Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 5 (4.5.1908)
- Date
- 1908-05-04
- Page
- Seite 116 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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—. 116 Winternacht mit ihren geheinlnisvollen Geschehnissen, die sich deinem Gedächtnisse, mein Kind, so tief eingeprägt hat', war es, welcher er seine Freiheit durch diese List wiedergewann. * Die Erzählung meines Vaters beschäftigte meinen Geist noch einige Zeit. Die neuen lebhaften Eindrücke in der vielbesuchten Eisenstädter Jeschiwah ) schoben sie jedoch bald in den Hintergrund. Vielleicht hätte ich nie mehr an das Geschick des vielgeprüften Mannes gedacht, wenn ihn ein Zufall nicht in meine Nähe gebracht hätte. Der Rabbi läßt mich eines Morgens rufen. ..Du Schiii<(4) bist ein Kojeteiner, sagte er. Deine Plicht wird es sein deinem Landsmann, so oft er kommt, arr die Hand zu gehen. Der Arme da ist der Kojeteiner Ger. ) Er ist leider auf die Unterstützung anderer angewiesen. Einst hat er sein Brot in redlichem Schweiße selber verdient. Doch das Unglück hat ihn verfolgt. Er erträgt es mit Ergebung. Ich gebe dir nun eine Empfehlung an einige Herren, bei denen du ihm ein paar Groschen sammeln sollst. Er darf nicht selbst in die Häuser gehen." So. stand er denn', leibhaftig vor mir, der Gegenstand meiner kindlichen Neugierde. Ein armselig gekleideter, wenig gebückter, starker Mann. Vor Überraschung konnte ich keinen Laut hervorbringen, nahm den Zettel aus der Hand des Rabbi und ging. In einer Stunde war eine kleine Summe beisammen, die ich, selig vor Freude, dem „Ger" einhändigte. Es war einer der glücklichsten Augenblicke meines Lebens. Später hatte ich noch oft Gelegenheit ähnliche Dienste dem Armen zu leisten. Als ich mich nach Jahren in-Preßbnrg niedertieß, habe ich ihn öfters als Gast in meinem Hanse gesehen. Er wohnte nämlich in Nadasa, einem kleinen Dorfe in der Nähe Preßbnrgs, m er in steter Angst vor Denunziation mit seinem Weibe sich sehr kärglich ernährte, glücklich in der tiefsten Armut mit dem Bewußtsein, er sei ein echter Jude geworden. In den Cassabüchern der Preßbruger israelitischen Gemeinde ans den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts findet man zwischen den an Armen verteilten Ausgaben einen Posten häufig wiederkehren, der dem Unkundigen ein Rätsel bleiben wird. „O. l." Eine Abkürzung zweier hebräischer Worte: „Ossnr l'daber", wjas soviel bedeutet: die nähere Bezeichnung dieser Allsgabe sei geheimzuhalten. Es waren dies die Spenden', die der Kojeteiner Ger alls der Gemeindeeassa zu erhalten pflegte. Diese Vorsicht war bei den damaligen politischen Verhältnissen, insbesondere in Ungarn, gar nicht unbegründet. _ Das letzte mal habe ich ihn im Jahre 1364 in Preßburg gesehen. Nach Jahren hörte ich, er sei tot. Wohl erreichte er ein ziemlich hohes Att^r, seine Todesnachricht hat mich doch sehr ergriffen. War es doch eine Gestalt, die meine Phantasie schon seit meiner frühesten Kindheit lebhaft beschäftigt hatte. Ich benutzte die nächste Gelegenheit und suchte sein Grab auf. . "