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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-10-01 · Heft 10 (1.10.1906) · p. Seite 221

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 10 (1.10.1906)
Date
1906-10-01
Page
Seite 221 (sequence 7)
Language
German
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221 So entwickelten sich die Din^e bis zur Zerstörung Jerusalems durch die Römer 72 n. Chr., um welche Zeit die Gesetze, die an Palästina geknüpft waren, ihre Verbindlichkeit verloren. Aber deshalb wwsde das Nomistische dennoch in noch höherem Maße der hervortretende Charakterzug des! Judentums. Es läßt sich nicht leugnen, daß das Gesetz in vergangenen Tagen viel Heiligkeit in der Mitte Israels erzeugt hat. Aber das Gesetz hatte auch seine Schattenseite^, die in religiösen Mißbildungen und Verirrungen in Erscheinung traten. Dem liberalen Judentum sind die Gesetze' zur hohlen Hülle, zur geistlosen Form, zum leeren schein geworden, weil ihm die! Glaubensauffassung der Orthodoxen nicht zu eigen ist. -Im siebenten Kapitel, welches!die Überschrift: die Zeremonialsatzungen und die Synagoge trägt, schreibt M.: Wenn man glaubt, daß der Pentateuch, wie er uns heute vorliegt, unmittelbar von Gott kommt, dann sind die Bestimmungen „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst" und „Ein Gewand von gemischtem Stoff verschiedener Art soll nicht auf deinen Körper kommen" gleichwertig. Wenn man aber an dieses Dogma nicht glaubt, so kommt man leicht zur Anschauung, daß eine Satzung, die vor zweitausend Jahren von Wert war, heute nicht unbedingt auch wertvoll sein muß. Man kann zugeben, daß das Gesetz bei jber im besten Sinne zähen Raffe die Tore des Monotheismus gehütet und bewacht hat und Israel eine zusammenhaltende Kraft verliehen. Doch kann der' liberale Jude unbedingt nicht verkennen, daß das Gesetz, wenn es auf der einen Seite die Juden durch die dunklen Zeiten der Verfolgungen zusammengehalten, aus der anderen Seite auch ^ungünstig beeinflußt hat, denn es hat eine unnötige Sonderstellung herbeigeführt und dazu geführt, daß die jüdische Frömmigkeit viel mit Kochen und Essen zu tun hat ünd bewirkt, daß die spöttische Bemerkung, daß das Judentum eine Küchenreligion sei nicht so ganz ohne ist. Im Bezug auf die Speisegesche meint M.: Was wir essen und was wir nicht essen , sollen, kann uns besser-und richtiger ein moderner Spezijalarzt der Diätetik vorschreiben, als ein Gesetz, das vor mehr als 2000' Jahren geschrieben wurde. Im achten und neunten Kapitel finden wir Auslassungen des Verfassers über Sabbat und Löste. Die Sabbatfrage ist eine der schwerwiegendsten des modernes Judentums. Die Notwendigkeit, am Sabbat zu arbeiten, ist bei Vielen da. Es wäre nicht unverständig, meint M., eine Verlegung des Sabbats auf den Sonntag zu befürworten. Da aber vorerst keine Aussicht vorhanden ist, daß sämtliche Juden hierin Wandel schaffen wollen, muß man dazu greifen, am Sabbat wenigstens 2 Stunden von den 24 für den Gottesdienst zu retten und wäre seiner Ar sicht nach ein Familiengottesdienst am Freitag Abend zu empfehlen. Man sollte das Schwergewicht in Synagoge und Haus auf den Freitag Abend, der ja auch geschichtlich hurch eine ganz besondere Weise ausgezeichnet war, legen. Der Gottesdienst jedoch mu^ im Ganzen ein mehr abendländisches Gepräge annehmen und auch die Sprache des Gottesdienstes hauptsächlich die des Landes sein. Der Gebranch des Hebräischen ist ja keine Satzung des Pentateuchs. Man will das Hebräische beibehalten, damit jeder Jude in jeder Synagoge der Welt zu Hause sei.

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