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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1908-04-01 · Heft 4 (1.4.1908) · p. Seite 77

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
27 (1908)
Issue
Heft 4 (1.4.1908)
Date
1908-04-01
Page
Seite 77 (sequence 7)
Language
German
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sichtspunkte -er Idee ungelöste Aufgaben. Es gibt auf dieser Welt keine ethische, keine logische, keine ästhetische Vollkommenheit. Alle Lösungen sind nur Durchgangspunkte zur Zukunft, zur Idee. Und wehe, wenn die vorübergehenden Losungen als Vollkommenheiten gelten! Dann wird die Vergangenheit an die Stelle der Zukunft gesetzt, das Materielle an die Stelle des Ideellen, der Stoff an die Stelle des Geistes, die Barbarei an die Stelle der Kultur. Niemals darf deshalb im Sinne der klassischen Philosophie die Vergangenheit über die Zukunft herrschen, der Begriff über die Idee, die einzelne Mehrheitsgruppe über die Allheit. Denn der Ersatz der Zukunft durch die Vergangenheit bedeutet die Vernichtung aller Fortschritte auf ethischer, auf logischer, auf ästhetischer Basis. Es ist nun geradezu einer der größten Triumphe der jüdischen Religion, daß ihre genialsten Vertreter der gleichen Ansicht huldigten. Der Messianismus der Propheten ist die gleiche, wenn auch unbewußte Philosophie der Zukunft wie die Idee eines Plato. Auch bei den Propheten herrscht die Zukunft über die Vergangenheit, auch bei ihnen darf das Rückwärts nur durch das Vorwärts dirigiert werden, auch bei ihnen entscheidet -über den Wert eines Kulturgebildes nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft, nicht die physische Kraft, sondern das ideale Streben! Jetzt können wir den großen Unterschied zwischen dem „modernen" Motto und dem unseres Vereins verstehen. Es ist der Unterschied zwischen naivem Empfinden und philosophischem Denken, zwischen Mythos und Religion, zwischen Christentum und Judentum. Es ist wahrlich nicht von ungefähr, daß der Begründer dieses falschen Historismus, der den empirischen Träger der Idee mit der überempirischen Idee vertauscht, daß dieser Begründer gleichzeitig eine Philosophie des Christentums schrieb. Und es bleibt im tiefsten Sinne zu bedauern, daß heute auch wir Juden dem Philosophen von der „vernünftigen Wirklichkeit" Gefolgschaft leisten wollen. Wir stehen heute im Zeitalter dieses falschen, sittlich irreführenden Historismus. Und wenn einst der große Philosoph Friedrich Albert Lange den Wahlspruch wagte: Der Antisemitismus ist unser Unglück! — so fügen wir hinzu: Und der Historismus und Nationalismus haben dieses Unglück verschuldet. Überall wo die vergänglichen Mehrheits-Gruppen eines Volkes, einer Kirche, einer Rasse der Zukunftsidee der Humanität gegenüber als höhere Mächte gewertet werden, da herrscht die Vergangenheit, das Zeitliche, das Stoffliche, da siegt der Materialismus über den Idealismus. Gegenüber solchen Verfälschungen des sittlichen Kulturbewußtseins bedeutet die Gründung unseres Vereins eine rettende Tat. Sie bildet eine ernste Mahnung an alle wahrhaften Kulturfreunde, daß jedes einzelne Gebilde an der Zukunft und nicht an der Vergangenheit sich zu orientieren hat, wenn es sittliche Geltungskraft beansprucht. Nur die Zukunft darf den Ausgangspunkt einer idealen Bestrebung bilden. Nur im Lichte der Idee, im Lichte der in allerfernster Zukunft sich der Ver-

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