Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 5 (4.5.1908)
- Date
- 1908-05-04
- Page
- Seite 114 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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—.114—!! | Teil seines eigenen jungen, frischen Lebens Zuströmen lassen. Dev Kranke zog ihn näher j. an sich. Tief ergriffen, mit schwacher, bebender'Stimme flüsterte er ihm ins Ohr: j ' „Bevor ich sterbe, muß ich dir, mein Sohn, eine wichtige Eröffnung machen.! Vielleicht kann ich mein sündhaftes Leben dadurch wieder gut machen, daß ich dich auf j den richtigen Weg wiede^ zurückführe, welchen ich leider in meiner Jugend verlassen! habe. Ich bin ein Jude. Gott versuchte mich mit schweren Prüfungen, die ich nicht bestehen konnte. In der Not konnte ich der Versuchung, die mir Brot reichte, nicht widerstehen. Ich war zu schwach. Monatelang war ich mit Weib und Kind herum- geirrt ohne eine Existenz gefunden zu haben. Der Winter überraschte mich am Wege. Der Sturm hielt mich Tage hindurch hier in T . . . zurück. Ohne Kleidung, ohne Nahrung stand ich inmitten der rauhesten Jahreszeit mit Weib und Kind auf offener Straße hoffnungslos da. Die Meßnerstelle war eben frei, sie wurde mir angeboten und ich nahm sie nach schweren inneren Kämpfen an, in der Hoffnung, im Frühling weiter ziehen zu können. Immer und immer kam aber etwas dazwischen, was die Reihe verschob. Wir nannten es ein Hindernis, es war eine Prüfung. Euch haben wir nicht als jüdische Kinder erzogen — wir hätten damit uns im Dorfe der größten Gefahr ausgesetzt. Tu, mein Sohn, bist überhaupt noch kein Jude, denn du wurdest schon hier geboren. Wenn ich nun sterbe, gehe mit der Schwester nach Mähren hinüber. Tort gibt's opferwillige Inden, die werden dir dazu verhelfen, daß du Jude werdest. Aber ein ehrlicher, frommer Jude. Das ist mein einziger und letzter Wunsch. Meine Schriften, die im Schrank verwahrt sind, werden es klar beweisen, daß du von Juden stammst. Als Christ geboren, setzst du dich aber einer großen Gefahr aus, wenn du zum Judentum offen übertreten wirst. Die Staatsgesetze verbieten es und bestrafen den Übertreter sehr strenge. Habe ich einmal dieses Versprechen von Dir, so sterbe ich ruhig." Er drückte dem Vater die Hand. „Ich verprech's." Erschöpft aber sichtlich beruhigt, fiel der Kranke auf seine Kissen zurück. Er kämpfte noch einige Tage, dann war er von allen Schmerzen erlöst. Nach Leipnik, welches in jener Zeit eine berühmte jüdische Gemeinde und Pflegestätte der Thorawissenschaft war, strebten auch Jsak's Sohn und Tochter. Mit ihren Dokumenten in der Hand stellten sie sich beim Rabbiner ein. Bedenklich schüttelte der Gelehrte das greise Haupt, als sie ihm den letzten Willen ihres verstorbenen Vaters vortrugen. „Eine schwere Sache!" wiederholte er einigemal, indem er nachdenklich im Zimmer auf- und abging. ),Kommen sie morgen wieder, -- sagte er endlich — ich werde die Angelegenheiten mit dem Roschhakohl besprechen," Nach langen Beratungen beschloß man den Fremden nach Amsterdam zu schicken. Holland, das die aus Spanien verjagten Juden freundlich ausgenommen hatte, war noch immer das freiheitlichste Land Europas. Ein, wenn auch geheimer Übertritt aus der