Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 5 (4.5.1908)
- Date
- 1908-05-04
- Page
- Seite 112 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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/ — 112. — erkannte, und konferierten eifrig mit meinem Vater. Als ich diese entfernt hatten, hörte ich den Vater im Nachbarzimmer noch "lange auf- und abgehen, bis man plötzlich um Mitternacht an unserem Fenster klopfte. Der Vater öffnete die Türe, ging hinaus, I sprach einige Minuten mit drn draußen Wartenden, dann kehrte er zurück. An unseren! Fenstern huschten einige Gestalten vorüber. In einer Stunde kehrten zwei der vorigen ( | zurück, klopften leise an's Fenster, und deutlich hörte ich's, wie sie meinem Vater ■ j hineinriefen„Alles in Ordnung Reb Hersch". ..{ j Was war" irs der vergangenen Nacht geschehen? Quälend nagte tagsüber diese! Frage an mir. Am Abend wagte ich an die Mutter die Frage zn richten, was denn I! eigentlich vorgefallen sei- Natürlich bekam ich die Abfertigung: Kinder hätten sich nicht / i um alles zu kümmern. Des Kindes Seele ist ein weicher, empfänglicher Boden. Tief hinunter werden '• die frühen Eindrücke gesenkt, jahrelang schlummern sie oft verborgen in der Tiefe, bis s sie dann ein unbedeutendes Ereignis ans Licht des Bewußtseins bringt. Ich wurde! 15 Jahre alt. Der große Rabbi Moscheh Perls hatte einige Jahre vorher Kojetein - i‘. . verlassen und einem Rufe gefolgt, der ihn auf den berühmten Rabbinersitz in Eisen-! stadt (Ungarn > brachte. Viele Jünger ans allen Ländern scharten sich um den gelehrten Meister des Talmuds, und ich sollte nun auch diese frisch sprudelnde Quelle tiefer Gelehrsamkeit, die Pflegestätte echter Frömmigkeit aufsuchen.! Ich sollte mich nun von meiner lieben „Gaffe" trennen. Von all den guten Wesen, mit denen ich beinahe verwachsen war. Am Vorabend der Abreise verabschiedete I ich mich von Verwandten und Freunden, morgens sollte die' Reise, die weite, angetreten ^werden. Unruhig verbrachte ich die letzte Nacht. Urplötzlich trat mir jene längst , vergessene aufgeregte Nacht des achtjährigen Knaben lebhaft iws Gedächtnis. Halb im , Traume hörte ich jene Gestalten immer wieder an unseren Fenstern pochen und vorübergehen, zurückkommen, und mit meinem Vater unterhandeln, bis der Morgen kam und die Reise in Gesellschaft meines Vaters angetreten wurde. Ungestüm quälte mich die ulte Neugier wieder den ganzen Weg. Ich mußte i | fragen. „Vater", sagte ich, vielleicht werde ich jetzt schon begreifen können, was in der j Nacht vor ungefähr sieben Jahren vorgegangen ist, als du mit den Brüdern F. geheim- > nisvolle Gespräche führend, in tiefer Nacht mehrmals die Türe geöffnet, Aufträge erteilt,! Berichte empfangen hast?" — „Du sollst's erfahren. Es ist ein Stück jüdischer Kulturgeschichte, jammervoll und erhebend, wie nun einmal die ganze Golusgeschichte unseres Volkes ist. Es war damals ein Geheinmis, soll es auch bleiben, bis sich vielleicht einmal auch bei uns die Zeiten bessern, wie es in manchen Ländern schon geschehen ist." j * * T . . . . ist ein kleines Dorf in West- Böhmen. Urwüchsige, alteingesessene Banernfamilieu sind seit jeher jeine Bewohner. Ihre Anschauungen wurden von der gleichförmigen Erziehung und Beschäftigung derartig nivellirt, daß keinem von ihnen je