Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 125 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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m MWMMMM« «n.m',. . .JJJUfjp •pri;P »HWk'dW^ijyj — 125 — ernsten Bestrebungen, die sie vertiefen und verankern wollen. Denn das ist denkenden und fühlenden Juden klar wie die Sonne, daß die Übung menschenfreundlicher Werke allein das jüdische Leben nicht ausfüllt noch erschöpft. Das heftige aber gesunde Aneinanderstoßen der jüdischen Parteien in Deutschland, wo in den letzten Jahren bie innere Judenfrage in lebhaftester Diskussion steht, hat auch in Österreich die Geister wachgerufen. Man'sagt sich: Wir müssen unsere Farbe bekennen. Welches aber soll diese Farbe sein? Das rein religiös gerichtete Judentum mit seinem positiven Bekenntnis und seinen notwendigen Forderungen nach Formen dieses Bekenntnisses, die sich in jüdischer Lebenshaltung äußern und in Werke umsetzen, erscheint der Mehrzahl dieser Gruppen als unnötiges Beiwerk. Wir lassen es unerörtert, ob. mit Recht. Ohne Formen kommt man in bürgerlichen wie im staatlichen Leben nirgendwo aus. Alles hat Form und Formel. Sie sind nur überall verschieden, da weiter, dort enger gefaßt. Der kleinste Haushalt wie der größte wirtschaftliche Betrieb; die einfachste, gesellschaftliche Vereinigung, wie die vielgestaltigsten Menschenkomplexe können ohne Formalien nicht leben. Es fragt sich also nur, wie diese Formeln gestaltet oder verwendet werden sollen. Also, welche Farbe? Die nationale, unbedingt historisch neben der religiösen wohlbegründet, wird von den modernen Juden, die sich als Deutsche, Österreicher, Franzosen etc. fiihlen, häufig zurückgewiesen. Nicht ganz mit Recht. Das kommt auch in den Kreisen der Intelligenz in Österreich und Wien deutlich zum Ausdruck. Das nationale Thema wird ernstlich erörtert und von ausgezeichneten Männern aller Stände verteidigt. Es wird eifrigGeschichte studiert. Warum und zu welchem Ende? Man hat sich in Österreich bis vor wenigen Jahren blutwenig um jüdische Geschichte gekümmert. Es steht auch noch nicht fest, ob die Treue im Judentum in gleichem Verhältnis zu vermehrter Kenntnis seiner Literatur und Geschichte steht. Vielleicht umgekehrt. Die nationalen und zionistischen Bewegungen haben über doch gewiß diesesT Interesse geboren. Seien wir dankbar dafür. Was in Deutschland längst selbstverständlich ist, daß in fast jeder halbwegs größeren Gemeinde ein Literaturvexein mit gutem Erfolge eingerichtet ist, ist in Österreich selbstverständlich nicht. Aber es sollte sein. Merkwürdig ist nur, daß man in Wiener gebildeten Kreisen eben Entdeckungsreisen in das Gebiet der einstigen deutschen Reformbewegung unter Hold heim und Geiger unternimmt, als wäre man gestern aus langem Schlaf erwacht. Än hervorragender Stelle wird über die Aufgaben der Kultusgemeinde geistreich, tüchtig und klug gesprochen, aber so, als müßten diese Aufgaben erst erfunden werden. Man traut seinen Augen nicht. Und dennoch muß auch diese Anomalie freudig begrüßt werden. Sie beweist erwachendes Leben. Wenn nur nicht daraus totgeborene Reformpläne erwachsen, die gewöhnlich mit kühnen Experimenten beginnen, um mit einem Fiasko zu enden. Womit nicht gesagt werden soll, daß nicht Reform im gesündesten Sinne erwünscht und möglich wäre. Leider aber wird diese Reform regel-