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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1908-04-01 · Heft 4 (1.4.1908) · p. Seite 93

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
27 (1908)
Issue
Heft 4 (1.4.1908)
Date
1908-04-01
Page
Seite 93 (sequence 23)
Language
German
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98 nur geographisch und chronologisch-geschichtlich, sondern auch dem wesenhaften Inhalt nach in der Mitte, am Scheidewege zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Ost und West. Die Treue zur Mitte der Welt, des Lebens, der Erde ist sein vornehmlicher Gedanke. Der Orient sah und erlebte die Welt in der Stabilität, im ruhenden Sinn, das er nun mit Märchen bekränzte und in unheimliche Mystik hüllte, in der Absicht, die Welt auf solche Weise anziehend, lvertvoll zu machen. Das Abendland vertraute sich hingegen der Entwicklung, der unausgesetzten Verwandlung, der inneren Überwindung und dem Wiedergeburtgedanken an. Der Jude streckte seine Arme nach beiden Richtungen aus. Einmal umfaßt sein Gott alle Welten und Dinge, das ganze Sein. Im Innern der Seinstotalität aber geht die Entwicklung in der Richtung der Transformation vor sich: die Teile wechseln ihre Stellen und Stellungen, gehen jedoch nie unter." „Wenn man das Judenschicksal überdenkt, so scheint es einenl unbegreiflich, wenn gerade der mittelalterliche Katholizismus dem Judentum nicht gerade freundlich gesinnt war. Die Juden konnten im „Gottesstaat" der Katholiken nicht ihr Ideal erblicken. Dazwischen stand die Person und die Tat des Urhebers des Christentums. Das Christentum kam immer den Juden als ein Aufstand des Menschengeschlechtes gegen Gott vor. Sie erkannten ganz richtig, daß dort der einzelne Mensch als autonomes Wesen über den Gemeinschaftswillen der Wett hinausstrebt. Und dazu gesellte sich noch das Verlangen der Völker nach eigenen Offenbarungen, nach eigenen Geistesgeburten. In rechtspolitischer Beziehung aber standen die Juden immer auf der Höhe. Dieses gab ihnen bereits Jehovah mit auf den Weg." — In Kiel wurde der in Berlin gemaßregelte Rabbiner Herr Dr. Emil Cohn einstimmig zum Prediger gewählt. — In Frankfurt a. M. hielt am 23. März Herr Rechtsanwalt Dr. Holländer-München einen Propagandavortrag für den Zentralvereiu deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die Ziele des Vereins charakterisierte 'der Redner mit den Schlagworten „Abwehr und Einkehr", Abwehr der antisemitischen Angriffe und Beseitigung von Mißständen im eigenen Lager. Die Angriffe der Antisemiten gelten einmal der Religion. Noch heute hausiert man in den Dörfern mit verblümten Ritualmordmärchen und falschen Talmudzitaten. Nur fortgesetzte Aufklärung kann gegen dieses Gift helfen. Der Zentralverein tut durch Verbreitung von Flugblättern das Seine. Gefährlicher noch sind die Vorstöße gegen die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden, die ohnehin auf dem Verwaltungsweg nach Möglichkeit beschränkt wird. Immer wieder begegnet man dem albernen Einwand, man könne es keinem Christen zümuten, vor einem jüdischen Richter zu schwören, als ob der Eid nicht eine Sache des Gewissens wäre, mit der die Person des Richters nicht das mindeste zu hm hat. Am populärsten aber ist der ökonomische Antisemitismus, der die Juden als ein Volk von „Drohnen" schildert. Mit aller Entschiedenheit ist demgegenüber zu betonen, daß jede ehrliche Arbeit für das Ganze nützlich und notwendig und also auch produktiv ist, mag sie mit der Hand am Pflug oder mit dem rechnenden Verstand geleistet werden. Die schärffte

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