Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 127 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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mswf?« — 127 — Vir “modern Leit" in ihrer Beziehung zur Beiigiou überhaupt und zum Judentum insbesonderne. Bon Dr. B. Seligkowitz, CötHen. Unsere moderne Bildung steht allgemein in dem Rufe, daß sie eine von der Frömmigkeit abgewendete Richtung habe. Man unterstellt kurzweg eine vorzugsweise moralische Versunkenheit des jetzt lebenden Geschlechts und schiebt die Schuld auf seine angeblich von allem Übersinnlichen abgewendete materialistische und dem Heiligen feindselige Gesinnung. Diese Ansicht bedarf sehr der Beschränkung. Was heißt denn „moderne Bildung?" Was ist denn das Unterscheidende der Zeit, die wir die „moderne" nennen? Das Unterscheidende liegt darin, daß in ihr der Menschheit, der geistige Sinn, das geistige Jntersse für die irdische Welt aufgegangen ist, für die!uns umgebende äußere Welt und für uns selbst als Glied der äußeren Weit, also der!Sinn für Natur und Geschichte. Dieser Sinn schlummerte seit dem Untergang der alten klassischen Welt während des Mittelalters. Die irdische Welt bot dem damaligen GeschleHte kein geistiges Interesse; das geistige Interesse kannte keinen anderen Gegenstand als die unsichtbare, die überirdische Welt; mit anderen Worten; man kannte kein anderes geistiges Interesse, als das religöse. Das Irdische, das Sichtbare erschien als profan, als geistig gehaltlos, für den Geist nur als Gegenstand der Verleugnung. DaH wurde im Laufe der geschichtlichen Entwicklung der europäischen Menschheit anders: das Auge ging ihr auf für den geistigen Gehalt und die geistige Bedeutung dieser Welt; sie fing an, in ihr ein wunderbar kunstvolles Mittel für die Zwecke des Geistes zu sehen, einen unerschöpflichen Gegenstand der Erkenntnis und seiner sie zum Werkzeug für sich zurechtbildende Einwirkung auf sie. Damit war freilich ein ungeheurer Umschwung eingetreten, ein tiefer Bruch mit der ganzen bisherigen Überlieferung und der ganzen bisherigen Gestalt des Lebens, die nun als eine fremde, leere, blos konventionelle erscheinen mußte. Dadurch entstand für das ungeübte Auge der Anschein, als habe die Wirksamkeit der Religion in der Menschheit abgenommen. Den schärfer Blickenden aber kann dieser Schein mcht täuschen. Vielmehr beginnt gerade jetzt eine neue, in eigentümlicher Weise großartige Phase der Wirksamkeit der Religion, nämlich ihre Richtung auf die Durchdringung des menschlichen Lebens in der Gesamtheit seinsr besonderen Gebiete. Der schärfer Blickende findet, daß das jetzige Geschlecht seine wirklichen Zwecke mit der Welt merklich bester verstehen gelernt hat, und für ihre Erreichung ernster und zweckmäßiger tätig ist, als die früheren Generationen. Dies soll ganz und gar nicht zum Lobe der Einzelnen gesagt sein, sondern es ist nur die Grundlage, auf der die Einzelnen mit ihrer individr^ ellen Moralität stehen, im Laufe der Zeit eine erhöhte geworden. Diese veränderte Ge-