Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 7 (1.7.1906)
- Date
- 1906-07-01
- Page
- Seite 162 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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162 großen Sänger auch oft die Pfadfinder ihres Volkes. Man muß freilich den Schöpfungen des Genius mit feiner Anempfindung nachgehen, um die Idee einer Dichtung in ihrer vollen Wahrheit herauszuspüren. Das gilt zumal beim Buche Hiob, dessen Verständnis bei näherer Beschäftigung erhöhten Genuß, aber auch eine Menge ungeahnter Schwierigkeiten ') bietet. Für unseren Zweck empfiehlt es sich, zunächst den Gedankengang dieser wahrhaftgroßartigen Dichtung in sorgfältiger Analyse schürf Umrissen vorzuführen. Im Prolog2) — dem Vorspiel im Himmel — plant Gott, dem zweifelnden Satan zu beweisen, daß es selbstlose ideale Frömnligkeit gibt, die ihren Lohn in dem Liebesbunde mit Gott erblickt und ihm treu bleibt auch in Leid und Heimsuchung. Zn solcher Aufgabe ist der fromme, untadelige Hiob erkoren. Die schwere Krankheit, der Aussatz, mit dem er behaftet ist, soll ihn zu größerer Verherrlichung führen. Das erfährt der Leser aus der Beratung Gottes mit seinen himmlischen Dienern. Hiob und seine Freunde kennen das große Geheimnis nicht. Erst am Ende der Irrungen werden auch sie dessen inne, daß der Dulder auserwählt ist ein leuchtendes Vorbild zu sein für die Menschheit in der selbstlosen Hingabe an Gott. Schweres ist dem einst so glücklichen Manne auferlegt.. Der Habe und der Kinder beraubt, unheilvollem Siechtum verfallen, unverstanden von dem beschränkten, engherzigen Weibe, verkannt von den im alten Bergeltungsgtauben, dem Leid nur durch Schuld erklärlich ist, befangenen Freunden^ verwünscht er den Tag seiner Geburt?) Denn wozu leben in so unsagbarem Elend? Darauf nimmt Elisas das Wort, unter den Freunden der besonnenere und mildere Verteidiger der volkstümlichen Gerechtigkeitslehre. Doch auch er vermag nicht die Fesseln der starren, lieblosen Theorie zu sprengen, so hört er ans dem Angstschrei des zum Tode gequälten Mannes ohne Mitleid nur die verzweifelnde Absage an die Gerechtigkeit Gottes. Er rechtet mit dem lebensmüden Kranken, statt ihn durch tragende Liebe im Leide aufzurichten. Nicht unerklärlich sei Hiobs Elend, Erfahrung und Offenbarung bestätigen es: Nur aus der Sünde keimt das Leid. „Zähst du je die Unschuld zu Tode kommen, die Redlichkeit im Elend umgebracht? Wer Mühsal sät, dem wird es nimmer frommen, wer Unheil ausstreut, sinkt in Unheils Nacht"4) Noch deutet er's nur an, ohne es in dürren Worten herauszusagen, daß auch Hiobs Siechtum nur eine Folge der Versündigung sei. Er überläßt dem Kranken diese Anwendung auf sich zu machen und prüft das selige Geschick dessen, der Gottes Zucht geduldig trägt. ") So liegt denn gleich in der ersten Ansprache der Freunde das n^onov xfjtvdoc, ihr erstes Unrecht: Elisas kennt Hiobs Frömmigkeit, nicht kränkende Borwürfe, lindernde Liebesworte hätte er bieten müssen. Das fühlt Hiob. Er belehrt die Freunde: „Den Verzagten gebühret von seinem Nebenmenschen Mitleid, selbst wenn er des Herrn Verehrung aufgegeben,"") er ver- ') vgl. Franz Herrmann, das Buch Hiob, Vorwort. 2) Hi., 1 u 2. 3) c. 3. 4) c. 4, 7. 8. :,i c. ö, 17 ff. 6) c. 6, 14.