Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 92 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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92 zu suchen sein; denn das Wesen des liberalen Judentums beruht auf Bejahung der religiösen Grundwahrheiten, die nur von menschlichen Umhüllungen losgeschält werden sollten. Niemals kann es als Aufgabe des liberalen Judentums gelten, die Orthodoxie prinzipiell zu bekämpfen. Es mag' sich von ihr auf religiösem Gebiet loslösen, doch sollte es in wirtschaftlicher und politischer Beziehung mit ihr zusammenstehen. Drei positive Ziele stellt sich das liberale Judentum: die Weiterentwicklung des Judentums, die Vertiefung des jüdisch-religiösen Bewußtseins und die erhöhte Anerkennung des Judentums bei den Nichtjuden. Eine Forderung der Wahrhaftigkeit ist es, daß die heute noch offiziell gesetzkräftige Tnrditionsgesetzgebung von allem Unhaltbaren, Unberechtigten befreit und das Berechtigte darin offiziell und programmäßig neugestaltet iverde. In allen Gemeinden müßten Vereine gegründet werden, die auf dieses Ziel hinarbeiten und dem Jndifferentismus steuern. Diese Vereine wären zu einem Reichsverbande zusammenzuschließen. Auf diesem Wege ließe sich ^vielleicht die Übereinstimmung zwischen Lehre und Leben erreichen. An der hierauf stattgefundene regen Diskussion beteiligten sich die Herren Dr. Weinberg, Dr. Benario, Dr. Brüll, Dr. Ed. ^'Baerwald und die Herren Stern und Ganz und Frau Seligmann. — Im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" in Berlin hielt Herr Landrabbiner Dr. M. Doktor ans Cassel.einen Vortrag über die Juden in Amsterdam zur Zeit Rembrandts. In fesselnder Weise führte der Redner sein aufmerksam lauschendes Auditorium in das Milieu ein, aus welchem die Judenbilder Rembrandts hervorgegangen sind. Er schilderte zunächst die romantische Vorgeschichte der Ansiedelung in Amsterdam. Sodann führte er die verschiedenartigsten Charaktertypen aus der jüdischen Gesellschaft jener Zeit vor: Dichter und Staatsbeamte, Rabbiner und Gelehrte, schöne und geistreiche Frauen. Bei den interessantesten dieser Typen verweilte er längere Zeit, weil sie in erster Reihe zu den Ptodellen Rembrandts gehörten, dessen Judenbilder er im zweiten Teil seines interessanten Vortrags ausführlich schilderte. — Unter dem Titel „Die Tragödie des Judentums" veröffentlicht David Koigen einen sehr ausführlichen mystisch-philosophischen Aufsatz in der „Zukunft", aus dem wir hier einzelne Stellen folgen lassen. „Die Seele des Juden ward von der Gottesseele gefangen gehalten. Im tiefsten Innern des schlimmsten Juden ist ein Ort, wo der das Lebendige begründende Gotteswille seinen Sitz hat. Dort ist des Juden Heiligtum, der„Sabbath" seiner Seele': alles Uebrige ist nur Mittel zum Zweck und Alltag. Der „Jude" hat im Grunde nie Gefallen an der Macht und dem Reichtum als solchen. Diese sind ihm nie Selbstzweck. Er ist kein Götzendiener. Sein Blick bleibt immer an der befestigten Burg haften, die ihm sein gestrenger Gott errichtete. Dort leuchtet ihm die Sonne und im Anblick des fernen Gottes entzündet sich seine Ekstase, werden seine Träume geboren. Meist eine von kalter, Heller Flamme umleuchtete Ekstase; und auch die Träume entsteigen nicht dem Erdenschlamm, sondern wie Wolken jagen sie einander am Gewölbe der Seele, kalte, frierende Wolken ....." „Das Judentum steht nicht