Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 179 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2969669-2970002-2970010--8035-2978735- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
T — 179 Dje rechtschaffene Bearbeitung der Scholle sie ist der ureigentliche Charakter des Judentums. Alles Gegenteilige haben die düsteren Verhältnisse gezeitigt. Nein, auf dem Boden des Judentums, da war für Arbeitsscheu und darum auch für Engherzigkeit gegen arbeitsuchende Menschen.kein Raum; da konnte jener schöne Sinnspruch erblühen: „Melochoh, Meluchoh“: Arbeit sie gewährt dem Menschen Selbstbewußtsein, Sicherheit! Unser Schrifttum sowohl, wie unser Volkstum, sie wetteifern also in regem Bestreben um die Verherrlichung der Arbeit. Sie bilden gewissermassen einen getreuen Dolmetsch jenes'weiteren Grundsatzes, als dessen Urheber der französische Staatsmann Charles Fourier (1776 Besamon) zu betrachten ist und. der da lautet: „droit au travail*4: Das Recht auf Arbeit; ein Grundsatz, der aber leider seine bittere Ironie in dem düsteren Loos unserer entrechteten Brüder des östlichen Barbarenreiches findet. Ei.n Reich, in dessem traurig berühmten „Ansiedelungs-Rayon" die Juden nach Arthur Ruppins statistischen Daten fast 40°/o Fabriksbesitzer, über 500,000 Handwerker, an die 100,000 ungelernte Lohnarbeiter stellen, welch ein wirtschaftliches Kapital geht da zu Grunde zugleich mit der Unsumme von brachliegender Betriebsamkeit, welch ein Defici^ der abendländischen Geschichte und Kultur am Anfang des 20ten Jahrhunderts, seitdem eine grausame, entmenschte Staatsmaxime jene Armen, wie die Tiere ungehindert zusammenpferchen und deren arbeitswilligen Hände erbarmungslos fessellr darf! — Wenn nun demgegenüber behauptet wird, der Jude sei arbeitsscheu, so heißt doch dies wohl nichts anderes, als die Ursache mit der Wirkung verwechseln; übrigens eine Methode, die schon Pharao in Ägypten anwandte, der ja auch seinen geknechteten Israelitin sogar das Stroh für die Ziegelbereitung vorenthielt und hinterher Zetter und Gewalt schrie: die Juden — seien faul und lässig! Ja auch Chamberlain ist so ein Pharao im Kleinen; und da ihm das Wasser des großen Nil nicht zur Verfügung steht, um womöglich alle Juden darin zu ertränken, jttiut so versucht er dies Geschäft augenblicklich mit — einer Unmenge von Tinte, die ja billig zu bekommen ist. Aber mit solchen Mitteln macht man keine Weltgeschichte, darauf baut man doch nicht die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen „Grundlagen d^s Jahrhunderts". Chamberlain stellt einfach die Tatsachen auf den Kopf und ruft dann mit stolzer Emphase: Schaut nur an, wie verkehrt diese Dinge sind! Er hatnur offenen Blick für die Schattenseiten, welche die Zeit hervorgebracht, aber gegen die Hellen Lichtseiten des Judentums verschließt er nicht nur das eine, nein, nach bewährten Mustern sogar beide Augen. Betrachtet man aber die Anschauungen des Judentums über die Arbeit als solche im Lichte unseres jüdischen Schrifttums, dann nehmen «sie sich denn doch etwas anders aus. Zeitgemäß erscheinen dieselben freilich dann ar!lch nicht. Nicht etwa deshalb, weil sie hinter der Gegenwart zurückblieben, o nein, wm die Gegenwart vielmehr die ideale Höhe derselben noch lange nicht erreicht hat.