Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 5 (4.5.1908)
- Date
- 1908-05-04
- Page
- Seite 101 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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101 Eigenheiten mitteilt, so besteht kein Zweifel, daß unsere Revolution auch dem Schicksal der ganzen Menschheit ihren Stempel aufdrücken muß. Nur gibt es kein einziges Volk, dessen Geschichte es dazu vorbereitet hätte, die Mission Rußlands zu teilen. Freilich bildet ein einziges Volk die Ausnahme: es sind die Juden, bei denen die Persönlichkeit sich unter einem noch viel größern geschichtlichen Druck geformt hat als bei beit Russen. Es muß doch wirklich irgend ein inneres Band zwischen der Revolution und den russischen Juden bestehen, denn die Gegner der Revolution schieben ihre Entstehung immer auf die Juden, um die Bewegung beim Volk in Mißkredit zu bringen. Ein solches Band besteht auch in der Tat und der Zusammenhang ist viel komplizierter und zugleich inniger, als es beim ersten Anblicke erscheinen mag. Man sollte eigentlich glaubell, daß die Schicksale der beiden Völker in der Weltgeschichte so grundverschieden seien, lvie es nur überhaupt möglich ist: auf der einen Seite ein Überfluß an Land, auf der andern — eine völlige Abwesenheit von Bodenbesitz; hier — eine ewige Suche nach nicht bestehenden Grenzen, dort — die gleiche Suche nach einem nicht existierenden Vaterlande; hier — das Grauen vor dem unermeßlichen, offenen Raum, dort — die Schrecken des geschlossenen Ghetto. Diese Verschiedenheiten bringen aber auch Verschiedenheiten der Lebensweise, des Äußern und der Weltanschauung mit sich. Auf der einen Seite sehen wir einen Bauer oder Krieger, auf der andern — einen Handelsmann oder einen Vermittler; hier — zügelloser Wahnlvitz und unberechenbare Lebenslust, dort — kluge Berechnung und scheue Vorsicht. Diese Grundverschiedenheit läßt sich also nicht leugnen, und doch verbindet eine tiefgehende Verwandtschaft die beiden Nationen, eine rein seelische Verwandtschaft, die sich im intimsten Verhältnis der Welt, dem Menschen und dem eigenen „Ich" gegenüber ällßert und aus dem gleichen historischen Entwicklungsgang entspringt; dieser Umstand, daß zwei ihrem Ursprung, Äußern, Sprache und Sitten nach so verschiedene, im Werdegang des Jndividuunls aber ähnliche Völker sich nun zur Verrichtung eines großen gemeinsamen Kulturwerkes zusammengetan haben, erscheint als eines der größten Wunder und Rätsel der Weltgeschichte. Wenn wir die Geschichte Israels aus der Vogelperspektive betrachten, so sehen wir vor uns ein Volk, das sich für das erwählte hielt, ein heiliges Volk von Priestern, das seine ganz eignen Wege in der Weltgeschichte wandelt, gar keinen Anteil an der kulturellen Entwicklung der andern Völker hat, das weder in der Werkstatt der Natur gearbeitet, noch eine Baukunst oder bildende Kunst geschaffen hat, dafür aber sein ewiges Buch durch die Jahrhunderte der Verbannung getragen und einige Propheten der ewigen Wahrheit der Welt geschenkt hat. Wenn wir nun auch Rußland aus der gleichen Vogelperspektive betrachten, so sehen wir vor uns ein. Volk, das gleichfalls einen ganz eignen Weg durch die Weltgeschichte ging, an der Kulturarbeit der andern Nationen nie teilnahm und der Wett gleichfalls einige ewige Bücher und Propheten geschenkt hat.