•

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