Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 27 (1908)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Religion, die die Herrschaft über die Geister behaupten will kann und darf nicht abseits stehen von den allgemeinen Strömungen und Bewegungen der Zeit, sie i^uß in beständiger Wechselwirkung bleiben mit dem treibenden, rauschenden Leben, si^ muß den neuen Lebenseinrichtungen, den neuen zu Tage tretenden Gedanken und Empfindungen Beachtung und Einfluß schenken, und muß die Veränderungen anerkennen^ die die geistigen, sittlichen und sozialen Strömungen mit sich bringen. Tut sie das nicht so erscheint sie als eine veraltete, überwundene Institution und ohne Beziehung und Einfluß auf die Bewegungen und Bestrebungen der Gegenwart und sie geht 511 Grupde und verdirbt, wenn sie sich dem großen, belebenden Hauche verschießt, der ibr Dasein erneuert.und verjüngt. Von solchen Gesichtspunkten und Erwägungen ausgehend haben auch wir in der Gründung unserer Gemeinde unser Wirken begonnen. Wir glauben damit dem echten Geiste des Judentums treu zu sein. Ist ja die Bibel selbst ein sprechend Zeugnis zu Gunsten der Entwicklungsidee zu der wir uns bekennen und die wir vertreten. Und vor Allem — dies ist bis jetzt noch nicht genug betont worden — unsere Religion sie ist ebensowohl Geschichte wie Lehre und Gesetz. Und sie ist Geschichte um Philosophie der Geschichte zu sein, um die vorwärtsschreitende Idee im Herzen der Menschen zu befestigen. Es ist beachtenswert, daß die Schrift auf den Ausdruck des „Neuen Bundes" geschlossen zwischen dem Menschen und Gott, den beständigen Aufstieg des religiösen Gedankens bewirken will und die Bezeichnung „Neuer Bund" entspricht ganz dem was man heutzutage als ein neues Moment der Entwicklung im Geistesleben bezeichnet. So hat beispielsweise der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele erst in verhältnismäßig später Zeit im Judentume Eingang gefunden und es würde uns ein Leichtes sein, seine zahlreichen Neuerungen sogar im Verlaufe der altktassisch-biblischen Zeit hervorzuheben. Es möge hier nur eine hebvorgehoben werden aus dem dritten Buch Moses Cap. 16), wo uns mitgeteilt wird, daß in Folge des Todes der Söhne Ahrons neue Vorschriften ausgestellt wurden, die uns klar dartnn, wie neue Erfahrungen auch neue Anordnungen und Umwandlungen im Gefolge hatten. Sicherlich gab es in späterer Zeit in den Tagen des großen Propheten Jesaias Jichen, die von Gottlosigkeit sprachen, als Hiskia die von Moses angebrachte eherne Schlange entfernen ließ, wie es auch, um aus der letzten Epoche unserer Geschichte zu sprechen führende Geister gab, die Mosens Mendelssohn als Heiligtumsschänder betrachteten und behandelten. Aber gerade die Geschichte, gerade die Tradition bringt uns auf allen ihren Stufen den Beweis von per Anpassung des Judentums an neue Berhättnisie. Es wäre von hohem Interesse, dieses Zeugnis der Geschichte zu verfolgen, wenn es nicht zu weit führen würde. Es genügt hier im. Allgemeinen anszusprechen, daß die Behauptung, die vielfach aufgestellt wird, als hätte das Judentum seit der Zerstörung des zweiten Tempels stille gestanlen falsch ist. Im Gegenteile, in Wahrheit bat es sich vielmehr lebendig entwickelt, und ist das sprechendste Zeugnis dieser seiner fruchtbaren Entwicklung unk >ie Tradirion selbst Lebensdetatigung.