Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 3 (1.3.1908)
- Date
- 1908-03-01
- Page
- Seite 63 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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63 gehört. Wenn Sie mir aber sagen, daß das genüge, um im Judentum den Weg zur freien Forschung zu verlegen, so entgegne ich Ihnen, daß gerade die Philosophie der Gegenwart zum Gottesbegriff zurückkehrt. Ich entgegne, daß der Dogmatismus der materialistischen Weltauffassung an die Gläubigkeit seiner Bekenner keine geringen Forderungen stellt. Jerusalem sagt: „Das Weltall erscheint uns als Werk eines mächtigen, unendlichen Willens, dessen Kraftäußerung eine konstante ist. Erst dadurch aber erhält unser Weltbild den wünschenwerten Abschluß. Dieser mächtige Wille ist der Urgrund für Materie und Geist. Die Naturgesetze sind seine Gesetze. So gelangen wir durch Anwendung der an der Erfahrung bewährten Urteilsfunktion auf das Weltganze' 311 einer unseren Erkenntnisbetrieb befriedigenden Weltanschauung, in der auch der Gottesbegriff seine Stelle findet." Betrachten wir nun das Weltall als eine Kraftäußerung, so haben wir diese Kraftäußerung auf ein Kraftzentrum zuriickzuführen, das Gott ist. Das Subjekt zmn Prädikat Welt ist Gott. Darwin selbst ist ein Beweis dafür, daß seine Theorieen den Glauben an einen Schöpfer ,nicht ausschließen und auch nicht ausschließen wollten. Keine Theorie von der Weltentstehung muß uns des Rechtes entheben, zu glauben. ''Nehmen wir nun einen göttlichen Intellekt und einen göttlichen Willen an, so erhält unsere Weltanschauung einen ebenso schönen als befriedigenden Abschluß. Einer der bedeutensten Denker der Gegenwart spricht über Gott, wie das Judenhtm ihn anbetet, folgendermaßen: „Nur sittliche Attribute dürfen von Gott angenommen werden." So bestimmt es der Talmud, so lehrt und begründet es Maimonides. Bon Gottes Wesen darf uns nur das interessieren, was wir für die Ethik brauchen. „Jude sein, heißt, als den Grund des Daseins, als den Halt der Welt den einig-einzigen Gott bekennen. Das ist der Kern der Sache: das ist auch das einzige Herz der Sache. Man täusche sich nicht, als ob die jüdische Sache noch einen anderen Herzpunkt hätte oder haben könnte und dürfte. . Israels Recht auf geschichtliches Dasein steht und fällt mit seinem einig-einzigen Gotte. Wessen Kopf nicht durchleuchtet ist von diesem Grund gedanken, der kann mancherlei von jüdischer Art geistig und sittlich besitzen, es fehlt seinem Wesen aber der Schwerpunkt. Daher muß die Existenz des Juden in der modernen Kultur haltlos, schwankend, zweideutig werden, wenn nicht diespr Leitstern aus allem seinen Denken, Fühlen und Handeln hervorleuchtet: daß er mit ganzer Seele an den Gott der Geschichte glaubt, den die Propheten offenbart haben. Der Gott Israels ist in der messianischen Idee offenbart worden, er ist der Gott der Weltgeschichte. Das ist die Wurzel unseres Glaubens, die Quelle unserer Ethik." Unser großes Schrifttum steht keinen Augenblick im Widerspruch mit der freien Forschung: denn auf welche Stelle man immer auch Hinweisen mag, jeder Theologe wird antworten müssen: Keinen anderen Zweck hat die Bibel, keinen anderen Zweck die heilige Schrift, als einzig und allein hinzuweisen auf Gott und über ein sittlichvollendetes jüdisches Leben zu belehren. Wenn man nun frägt, was denn die ganze