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Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen · 1906-08-01 · Heft 8 (1.8.1906) · p. Seite 181

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Journal
Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
Volume
26 (1906)
Issue
Heft 8 (1.8.1906)
Date
1906-08-01
Page
Seite 181 (sequence 15)
Language
German
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so ftmrb der Mensch zu einem beseelten Wesen"/) fortan führt jeder Mensch, um mich so auszudrücken, den Marschallsstab gesellschaftlicher Vollendung in seinem Tornister; fortan heißt es: „Selbst ist der Mann"; fortan verliert das Wort seine Gültigkeit, daß der Mensch erst mit dem Baron anfange. Und lebendige Gestalt hat dieser Protest gegen gesellschaftliche Rückständigkeit in den öffentlichen Wohlfahrtseinrichtüngen unserer Zeit für die sogenannten Stiefkinder des Glücks angenommen. Die Staaten des Altertums sie haben jene, die an der Schattmseite des Lebens geboren, vom Standpunkt eines vermeintlichen öffentlichen Wohls i verstoßen — heute werden diese Unglücklichen gerade im Gegenteil von Staats- . wegen persorgt mit ihrem harten Schicksal versöhnt, gewissermaßen unter behördlicher Patronanz geborgen in Armenasylen, in Krankenpalästen, in Zuständigkeitserklärjungen an Auswärtige usw. Nicht nur bedauerns- und bemitleidenswerte Geschöpfe — das wäre ein billiger Trost, mit dem ihnen wenig geholfen wäre — nein, teilnahms würdige Wesen erblickt man in ihnen, die im Haushalte der Gesellschaft ein vofles Anrecht auf unsere — Hilfe haben. — Mag ihr körperlicher Defekt noch so. bedeutend sein, sobald nur kein nwralischer vorliegt — und das ist die Errungenschaft der modernen Kultur — räumt man auch ihnen rückhaltlos den Anspruch auf einen Platz ah der Sonne ein. Ist es nun nicht der Geist unseres Schrifttums, dessen Einfluß auf die moderne Gemütsrichtung sich auch hier geltend gemacht? * Denn sehen wir, wie dasselbe der humanitären Kulturfrage sich gegenüberstellt: An den drei Freudenfesten da hören wir die lapidaren Worte der Bibel: „Es wird der Arme niemals schwinden aus der Mitte des Landes; allein Deingemeinnütziges Streben es bestehe darin, daß kein Dürftiger neben Dir leide."') Und an dem allerheiligsten Tag, am Bersöhnungstag, wie ruft uns da der Prophet zu? „Fürwahr Dein Brot dem Hungrigen reichen, dem Darbenden Sättigung und verschämte Arme in Dein Haus bringen, das ist der Tag, den ich erwähle."») Und dieser Ruf er fand hier wahrlich keine tauben Ohren; auch blieb er da nicht etwa eine „versteinerte^Moral", wie man sich auszudrücken für gut fand. Vom traulichen Familienabend, vom Seder heißt es im Talmud: „Selbst der Ärmste solle an demselben — aus der Volksküche gespeist werden.'") Und heute? Wer nimmt denn jetzt den jüdischen Gemeinden die Sorge um die eigenen Armen und Kranken ab? Oder ist etwa mit der Hilfeleistung für diese die humanitäre Wirksamkeit derselben erschöpft? Läßt man dieselben etwa zu Gunsten der allgemeinen, öffentlichen Armenpflege, der Wissenschaft und Kunst, der Pflege alles Edlen und Schönen ungerupft? Gewiß, die Juden sind die letzten, die von solchen Pflichten sich lossagen. Aber sie amüsieren sich darüber, wie dev Ingrimm auch aus ihr Kapital sich erstreckt. Dieses Kapital, wo man dasselbe nur ergreifen kann, da wird es spurlos ') I. B. M. 2, 7. 2) V. B. M. 15, 11. 3) Jesajas 58, 7. *) Pesachim 99.

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