Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 126 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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— 126 — mäßig auf das synagogale Leben allein bezogen und erstreckt. Kastrierungen der Gebetbücher, Gottesdienste, die'man auf das Prokrustesbett spannt, ^Hetzjagd gegen das Hebräische sind keine genügenden Garantien für Wiederaufbau morsch gewordener Ruinen. N e u gebürt muß die Losung sein mit möglichster, histvrisch-fühlender Schonung gutbewährter Traditonen. * Ein kraftvolles Zeichen des Lebens oder des Willens zum Leben war der jüngst nach Wien einberufene Bundestag, der die Organisation der jüdischen Gemeinden Österreichs auf sein Programm gestellt hatte. Man muß der Leitung der österreichischen Bnei-Brith Dank dafür sagen, daß sie den bereits zu den Toten gezählten Bund wiederbetebt hat. Das Expose, welches den versammelten Delegierten vorlag, war großzügig, aber unklar. Ein historischer Lapsus aber war es, die Ausschaltung religiöser Fragen zu betonen. Eine jüdische Organisation ist ohne sie kraftlos, marktos, haltlos. — Es fehlt der geschichtliche Mutterboden, der Humusboden, der Erdgeruch. Völlig unbegreiflich aber muß es erscheinen, ivenn in dem Generalreferate die axiomatische Behauptung aufgestellt wird, das Judentum der Diaspora sei stets durch die Kultusvertretnng, nicht aber durch die Rabbiner repräsentiert gewesen. Gewiß. Insofern, als die ehemaligen Repräsentanten Gelehrte, oft berühmte jüdische Literaten waren, die »in den Rabbinern ebenbürtige, oder übergeordnete Genossen sahen. Es geht aber doch nicht an, daß nur Advokaten, Aerzte, Professoren, Fabrikanten, Kauflente, von denen man heute bestimmt annehmen muß, daß sie das Judentum in all seinen Teilen nicht gründlich kennen, über Wohl und Wehe des Judentums autonom entscheiden, allein entschieden und die berufenen Theologen und Gelehrten einfach kalt stellen. Das Gegenteil nämlich ist wahr. Der Ruhm der alten, klassischen Gemeinden in Palästina und Babylonien, in Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland und Österreich wurde von den Rabbinern, Theologen, Gelehrten begründet und bis in die neueste Zeit hinein war es so und wird wohl auch, will's Gott, so bleiben. Es liegt im eigensten Interesse der modernen, liberalen oder konservativen Gemeinderepräsentanten das nicht zu leugnen, sondern der Wahrheit gemäß zuzugeben. Das gilt für Österreich, wie für Deutschland. Beiderseits ist ein wahrer term* rabbinicus ausgebrochen, der das Gespenst der Hierarchie sieht, ohne daß auch nur ein Schatten davon sichtbar wäre. Die Herren Rabbiner werden sich wohl hüten, Bischöfe sein zu wollen, sonst bekämen sie bald einen 'Mpst. Aber die wohlgesinnten Laien, .intelligenten und gebildeten Juden sollen sich nicht minder hüten, den Ast durchzusägen, auf dem sie sitzen.-— Kurz und gut, Bewegung überall. Wenn nur nicht die Berge kreisen, und Mäuse, geboren werden. Ken beritli. i