Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 9 (1.9.1906)
- Date
- 1906-09-01
- Page
- Seite 198 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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198 mächtige ist viel zu erhaben, als daß er sein Tun vor Menschen rechtfertigte. Darum spricht Elihu l)as lösende Wort, und Gott stimmt, dem schweigend zu, indem er wohl die alte Vergeltungstheorie der Freunde als Vermessenheit geißelt, aber gegen Elihns Lösungsversuch keinerlei Bedenken äußert. Solist die Gottesrede das gewaltige Amen zu Elihns Predigt. Bereits bei dessen Darlegung hatte Hiob demutsvoll geschwiegen und in seiner Seele, siegreich mit den finsteren Mächten des Zweifels gerungen. Nun hat er den Frieden gefunden. Jetzt weiß er, man kann am Aussatz sterben und doch in Gottes Gnade stehen. Jetzt ist ihm nicht mehr das „Warum", sondern das „Wozu" des Leides wichtig. Jetzt ahnt er Gottes Liebesabsicht: D^rch Leid soll der Mensch nur gottinniger werden. Dieser Gott kann nimmer den Freunden Recht geben; wird doch an seinem Geschick die neue Wahrheit deutlich. Nicht nach dem Leid soll man des Menschen Güte beurteilen, sondern nach der Güte des Menschen muß man sein Leid erklären. Dem Hiob braucht jetzt Gott keine positive Lösung der Theodicee zu geben, er steht innerlich bereits jenseits solcher Anfechtungen. Deutlich steht's vor seiner Seele: Wo Leid ist, soll Liebe geübt werden. Wo Leid ist, will Gott den Menschen zu immer höherer sittlicher Vollendung führen, weil nur darin des Menschen wahres Glück liegt. Den wissensstotzen Freunden aber zeigt der Herr: Ein Blick auf die vielen Geheimnisse in Weltentstehung und Weltbestand belehrt uns, daß eine übermenschliche Intelligenz im Hintergründe des Weltalls thront, die kein Mensch in ihrem Weben und Wirken begreifen kann. Zui diesem Wettgeist muß man das Vertrauen haben, daß er zu vernünftigen Zwecken auch! Übel unter die Wettmomente gemischt har, wenn man auch in Einzelfällen des Lebens diese Zwecke nicht mit Sicherheit zu ermitteln vermag.') So ist denn unsere Dichtuüg ein gewaltiger Ruf zur Absage an den ^zaghaften oder verzweifelnden Pessimismus Nicht ein hohes Lied des Weltschmerzes, sondern ein Triumphgesang der Welterlösung! ist dieses erhabenste Gedicht der Weltlitteratur. Ein Seelendrama -’) möchten wir es nennen; mit Goethes Iphigenie hat es gemeinsam, daß es uns tief in die Gesinnungen blicken läßt, mit des Dichters Tasso die feine, zarte, durchsichtige Charakt^rzeichnung. Scharf Umrissen stehen die vier Freunde ') 38 —41. Man hat gerügt, daß der Epilog Hiobs Geschick sich in Glück wieder ver wandeln läßt, weil dadurch der ideale Gehalt des Gedichtes wieder verloren gehe. Lolche Bedenken vergessen, daß es im Wesen der Bolkslegenden, in die der Dichter seine Gedanken ver webt, tief begründet lieg, die Wunden des Herzens durch die Aushebung der Ordnung der Natur zu begreifen, Lohn und Strafe in seinem „Kätchen von Heilbronn" die Heldin am Schlüsse als Königstochter erscheinen, die dem Grafen dann ihre' ebenbürtige Han!) reicht, und begnügt sich nicht damit, die Macht der Liebe über den Stolz des Ritters zu triumphieren zu lassen, vgl. Biographische Essays von Heinrich von Treitschke in der deutschen Bücherei. Band 30. S. 55. 2) Über die Form des Buches vgl. Merx, das Buch v. Hiob 1873, Hupfeld, Ztichr. für christl. Wissen 1840 No. 35 f. Bann, der allersinnlichsten Form darzustellen. Auch Kleist läßt üi in Stnd. u. Krid. 1856, S. 3.