Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 4 (1.4.1908)
- Date
- 1908-04-01
- Page
- Seite 91 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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91 um ein geringes vermindert. Unter den Auswanderern nach Amerika befanden sich im Jahre 1907, 149182 Juden. Die jüdische Gesamtauswanderung dürfte mit 180000 Personen zu berechnen sein, von denen drei Viertel aus Rußland stammen. Tie Zahl der jüdischen Durchwanderer durch Deutschland hat in diesem Jahre 94000 betragen. 12 500 Auswanderer wurden vom Hilfsverein befördert, 35 000 beherbergt, verpflegt und bekleidet, 2500 ausgeheift, so daß insgesamt 50000 Auswanderern, also mehr als der Hälfte, geholfen wurde. Das gesamte philantropische und soziale Hilfswerk des HiLssvereins Deutscher Juden erforderte im Jahre 1907 die namhafte Summe von Mk. 700000. Die Mitgliederzahl des Hilfsvereins hat sich von I4 0o0 auf über 18000 gemehrt. Die regelmäßigen Jahreseinnahmen sind von Mk. 98000 auf Mk. 138000 gestiegen. Dem Borstande, insbesondere den Herren James Simon und vr. Paul Nathan, wurde der Dank der Generalversammlung ausgesprochen. Tie statutenmäßig ausscheidenden Mitglieder des Zentralkomitees wurden wiedergewählt. — Am 13. März ist in Berlin der Geheime Regierungsrat Professor Dr. Julius Lessing im 65. Lebensjahre gestorben. Die Verdienste Lessings um das deutsche Kunstgewerbe, das er zu der Höhe gebracht, auf der es jetzt in Deittschland steht, seine Bedeutung als Lehrer an der Bauakademie wie an der Technischen Hochschule, als Schriftsteller auf seinem Gebiete und als Direktor des Kunstgewerbe - Museums fanden auch ihre Anerkennung durch den Kaiser, der den Hinterbliebenen folgendes Beileidstelegramm zugehen ließ: „Die Nachricht von dem Hinscheiden Ihres Herrn Vaters habe ich mit schmerzlicher Teilnahme empfangen und spreche Ihnen mein wärmstes Beileid aus 5U dem schweren Verluste, an dem ich lebhaft Anteil nehme. Ich gedenke gern der mir und dem Vaterland geleisteten treuen Dienste des Verewigten, besonders aber seines unermüdlichen erfolgreichen Wirkens als Leiter der Sammlungen des Königlichen Kunstgewerbemuseums, welches es in vier Jahrzehnte langer Arbeit aus seinen ersten Anfängen zu seiner jetzigen Gestalt und Bedeutung zu heben verstanden hat. Ich werde ihm ein dankbares Andenken bewahren. Wilhelm K." Die Einäscherung der Leiche des verstorbenen Gelehrten fand in Hamburg und die Beisetzung der Asche auf dem alten jüdischen Friedhofe in der Schönhauser Allee statt. — Im Freisinnigen Verein für jüdisches Gemeinde leben in Frankfurt a. M. hielt Herr Rabbiner Dr. Tänzer aus Göppingen am 25. März einen mit vielem Beifall aufgenommenen Vortrag über die positiven Aufgaben des Liberalismus im Judentum. Klarheit über sein eigenes Wesen und . die sich daraus ergebenden Forderungen zu gewinnen, erscheint'als eine Lebensbrdingung des jüdischen Liberalismus. Er hat das Judentum neu beleben wollen, aber bei aller Anerkennung seiner Erfolge auf humanitärem, wissenschafllichetn und rechtlichem Gebietemuß man doch gestehen, daß er auf religiösem Gebiete fast vollständig versagt hat. Die Reformbewegung des Judentums ist ursprünglich als Geist der Verneinung in die Geschichte eingetreten und dieser negative Charakter hat die Oberhand behalten. Darin mag die Ursache für den Mißerfolg