Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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11 Bei der. Krönung eineneuen Papstes mußten die Juden sich aktiv am Triimiphzuge beteiligen. Sie wurden gezwungen das alte Testament unter Gesang von Lobliedern dem Papste zu überreichen, der die Gesetzesrolle öffnete, einige Worte darin las und sie dann hinter si.tr reichte mit den Worten: „Wir bestätigen das Gesetz, aber das jüdische Eolk und seine Gesetzanslegnng verdammen wir." Als Kardinal Hanni'al cie’la Gemra 1823 zu in Papste gewählt wurde und unter dem Namen Leo XII. bis 1829 regierte, erneuerte und verstärkte er die Mauer des Ghetto, zwang die Inden wieder znm alleinigen Aufenthalte im Jndenviertel. An bestimmten Tagen mußten sie Bekehrnugspredigten beiwohnen. Aufseher gingen mit Peitschen umher, um Aufmerksamkeit und andächtige Stimmung rege zu erhalten. Pius IX wollte auch nicht zurückbleibeu. Wie er gegen die Inden gestimmt war, zeigt der Mortara-Fall. 1858 hatte ein 18 jähriges Mädchen ein seiner Lbhut anvertrautes Juden-Kind (Mortara) heimlich getauft Als die Sache bekannt wurde, ließ die päpstliche Regierung den Eltern diesen Knaben wegnehmen und zwangsweise christlich erziehen. Alle Bemühungen der Eltern zur Wiederlangnng ihres Kindes Edgar waren umsonst. Der Judenknabe mußte hinter gut verwahrten Klostermauern aufwachsen. Im Jahre 1887 ließ die italienische Regierung die Mauern des Ghetto niederreißeu. Den Juden brachte der Untergang des Kirchenstaates und die Einheit Italiens jene Freiheit und Menschenrechte, auf die jeder Mensch auf Grund des Naturrechts vollen Anspruch hat. Es ist begreiflich, daß inan in vatikanischen Kreisen den Wandel dieser Dinge schwer empfindet. Den strafenden Arm einer ewigen Gerechtigkeit wird man in diesem geschichtlich merkwürdigen Ereignis nicht sehen. — Der Papst, der sich als Stellvertreter Gottes fühlt und als solcher will anerkannt werden, verfolgr, quält, unterdrückt die Juden. In stolzem Ubermute fetzt er seinen Fuß auf ihren Nacken. Jahrhunderte müssen sie gleichsam als Auswurf der Menschheit — von Luft und Licht abgeschlossen — im schmutzigen Ghetto dahin vegetieren. Ihnen gegenüber gilt kein Recht, Willkür und Gewalt allein sind für das päpstliche Regiment maßgebend. Sie haben kein Recht auf Glaubens- und Gcwisseuheitsfreiheit. Aus dem Munde jedes neuen Papstes, dein sie als bürgerliche Untertanen huldigen, vernehmen sie die Verwünschung und die Verfluchung. Und jener Gott, in dessen Namen seine Stellvertreter derart gegen die Juden handeln, läßt die armen, gedrückten Juden stark, angesehen rmd reich werden. Sie zeichnen sich auf allen Gebieten des Kulturlebens aus. An der Spitze des ehemals päpstlichen Roms steht ein Jude. Nicht schimpfen, sondern an die Brust klopfen sollten sich jene, die als Nachfolger in die Fußstapfen der stolzen, gewaltätigen Judenverfolger getreten sind. Auch jetzt werden die „Modernisten" verfolgt. Wird da nicht auch einmal das Blatt sich wenden?