Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 11-12 (1.11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- Seite 258 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2969669-2970002-2970013--8129-2978832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
258 Wenn der Talmud die Fortsetzung des Jezechiel, des Priesterkodex und der übrigen Gesetzesteile der Bibel ist, so kann man vom Chassidismus und seinem Wesen behaupten, es wehe in ihm der Geist der Psalmen. Denken und Schauen jind da von hohem Schwung, ein starkes Gefühl von Welt und Natur wohnt inne, un) der Mensch bebt vor seinem Gotte und fühlt.sich eins mit seinem Gott. — Der Mensch im Chassidismus erkennt die Unermeßlichst des Alls und die unzähligen Welten, welche die himmlichen Sphären bevölkern, aber das kriegt ihn nicht klein, daß er sich sagen soll, was bin ich mit meinem Leben gegen dies alles Große und Erhabene und was sott ich mit meinem Tun? umgekehrt, der weite Blick erhebt ihn und bekehrt ihn,- daß er Teilhaber dieser aller Welten sei, und ihren Sinn zu deuten habe. — Der Chassidismus ist' eben deshalb so beachtenswert und wirft ein ganz neues Licht auf die jüdische Volksseele, weil er wieder zur Natur griff. Und man bedenke, unter einem fremden Himmel, in-der Ukraine und in Polen entstanden Menschen, die Gott mit derselben Kraft suchten, wie Rabbi Elieser und Rabbi Akiba. Moses weidete die Schafe des Jithrah und kam in die Wüste und sah den Dornbusch brennen, und die Stimme Gottes sprach zu ihm inmitten der heiligen Stille; und Jahrtausende nachher mußte der Stifter des Chassidismus Israel Baal Schem fern von Menschen zwischen hohen Bergen sich seinen Gott suchen. Wo war die Schrift, die dazwischen lag? Wo war die große Kette der Tradition,. fragt man sich. Wo waren die unzähligen frommen Bücher voll Gottesfurcht und Aufschluß über die Bestimmung des Menschen, daß man unter freiem Himmel dies alles sich von neuem erst entziffern mußte. ^Wie eine unendliche Trauer legte es sich in der rabbinischen kabbalistischen Zeit um das jüdische Herz. Seit dem der Tempel zerstört wurde, ist der prophetische Geist versiegt und nur durch fromme Taten und Erfüllung der, Gebote kann man sich Gott nähern. Der nationale Zusammenbruch, sagte man sich, ist nur ein kleiner Teil der Sühne für die schwere Schuld; das Ganze ist erst durch das lange Exil abzutragen. — Die schweren Schläge vc n außen vermehrten noch den Druck, und die Welt war dem Menschen wie mit Bretl ern zugeschlagen. Da kam der Chassidismus und mit ihm das befreiende Wort. Im Chassidismus wir!) alles, auch das Kleinste im Leben als Symbol betrachtet und alles gleich gewürdigt. Nie waren die Menschen von solcher Ehrfurcht für das Leben ergriffen, wie die Vertreter des Chassidismus und nie war der Mensch in solchem Kontakt mit dem großen Werden. Hier stehe ich — so fühlte der chassidische Heilige — und mit meinem Sinnen und Trachten umarme ich die Welt. Was ich erlebe, ist nicht nur mein Leben, sondern die Entfaltung des Ganzen und die Leitung einer göttlichen Fügung, die tausend Dinge zusammenkettet und tausend Wege einschlägt, um zu einem zu gelangen. Gott ist das Eine und das Viele, das Unerforschliche und das