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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-11-01 · Heft 11-12 (1.11.1906) · p. Seite 250

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 11-12 (1.11.1906)
Date
1906-11-01
Page
Seite 250 (sequence 12)
Language
German
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250 zurückstehen? Lange genug mugten wir uns diesen Vorwurf mit Recht gefallen lassen. Es ist endlich an der Zeit, daß Wichtiger noch als die äußeren Gründe für den systematischen Ausbau des bibelkritischen Unterrichtes auf der £ das Eine: Wer sich eingehender auch als Laren die in der Bibel und Gegensätze auf. Diese Wies' bei einer kritischen Betrachtung lernt sie als das auffassen, was wir ihn durch die Tatsachen entkräften. berstufe erscheinen mir die inneren Gründe. Bor allem mit der Lektüre der heiligen Schrift befaßt, dem fallen enthaltenen mannigfachen Wiederholungen, Widersprüche derholungen, Widersprüche und Gegensätze aber werden des Bibetwortes ohne weiteres verständlich. Der Leser sie sind: das natürliche Ergebnis einer Verschmelzung der in verschiedenen Zeitperiodm entstandenen Schichten des biblischen Schrifttums zu einem einheitlichen Ganzen. Und was bei jedem in solcher Weise zusamrnengetragenen Werke unvermeidlich ist, das macht sich auch bei der Bibel geltend': sie kann den .Charakter des allmählich Gewordenen nicht verleugnen. Diesen Charakter aber im Interesse der gerechten Würdigung -der heiligen Schrift dem Verständnis der reiferen Schüler zu erschließen, ist der bedeutsame Zweck des bibelkritischen Unterrichts auf der Oberstufe. Man kann diesen Ziveck nicht leicht zu hoch bewerten. Wenn ich vorhin sagte, es sei für die religiöse Wirkung eines Psalms gleichgiiltig, in welchem Zeitalter er gedichtet wurde, so sage ich jetzt.: es ist aber für die literarische und religionsgeschichtliche Beurteilung der Bibel noch lange nicht gleichgültig, ob man die in ihr enthaltenen Widersprüche, Gegensätze und Wiederholungen ruhig hinnimmt und dadurch den Wert der biblischen Bücher naturgemäß herabdrückt, oder ob man in ernster, kritischer Betrachtung diese Eigentümlichkeiten zu verstehen sucht und die vorhandenen Schwierigkeiten löst. Jeder objektiv Denkende wird zugeben müssen, daß der zuletzt genannte Weg der allein gangbare und angemessene ist, um zu einer gerechten Würdigung der Bibel zu gelangen. Und wenn wir dieses Ziel bei den Schülern der Oberklässe durch den bibelkritischen Unterricht erreichen, dann dürfen wir uns, glaube ich, zu dem Erfolge beglückwür scheu. Wer könnte ferner bestreiten, daß die kritische Behandlung des biblischen Schrifttums auch zu einem t.ieferen Verständnis der poetischen Schönheiten führt, die wir in ünzelnen Schichten der heiligen Schrift stets aufs neue bewundern müssen! Der hohe dichterische Wert, der — um nur ein Beispiel anzuführen — den naiven Erzählungen des Jahwisten eignet, kann nnr durch einen bibelkritischen Unterricht den Schülern zum klaren Bewußtsein gebracht werden. Dasselbe gilt von der allmählichen Entwicklung des jüdischen Gottesbegriffes. Nur eine kritische Würdigung der biblischen Bücher läßt uns den Weg verstehen, den der jüdische Gottesbegriff aus der Tiefe der mit anthropomorphen Vorstellungen durchsetzten Anschauungen der Urzeit bis zu der glanzvollen Höhe des ethischen Monotheismus unserer Propheten allmählich zurückgelegt hat. Ich denke, das sind Momente, die den systematischen Ausbau des bibelkritischen Unterrichts in den Oberklassen unserer Gymnasien geradezu als eine zwingende Notwendigkeit erscheinen lassen. Über seine Berechtigung braucht man kein

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