Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 5 (4.5.1908)
- Date
- 1908-05-04
- Page
- Seite 106 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 106 — kleinen Unterschied hat man jetzt zu machen versucht: man versucht, den Auswandererström nach anderen Gebieten.abzulenken, statt New?)ork nach Gatveston oder anderen > Gegenden. Und diese. Idee, die noch ganz kurzen Datums ist, scheint man schon wieder fallen zu lassen, und jetzt hört man schon wieder, daß die jüdischen Hilfsorganisationen Fabriken oder ähnliche Unternehmungen in Rußland errichten wollen, um die Auswanderung einzuschränken, also wiederum die alte Politik, die man vor einigen Jahren gezwungenerweise aufgegeben hat. Diese mühevolle Arbeit, diese Quälerei kommt mir vor ^wie die jenes Mannes, dem eine Fensterscheibe eingeschlagen wurde. Um sich vor Wind .Md Wetter zu schützen, hat er eine Scheibe von der anderen Seite herausgenommen und sie hier eingesetzt, und als der Wind nun von der anderen Seite hereinbließ, nahm er sie auch da heraus uub setzte sie wieder an die alte Stelle. Der Mann mühte und quälte sich ab, blieb aber trotzdem nicht vor der Unbill der Witterung geschützt und mußte weiter leiden. So ungefähr sieht die jüdische Politik ans. So sieht die Politik aus, die die Hilfsorganisationen treiben, ohne Ziel, ohne Plan, nur den augenblicklichen Bedürfnissen gehorchend, immer der Not gehorchend wird herumexperimentiert. Die Judennot bleibt aber immer weiter bestehen. Meine verehrten Damen und Herren! Ich will durchaus nicht die Verdienste dieser Männer, die für die allgemeinen jüdischen Interessen arbeiten, in Abrede stellen oder auch nur schmälern. Im Gegenteil: Wir haben volle llrsache, dem edlen Baron Hirsch, der dem jüdischen Volke ein so hochherziges Geschenk gemacht hat, der dem jüdischen Volke eine Erbschaft hinterlassen hat, wie ihresgleichen in der Geschichte nicht vorkommt, für alle Zeiten ein „8ecber Zadik librocho“ „das Andenken des Gerechten ist zum Segen" nachzurufen. Wir haben volle Ursache, auch den Männern, die das jüdische Volksvermögen — denn Baron Hirsch hat das Vermögen für das jüdische Volk hinterlassen — selbstlos verwalten, und der schwierigen und verantwortungsvollen Aufgabe sich unterzogen haben, dankbar zu sein. Wir haben volle Ursache, auf Edmund Rothschild stolz zu sein, der die jüdischen Kolonien in Palästina gegründet und geschaffen hat. Wir müssen auch den Begründern und Leitern des Hilfsvereins, der „Alliance Israelite Universelle“, der „Anglo Jewish Association“ und aller anderen Vereine, die für das jüdische Bolkswohl und für die jüdische Allgemeinheit arbeiten, auch unfern Philantrophen wie Lord Rothschild und Jakob Schiff dankbar sein. Aber diese Dankbarkeit darf uns nicht davon zurückhalten, eine gerechte Kritik zu üben und die Frage aufzuwerfen: Was würden alle diese Organisationen und diese Männer erst schaffen können, wenn sie nach einem bestimmten Plane Hand jn Hand arbeiten würden, anstatt, wie es leider vorkommt, einer gegen den andern? Wir haben das Recht und sogar die Pflicht, diese.Frage zu stellen. Meine verehrten Damen und Herren! Die zionistische Organisation hat vor den anderen jüdischen Organisationen das voraus, daß sie auf einem demokratischen Prinzip aufgebaut ist, während die andern jüdischen Hilfsorganisationen nach dem alten System der Wohltätigkeit, der Philanthropie, auf dem System des Autokratismus eingerichtet sind. .