Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 5 (4.5.1908)
- Date
- 1908-05-04
- Page
- Seite 115 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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christlichen Konfession in die jüdische wäre insbesondere in Österreich immerhin em sehr gewagtes Unternehmen gewesen. An Angebern hat's auch damals nicht gemangelt. Amsterdam (Amsteledam hieß es im Bolksmunde) war der Ort, wo man ohne Gefahr solches unternehmen konnte. Versehen mit den notwendigsten Mitteln nnd einem Briefe an den dortigen Oberrabbiner begab sich nun unser Mann ans die weite Reise. Tie Schwester blieb in Leipnik und wurde verheiratet. * -i- * Aus Amsterdam kam der junge Mann nach einem Jahre zurück. Er war nicht nur Jude geworden, sondern hat sich auch Vieles von der ernsten und standhaften Frömmigkeit der holländischen Glaubensbrüder angeeignet. Ein wahrer Jude wollte werden, wie es sein Vater am Sterbebette von ihm verlangt hatte. Er wurde ez auch. In Leipnik aber war seines Bleibens nicht. Allerhand wunderliche Geschichten sind von ihm und von seiner Herkunft hier in's Volk gedrungen. Seine wahre Geschichte leicht an den Tag gebracht hätte der Verleumdung Nahrung geben können. Nach langem Umherirren in den mährischen Gemeinden geriet er nach Kojetein. ' Hier blieb er. Arbeiten wollte er ja und Gelegenheit hiezu gab es bei uns. Er heiratete dann die Tochter des Herrn F : . . und lebte hier Jahre hindurch, wenn auch bescheiden, aber zufrieden und sorglos. Bis heute konnte ich's nicht ermitteln wie es Plötzlich der Ortsbehörde zu Ohren gekommen war, daß „der Fremde" ') ein Prosetyt sei. Es gab keine Rettung. Er wurde der Übertretung des Staatsgesetzes überwiesen und in den Kerker geworfen. Das - Jammern seiner Allgehörigen, die FLirsprache der angesehensten Gemeindemitglieder hätten den Armen nicht vor schwerer Strafe geschützt, wenn llicht zufällig damals in Kojetein ein aufgeklärter, freidenkender Mann das Richteramt bekleidet hätte. Zum Glück war dies der Fall. Er sah die himmelschreiende Ungerechtigkeit ein, die so am freien Gewissen des Menschen begangen wurde, konnte aber das geschriebene Gesetz nicht ohne Weiteres außer Acht lassen. Er erlaubte jedoch, daß dem Verhafteten rituelle Kost in s Gefängnis gebracht werde und gestattete ihm den freien Verkehr mit den Seinigen und ließ es auch an leisen Andelltungen nicht fehlen, daß ein aus geschickte Art angestellk-s- Entwischen des Angeklagten die glücklichste Lösung der Frage wäre. Ich verstand den Wink. Mit den Brüdern F . . ., den Schlvägern des Unglücklichen, wurde der Plan gründlich besprochen, alle Eventualitäten ins Auge gefaßt, die Zeit und der Weg und das Ziel der Flucht fest^estellt. Die Wächter wllrden dafür gewonnen und im berauschten Zustande hörten sie nicht, als die Brüder F . . . um Mitternacht ihren Schwager aus dem Gefängnis holten. Ftllgs ging's durch die „Gasse" an unseren Fenstern vorbei, auf die Landstraße hinaus. Auf Umwegen sollte er nach Ungarn kommen und in irgend einem versteckten Winkel Zuflllcht suchen. Wie ich seither erfahren, lebte er, wohl sehr kümmerlich, von der Unterstützung gutherziger Menschen, in einem Torfe neben Preßburg. Jene