Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 183 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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ländische Kultur" gestattet wird, die bis heute keine anderen als handgreifliche Spuren ihrer segensreichen Tätigkeit hinterläßt? Nein, wer wie Herr Chamberlain glaubhaft machen will „das Judentum sei ein offener oder versteckter Feind jedes anderen Menschen, eine Gefahr für jede Kultur", der müßte, wenn anders er Anspruch auf Objektivität macht, vorerst den Nachweis erbringen, daß das Judentum, wie es an sich erscheint, beleuchtet vom Lichte seines Schrifttumes, seiner Thora, seiner Lehre, seiner unverbrüchlichen Überzeugung, dieser Verdächtigung entspricht. — In Ermangelung dieses Nachweises jedoch hat Herr Chamberlain, wenn auch unbewußt, die Wahrheit gesprochen: ja das Judentum ist ein Feind jener sogenannten Kultur, die zum Schaden der Gesellschaft sich breit macht, die für den freien Geist womöglich öffentliche Aich- und Münzämter errichten möchte, in denen man die Rationen des Geistes und des Wissens den! Menschen nach der Breite und Länge ihrer Schädelbasis zumeffen sollte, jener sogenannten Kultur, welche für die Erwerbstätigkeit wiederum Kasten und Klassen äu drängen möchte in die Zeit der Kultur, welche Forschungen in des alten Mumienreiches gehören, 'richten, die Regungen des Menschenherzens zurück- Hexenprozesse, der Ketzergerichte, jener sogenannten Büchern niederlegt, die zur Gattung der Totenbücher welche selber eine ständige Gefahr jeder wahrhaften Kultur ist, welche — der Vergangenheit angehört. Gewiß ein offener — wozu die Umschweife — kein versteckter Feind einer solchen Kultur ist es. Aber ein warmer Freund jener Kultur, die leider noch immer das Ideal der Zukunft bildet, deren Ziele im wesentlichen darin bestchen: In wissenschaftlicher Hinsicht: Befreiung von jeglichem Autoritätskultus; in sozialer: Beseitigung aller absolutistischen und Förderung aller konstitutionellen Zustände; in humanitärer Beziehung: Die Einigung aller Menschengeschlechter unter dem Banner der^Brüderlichkeit. Auch das sind Grundlagen, freilich nicht bloß des 19ten Jahrhunderts, nein, aller kommenden Jahrhunderte! Und was nun „das sogenannte Mißtrauen der Hochbegabten und den Abscheu des Volksinstinktes" gegen uns betrifft, von welchem Herr Chamberlain spricht, so dürfte nach allem bisherigen auch diese Behauptung zu jenen Stützen der Grundlagen des „19 ten Jahrhunderts" gehören, deren Solidität sich bereits ziemlich wankend erwiesen und die das Vertrauen in die Festigkeit der onderen „Grundlagen" nicht unerheblich erschütterten. Herr Chamberlain hat wie man sich erinnert, diesen angeblichen „Abscheu des Volksinstinkts" an einem Beweis aus dem Leben gegriffen a<l oculos demonstrieren wollen; u. z. auf Kosten des gefeierten französischen.Schriftstellers Anatole Leroy- Beaulieu, also auf Kosten dev Wahrheit. Diesem Gelehrten vindicierte nämlich der Verfasser unserer „Grundlagen" die Tatsache zu, derselbe habe in einer seiner Schriften an seiner eigenen vierjährigen Enkelin diesen „Abscheu" gekennzeichnet. *) Leroy- Beäulieu wies natürlich diese Zumutung mit Enttüstung zurück. Hierauf wich 9 Grundlagen I, 498.