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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-11-01 · Heft 11-12 (1.11.1906) · p. Seite 257

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 11-12 (1.11.1906)
Date
1906-11-01
Page
Seite 257 (sequence 19)
Language
German
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einige« über den Cbaflidtentns. Von Dr. M. I. Berdyczewski. Professor S. Schechters Essay über den Chassidismus, der vor nicht langer Zeit in deutscher Sprache im „Jüdischen Verlag" in Berlin erschienen ist, ist trotz seines nicht großen Umfangs von Bedeutung, schon als Fakt. — Gerade, weil die offizielle jüdische Wissenschaft bis auf kleine Ausnahmen den Chassidismus stiefmütterlich und als etwas Unebenbürtiges behandelt hat, ist es sehr zu begrüßen und gewährt eine Genugtuung, daß einer der Männer der jüdischen Gelahrtheit, dem die volle Anerkennung gezollt wird, so ehrlich und offen für den Chassidismus in die Schranken trat. Und in der Tat birgt die Lehre des Chassidismus in sich viel mehr als je geahnt wurde, und wer ein Bild vom Gang des Judentums haben will, ohne diese religiöse Bewegung und ihre historische Stellung in Betracht gezogen zu haben, gleicht einem, der beim Lesen eines Buches einen der wichtigsten Teile desselben überschlägt. Ich bin kein Freund von Gleichnissen, aber die bekannte Parabel von Lessing bon den drei Ringen könnte mit gutem Recht auch innerhalb des Judentums angewendet werden: das biblische, talmudische und chassidäische Judentum sind die drei großen Hinterlassenschaften der religiösen Kultur des jüdischen Volkes, und sie ringen um die Herrschaft in diesem Volke mit einander bis auf heute . . . Das talmudische Judentum, trotzdem es durchaus neu war, eine neue Ethik predigte und eine neue Art zu leben erzielen wollte, konnte als Ausleger des biblischen Schrifttums und als Nachfolger des Vorigen seine Stellung behaupten. Dagegen trat der Chassidismus, wie seine Vorgängerin die Kabbala in offene Feindschaft zum rabbinischen Judentum, wenn er auch an viele talmudische Sätze und Aussprüche desselben anknüpfte und sie auszulegen meinte. Ein seltsames Spiel tut sich uns hier kund: die Fesseln der Vergangenheit werden nicht abgestreift und doch wird frei geschaltet und gewaltet und neues geschaffen in altem Gewände. — In der Philosophie haben wir ein ähnliches Bild vor Augen: Spinoza steckte über und über in den scholastischen Formeln und doch fand er seinen Weg zu der großen Freiheit. — Es wurde vielmal die Frage aufgeworfen, warum man dem Chassidismus solche Originalität beimißt, da doch dein Kenner nicht entgehen kann, daß er vieles von der Kabbala entlehnt hat, sich ihrer Terminologie bedient und in vielen Dingen vom Sohar und anderen klassischen Schriften abhängig ist. Und die Antwort wäre die: das Neue im Chassidismus ist das Lebendige in ihm. . Was in der Kabbala nur. Sache der Schrift war, ist im Chassidismus Sache des Lebens und hat den großen Pathos des Lebens. Und ist dies ausgesprochen worden, sind wir auf das Wesentliche im Chassidismus gekommen. Die Kabbala gegen den Chassidismus gewogen ist wie die Weisheit der Gleichnisse Salomonis gegen die hinreißende Kraft eines Jesaias und Jeremias.

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