Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 5 (4.5.1908)
- Date
- 1908-05-04
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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102 / Der Überfluß an Land hat also die gleiche Wirkung gehabt wie die völlige Abwesenheit von Bodenbesitz. Das jüdische Individuum mußte gleich dem russischen auf alle persönlichen Rechte und Vorteile verzichten und seine ganze Energie nur auf die Erhaltrmg des ganzen Volkes, das stets vom flammenden Haß der Nachbarn bedroht war, richten. Während das russische Volk die Idee seiner staatlichen Einheit in der Person eines Selbstherrschers verkörperte, hat das jüdische Volk seine nationale Einheit im Monotheismus und^ in der Person des absolutistischen Jehovahs, eines himmlischen Johann des Grausamen, ausgedrückt. Und ebenso wie die absolutistische Staatsform Rußlands stets gegen Kultur und Freiheit gekämpft hat und schließlich zuden Niederlagen von Sewastopol und Tsuschima führen mußte, konnte der Monotheismus die Juden nicht von der babylonischen Gefangenschaft und von der Unterwerfung an Rom ' bewahren, Das Schicksal der Juden gleicht dem Schicksal Hiobs, der ehemals reich und mächtig war und heute arm und elend ist. Während nun das jüdische Volk gleich Hiob in der Asche saß und Leiden und Verfolgungen, die in der Weltgeschichte einzig dastehen, erdulden mußte, erlosch in seinem Herzen auch der letzte Funke irgend welcher individualistischen Gelüste und Bestrebungen, und an ihre Stelle trat jene selbstverleugnende Liebe, die uns in der Persönlichkeit Christi ebenso bewundernswert erscheint wie' im Heldenmut der selbstaufopfernden russischen Intelligenz. Ter Prozeß dieser Ausstrahlung ging in beiden Fällen ganz gleich vor sich: zuerst von: Individuum zum Staat, dann aber, als die Staatsidee zu wanken begann, zum Nächsten im weiteren ' Sinne, zum Menschen überhaupt gerichtet. In den Tagen Christi vollzog sich dieser Prozeß nur in wenigen auserwühlten Persönlichkeiten. .Die jüdische Masse bewahrte sich aber unserm „Schwarzen Hundert" gleich einen unerschütterlichen Glauben an die k absolutistische Macht Jehovahs und mußte dafür mit zwei Jahrtausenden unerhörter Leiden und Erniedrigungen büßen.; Im Laufe dieser zwei Jahrtausende sank das jüdische Volk auf eine noch tiefere y kulturelle Stufe herab als die, auf der sich Rußland in der Moskauer Zarenperiode ' befand. Das Rußland der ben> Regierungsantritt Peters des Großen vorangehenden Periy-i/ ist versunken, ohne Ruinen zu hinterlassen; dieses spurlose Verschwinden fällt ( besonders ins Auge, wenn wir an die reichen Überreste des westeuropäischen Mittel- Walters und an das Erbe des klassischen Altertums denken. Und doch erscheinen die spärlichen Überreste der Großfürsten- und der Bojarcnkultm uns als blendender Reichtum, wenn wir sie damit vergleichen, was uns vom Judentum übergeblieben ist. Die moskovitische Kultur hat uns wenigstens ihre barbarisch-malerische Kleidung, ihre Architektur, den prunkvollen Gottesdienst, ihre Heiligenbilder und Hausrat hinterlassen. Nichts dergleichen blieb uns von den Juden zurück, ihr Herrscher hatte ihnen ja verboten, selbst sein eignes Angesicht nachznbilden. Um aber ihre eignen Gestalten nachzubilden, hatten die Juden keine Zeit, denn sie konnten während dieser zwei Jahrtausende nicht dazu kommen, sich auch citimat im Spiegel zu betrachten. Sie haben