Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1908)
- Date
- 1908-06-01
- Page
- Seite 124 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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W-Wi> VAM.MMEWWWMWM WWW» * — 124 — Ein fester Treubund ist mit der Kirche geschlossen. Auf Schutz und Trutz. Die beiden mächtigsten Stützen der Monarchie, Patriotismus und Religiosität, bilden das Arbeitsprogramm dieser Gegenwartspolitiker. Und dabei sind sie mit einem Tropfen sozialen Öles gesalbt. Auch besitzen sie den richtigen Spürsinn. Sie haben scharf? Witterung. Kinder und Frauen stellen sie in den Dienst der Sache. Und das muß man sagen. Mit klingendem Spiele ziehen sie in Hellen Haufen allwöchentlich durch alle Teile der Stadt. Die Kirchen sind überfüllt,'fassen kaum die Zahl der Beter. Haus und Schule, Kanzel und Katheder, Beichtstuhl und Rednerbühne müssen dem gemeinsamen Zwecke dienen. Eine der mächtigsten Triebfedern - in dieser komplizierten. Parteimaschine ist die Feindschaft gegen die Juden, die jetzt gefährlicher als je zuvor an der Arbeit ist. Sie ist systemisiert: ist regierungsfähig und ministeriell. Ein „heiliger Krieg" gegen die freie Forschung wird gepredigt, die den „Stützen der Gesellschaft" gefährlich zu werden droht. Der Kampf gegen die Universitäten ist ein untrügliches Symptom der Todesgefahr. — Mit dem Aufgebote aller Kraft erhebt.sich die freiheitliche Studentenschaft hinter der eine gewaltige Phalanx von Bürgern steht. Das Kind wird mit dem Bade ausgegossen. Tie Religion an sich wird mit pfäffischen Muckern verwechselt. Wie immer überträgt sich dieser Haß gegen die Religion und deren Vertreter ganz besonders in die jüdischen Kreise, wo man sofort geneigt ist und immer war, von Hierarchie zu faseln, die nie und nirgendwo gelebt hat. Es . läßt sich auf diesem Wege so schön und leicht romantischer Liberalismus etablieren. In den obersten Kreisen herrscht die Anschauung und wird verbreitet: die Juden hätten weder Patriotismus noch Religion; es fehlen ihnen also die notwendigsten Eignungen zum ruhigen verläßlichen Staatsbürger. Die Ideen des Umsturzes gehen angeblich von ihnen aus. Die alte Vorschrift des Spruchdichters: „Fürchte Gott und den Herrscher, zu den Umstürzlern geselle dich nicht" sei von den Juden unbeachtet. Sie beherrrschen die liberale und demokratische Presse, sagt man. Sie lieferü den Sprengstoff der Gesellschaft, sind Salpeter im bresthaften Staatsgemäuer. Bon all dem ist natürlich nur ein Körnchen wahr. In der Juden heit Österreichs kann der scharfblickende Beobachter unter dem glatten Spiegel der seichten Gewässer des Jndifferentismus starke Bewegungen beobachten. Sie bewegt sich doch. Der weitaus größere Teil ist ohne Zweifel kalt, teilnamslos, verschüchtert, abgestoßen. — Jedoch ein Bruchteil, und kein schlechter, sucht; sucht und sondert ängstlich, aber, mit Eifer. Zu diesem ansehnlichen Bruchteil gehören in allen größeren Städten wackere Vertreter von Intelligenz und des besser situierten Bürgerstandes. Sie wollen. Juden sein und bleiben; wollen es aus ganzer Seele und mit ganzem Herzen. Sie probieren und studieren. Vor allem aber stiften sie im brüderlichen Bunde edelste B^erke der Wohltätigkeit für ihre hartbedrängten Glaubensbrüder. Sie suchen aber auch mit Eifer nach einer historischen und kulturellen Grundlage ihrer