Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Journal
- Populär-wissenschaftliche Monatsblätter zur Belehrung über das Judenthum für Gebildete aller Confessionen
- Volume
- 26 (1906)
- Issue
- Heft 6 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- Seite 139 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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139 fordern: nur s o dürft Ihr glauben, und nicht anders! Das hieße, Vorsehung spielen; das hießen Euch die freie Selbstbestimmung rauben! Ich denke zu hoch'von der Bedeutung dieser Stunde, als daß ich sie so entweihen könnte. Was ich heute von Euch verlange, verlangen darf, das. ist nicht der Gottesglanbe der Ueberlieferung, das ist der Gottesglauben, den Ihr in Eurem eigenen Herzen erlebt habt; das ist nicht Dogma, das ist Religion; das ist das freudige Bekenntnis zu jenem tiefen Worte der Schrift: „Gott ist immerdar meines Herzens Fels uitb mein Teil". (Ps. 73,26) Soll ich Euch Dogmenglauben und Herzensreligion in ihrem Gegensatz zeichnen? In heiliger Waldesstille auf geweihtem Altar ist ein Feuer entzündet. Feierlich steigt die rote, rauchlose Flamme gegen die grünen Baumwipfel empor. Eine Lerche hüpft auf einen Zweig und schaut dem Feuer zu. Was hast du hier zu suchen? sagt die Flamme mit leisem Zischen. Hier ist mein Reich: ich diene Gott, weil ich ihm geweiht bin; ihm zu Ehren brenne ich auf seinem heiligen Altar. Da erhebt sich die Lerche jubelnd senkrecht in die freien Lüfte, gerade der Sonne entgegen. So hat ein trefflicher Meister das Bild gezeichnet. Versteht Ihr nicht des Bildes Deutung? Erkennt Ihr nicht in dem lodernden Feuer auf jenem Altar den unduldsamen Togmenglauben, der, abweisend und und ausschließend, für sich allein die Seligkeit erstrebt? Echte Herzensreligion aber steigt jubelnd empor aus der Tiefe unserer Seele; ihr Flug ist wie der Flug der Lerche, der aufwärts führt, gerade der Sonne entgegen. O, meine lieben Konfirmandinnen, wie auch Euer Leben sich gestalten mag, diese reine Herzensreligion muß in Euch lebendig bleiben. Sie ist das Fundament, auf dem Eure Entwicklnng ruht. Nach Vollendung sollt Ihr ringen vor dem Herrn, Eurem Gotte! Euer Streben muß wurzeln in dem Glauben an ihn. Aber der Glaube allein macht noch nicht den Inhalt eines Menschendaseins aus. Er ist nur ein Vorgang in dem Leben unserer Seele; er ist das Innerlichste und Persönlichste, was es auf Erden giebt. Wir sind der Welt für unfern Glauben nicht verantwortlich. Und doch leben wir in der Welt: und doch bedürfen wir der Welt: die Menschen sind aufeinander angewiesen. Darum muß zu der Herzensreligion die Tat sich gesellen. Wir stellen neben dem Glauben das Wirken. Nicht als ob die beiden Begriffe so ganz unabhängig von einander wären! Nicht als ob ihnen jede innere Verbindung fehlte! O nein! Das rechte Wirken verlangt auch Glauben: den Glauben an das Göttliche im Menschen. Wo dieser Glauben nicht vorhanden ist, da ist jede sittliche Lebensarbeit unmöglich, denn nur aus ihm kann die sittliche Tat herauswachsen. Und zu dieser Auffasiung sollt auch Ihr, meine lieben Konfirmandinnen, Euch heute bekennen. Wie Eure sittliche Weltanschauung im Leben sich betätigen wird, das könnt Ihr noch nicht wiffen; das hängt von den Schicksalswegen ab, die Ihr gehen werdet. Aber das Eine wißt Ihr, weil Ihr es innerlich erfahren habt: in uns allen ruht der Keim zum Guten; wir brauchen ihn nur zu entfalten. Gott schuf, den Menschen in seinem Bilde. Und damit ist Euch auch Euer Lebensweg vorgezeichnet. Ihr