Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 8 (1.8.1906)
- Date
- 1906-08-01
- Page
- Seite 177 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2969669-2970002-2970010--8033-2978733- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
177 Hier im biblischen Schrifttum ist ferner längst schon die prägnante Lösung geboten für eine weitere moderne Külturfrage für den obligaten wöchentlichen Ruhetag: „Auf daß ruhe Dein Knecht Und Deine Magd so wie Du."') Wollte ich die Arbeiterkreundlichkeit im Lichte des jüdischen Schrifttums erschöpfend schildern, ich müßte Hier ganze Wochenabschnitte aus dem 2ten und dem 5ten Buche Mosis wörtlich wiebergeben. Es ist der berühmte Arbeiterfreund und französische Denker Proudhon (geb. 1809 in Besannen), der die zivilisatorische Bedeutung des biblischen Sabbates mit den Worten jwürdigt, daß „im modernen Denken noch keine einzige Institution erdacht, erschaffen vard, die an Wohltat für das arbeitende Volk dem biblischen Gesetz über den 7ten Ruhetag auch nur annähernd sich vergleichen ließe." Und wenn von einem französischen König — es war König Heinrich IV., gegen Ende des 16ten Jahrhunderts — wenn von ihm gesagt wird, er habe den Wunsch geäußert, daß er nicht eher ruhen wolle, als bis jeder Bewohner Frankreichs am Sonntag sein Huhn im Topfe habe, so ist ja di< ser Wunsch gewiß sehr löblich, aber satt werden konnten seine Leute von diesem Wunsche nicht; auch kam es unmittelbar nach Heinrich IV. über diese edle Absicht nicht hinaus, namentlich unter den ihm nachfolgenden Staatsmännern: Richelieu und Mazarin. Das jüdische Schrifttum es hat sich soweit nicht verstiegen; ihm war es nicht so ehr um das Huhn für seine Anhänger zu tun als vielmehr um reale, erreichbare Tat ächen, um praktisch erfüllbare Fragen, wie sie die moderne Kultur beschäftigen, uni Brot für sie und Weib und Kind, um Freiheit von Leib und Leben und Überzeugung des Arbeiterstandes. Denn was bedeutet anderes die Bewegung unserer Zeit für jba§ sogenannte allgemeine, öffentliche, direkte Wahlrecht? Und wie lautet nun in dieser Hinsicht das Prophetenwort: „Ein Jeglicher möge ausruhen unter seinem Weinstoch unter seinem Feigenbaum (d. h. unter-eigenem Dach) und Niemand drohet fürderhin?") - Der vor Kurzem Heimgegangene Wiener Nationalökonom Anton Meng er er gab diese» Zielen in einem seiner letzten Werke Ausdruck: „Das Recht auf den Arbeitsertrag".^ Wie hätte er gestaunt, diese Gedanken auch hier — im Talmud wiederzusinden! Hier wird unter den 12 Folianten in den sogenannten „drei Pforten" das gefachte Privatrecht behandelt. ' In der ersten Pforte, Lad» kama: das peinliche oder Strafrecht; in der zweiten, Lad» mezia.- das Lohn- und Mietsrecht; in der dritten Baba dathra. das Besitz- und Grundrecht. Die zweitgenannte sie bildet gleichsam eine einzige laute Stimme für das Arbeiterrecht, aber nicht nur gegen die Vergewaltigung derselben sin jener, nein auch in unserer Zeit. Es genüge eine unter unzähligen Stellen: Die Auseinandersetzung der Ansprüche des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber; u. z. an einem bestimmten Rechtsfall. Dieselbe gipfelt in dem kennzeichenden Beschluß: „jad hapoel al boeljünoh"; Der Arbeiter er habe die Oberhand?) ') V. B. M. 5, 14. *) Micha 4, 4.. ') Wien 1905. 4) Baba mezia S. 75.