Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 5 (4.5.1908)
- Date
- 1908-05-04
- Page
- Seite 105 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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105 bekämpft werden kann. Ter größte Teil des jüdischen Volkes lebt und leidet in den östlichen Ländern und ist gezwungen, auszuwandern. Mit der Auswanderung aber ist die Sachlage nicht geändert, mit der Auswanderung hat die Not noch nicht aufgehört. Denn dieselben Ursachen, oder deutlicher gesagt: derselbe Antisemitismus, der unsere Juden zur Auswanderung zwingt, derselbe Antisemitismus begleitet sie auf ihrer Auswanderung überallhin und bleibt bei ihnen überall, wo sie sich ansiedeln. Von diesem Gedanken ausgehend hat Dr. Herzl seine Broschüre „Der Judenstaat" geschrieben, und aus diesem Grundgedanken heraus hat der 1. Zionistenkongreß das Baseler Programm verfaßt, das, wie sie ja wissen lautet: „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina". Das ist der politische Zionismus, das ist die Grundlage für die zionistische Politik. Als wir vor 10—12 Jahren diesen Gedanken verkündet haben, als wir daran gegangen sind, unsere Organisation zu schaffen, da haben wir erwartet, daß alles, was im Judentume lebt, alle, die ein warmes Herz für das Judentum haben, insbesondere aber diejenigen, die "durch Intelligenz, durch die Kraft ihres Vermögens und Könnens dazu berufen sind, die großen jüdischen Hilfsorganisationen zu leiten sich am Hilfswerk zu beteiligen, daß die die ersten sein werden, mit uns zusammen diese Arbeit zu vollführen. Dies geschah aber nicht so. Bon maßgebender Stelle wurde uns seitens dieser großen Hilfsorganisationen geantwortet: Die Judenfrage kann in den freien Jmmigrationständern, in England und Amerika, gelöst werden. Tort hat man den Antisemitismus nicht zu befürchten, und Amerika allein ist in der Lage, sämtliche Juden der Welt, die auswandern müssen, aufzunehmeu. Von diesem Gesichtspunkte aus wurde die Auswanderung unterstützt und gefördert. . Nach wenigen Jahren schon, da hörten wir nlit einemal einen Ruf, ein Wort, das die ägyptischen Politiker unter Pharao geprägt hatten: „Pen jirbu" — vielleicht werden ihrer zu viel. Dieses Wort scholl uns jedoch nicht nur von unfern Feinden, sondern auch aus dem eigenen Lager entgegen, von Furcht diktiert, es könnten in den Jmmigrationsländern „vielleicht zu viel" werden. Es dauerte wiederum nur ein paar Jahre, und eine andere Taktik wurde eingeschlagen. Man bemühte sich, die Auswanderung einzudämmen und aufzuhalten. Dadurch glaubte man die Judenfrage in den östlichen Ländern selbst zu lösen. Durch Gründung von Schulen sollte das geistige Niveau der Masse gehoben werden, durch Schaffung von Arbeitsgelegenheiten, industriellen Unternehmungen und dergleichen mehr glaubte man die Auswanderung eindännnen zu können, Wiederunr nur wenige Jahre dauerte es, und aus Rumänien begannen große Judenmässen auszuwandern. Gleich darauf erfolgte die Katastrophe in Rußland, wo die Auswanderung sich verfünffacht^ teilweise sogar verzehnfacht hat, und wiederum standen die Hilfsorganisationen vor der Notwendigkeit, ihre letzte Taktik fallen zu lassen und die Auswanderung wiederum zu unterstützen. Einen