Mannheim
Compact Memory

Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1908-04-01 · Heft 4 (1.4.1908) · p. Seite 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
27 (1908)
Issue
Heft 4 (1.4.1908)
Date
1908-04-01
Page
Seite 76 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2969669-2970027-2970031--8252-2978963
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

76 Die Antlvort auf diese Fragen erteilt uns die Geschichte unseres Vereins. Ihr wollen wir darum unsere Aufmerksamkeit widmen. Wenn wir unser Archiv um die Gründe der Entstehung unseres Vereins befragen, so erhalten wir folgenden Bescheid: „Zweck und Ziel des Vereins ist es, Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur unter der Studentenschaft zu verbreiten und zu fördern, einer weit verbreiteten Gleichgültigkeit gegenüber Interesse für dieses Studium zu erwecken. Denn Schule und Universität stehen bisher diesem Zweige der humanen Wissenschaft fast teilnahmlos gegenüber." Das ist also das Motiv für die Gründung unseres Vereins: Schule und Universität, die Bildungsstätten des Staates verweigern der Jüdischen Geschichte, der ^Jüdischen Literatur das Interesse. Der Staat erblickt nicht in diesen Disziplinen Zweige der humanen Bildung und Gesittung, so wenig er in der Jüdischen Religion ein solch humanitäres Gebilde zu .erkennen vermag. Er überläßt es den Liebhabern dieser Spezialgebiete, auf eigene Faust, mit eigenen Mitteln ihre Pflege zu betreiben. Und so ergibt sich die sonderbare Erscheinung, daß unser Verein nicht wie andere Vereine in privaten Kreisen jene Gedanken erörtert und vertieft, die in den Hörsäten der Universität verkündet werden, daß er vielmehr die Universität selbst bis zu einem bestimmten Grade ersetzen muß. Und aus welchen Gründen rechtfertigt sich das Verhalten des Staates? Weil in unserer „modernen" Kultur der Grundsatz gilt: Ohne Vergangenheit keine Gegenlvart, Ohne Gegenlvart keine Zukunft. llnd lveil das Judentum keine vollendete Vergangenheit enthalte, der gegenüber die'Gegenwart und Zukunft ituV einen schwachen Abglanz der Vergangenheit bedeuten, weil seine Vergangenheit mit der Entstehung des Christentums erstorben sei, deshalb verweigert man ihm das Recht auf lvissenschaftliche und religiöse Existenz, denn die Toten haben kein Recht auf Beachtung. Die Zukunft des Judentums sei unmöglich, lveil es keine Vergangenheit besitze, die eine kulturnotwendige Zukunft zu erzeugen imstande sei. Wie anders verhält es sich nach dieser Meinung mit dem Christentum! Hier gibt es eine vollendete Vergangenheit, die über die Gegenlvart hinlveg bis in die fernste Zukunft hinein sich erstreckt, Liber die Zukunft triumphiert, weil diese Zukunft nur ein schwacher Abglanz der Vergangenheit sein kannl Angesichts solcher Behauptungen verlohut es sich doch, die Begriffe der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft etwas näher zu betrachten.. Was bedeuten diese Begriffe? Was für Kulturwerte sprechen sich in ihnen aus? Schon die Griechen, das Volk der Denker, gibt in den Lehren eines Sokrates und eines Plato die entsprechende Antwort. Die Zükunft ist für diese Denker eine Idee, eine Aufgabe, deren Lösung auf dieser empirischen Welt, nicht möglich ist. Ob es sich um logische, oder sittliche, oder ästhetische Probleme handelt — immer bleibell diese unter den Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.